Beirut

Ein Land ist in Trümmern

Die Explosion im Hafen von Beirut war eine Katastrophe. Aber nun zeigt sich eine noch größere Katastrophe: Der Libanon ist ein korruptes Land, das System wankt.
Explosion in Beirut: Ein Haus nach der Zerstörung durch die Explosion
Foto: Marwan Naamani (dpa) | Ein Haus, das durch die Explosion zerstört worden ist: Mindestens 160 Menschen sind gestorben, über 6.000 Menschen wurden verletzt.

Nach der ersten Explosion erhob sich eine Rauchsäule über dem Hafen Beiruts. Die Bewohner der Stadt gingen zu ihren Fenstern, um zu sehen, was geschehen war. Es folgte eine zweite Explosion und nun ein rötlicher Rauch. Gespannt schauten sie durch das Fensterglas, das die dritte Explosion und ihre mächtige Schockwelle dann zersplittern und tiefe Wunden in ihre Körper schneiden ließ.

Grobe Inkompetenz der libanesischen Behörden

Die Katastrophe im Hafen von Beirut, die über 150 Anwohner der Stadt das Leben kostete, über 6.000 Menschen verwundete und über 300.000 Libanesen von einem Moment auf den nächsten obdachlos werden ließ, ist zugleich auch eine Implosion des Staates. Libanesischen Medienberichten zufolge war die Ursache der Katastrophe die grobe Inkompetenz der libanesischen Behörden. Im Jahr 2013 hatte die Hafenbehörden aus unbekannten Gründen 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat von einem unter moldauischer Flagge fahrenden Schiff beschlagnahmt, das auf dem Weg nach Mosambik war. Seitdem lagerte dieser hochexplosive Stoff, der sowohl zur Herstellung von Sprengstoffen als auch von Düngemitteln benutzt wird, unsachgemäß und ungesichert in einer Lagerhalle. Der Generaldirektor des Hafens warnte in den folgenden Jahren die zuständigen Ministerien mehrfach vor den dadurch bestehenden Gefahren – aber es wurde nichts unternommen. Am Tag der Explosion sollen Hafenarbeiter bei Schweißarbeiten eine Kettenreaktion ausgelöst haben, die das Ammoniumnitrat explodieren ließ. Der libanesische Präsident Michel Aoun hat jedoch auch nicht ausgeschlossen, dass es sich um einen Terrorangriff handeln könnte. Die Explosion sei entweder die Folge von „Nachlässigkeit oder ausländischer Einflussnahme durch eine Rakete oder Bombe“.

In den Straßen Beiruts hingegen wird auch die an der Regierung beteiligte Terrororganisation Hisbollah für die Katastrophe verantwortlich gemacht. In europäischen Großstädten wurden in den vergangenen Jahren immer wieder Hisbollah-Terroristen mit größeren Mengen Ammoniumnitrat festgenommen. Eine eingesetzte Kommission soll die Gründe für die Katastrophe klären und die Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen. Aber die Katastrophe ist größer als die Explosion, die sich in Beirut am 4. August ereignete – vielleicht legt sie das gesamte politische System und die libanesische Gesellschaft in Trümmer.

Noch immer nicht vom Bürgerkrieg erholt

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Der Libanon hat sich noch immer nicht von dem Bürgerkrieg erholt, der zwischen 1975 und 1990 im Land herrschte. Jahrzehntelange Korruption und politische Krisen seit dem Ende des Bürgerkriegs verhinderten ein Wirtschaftswachstum, das durchaus möglich gewesen wäre. Gleichzeitig wurde das Vertrauen der Bürger in ihre Eliten immer mehr erschüttert. Es wird geschätzt, dass die Hälfte der libanesischen Bevölkerung in Armut lebt und 40 Prozent der Menschen arbeitslos sind. Bereits im Mai stieg der Preis für Nahrungsmittel um 190 Prozent – und die Explosion im Hafen von Beirut hat nun 80 Prozent der Getreidereserven des Landes vernichtet. Bereits vor der Katastrophe verhandelte das Land über Finanzhilfen mit dem Internationalen Währungsfonds,  um so einen Staatsbankrott abzuwenden – jedoch scheiterten die Verhandlungen an mangelnder Bereitschaft zu politischen Reformen.

Seit dem Ende des Bürgerkrieges gilt das sogenannte „Taif-Abkommen“. Es schreibt die Verteilung von Kabinetts- und Parlamentspositionen entlang der ethnischen Linien des Libanon vor, und soll so sicherstellen, dass Christen und Muslime gleichberechtigt vertreten sind. Im libanesischen Parlament, das 128 Sitze hat, verfügen Christen und Muslime jeweils über 54 Sitze, wobei die muslimischen Sitze zu gleichen Teilen zwischen Sunniten und Schiiten aufgeteilt sind. Die restlichen 20 Sitze werden an andere, kleinere ethnische Gruppen vergeben. Es gibt also keine Möglichkeit, dass eine einzelne Gruppe eine parlamentarische Mehrheit erhält: Um regieren zu können, müssen Koalitionen gebildet werden. Ergebnis dieser Praxis ist aber nicht eine funktionierende Demokratie, sondern ein Land der Korruption.

Der Libanon wieder von Paris regiert?

Während des Macron-Besuchs in Beirut haben 60.000 Libanesen mit einer Petition im Internet dazu aufgerufen, dass einst vom Völkerbund an Frankreich  erteilte Mandat wieder einzurichten  den Libanon von Paris aus regieren zu lassen. Die Wut der Menschen in Beirut zeigte sich am vergangenen Wochenende deutlich auf den Straßen. Mit Protestschildern, „Tretet zurück oder ihr werdet gehängt“ zu lesen war, zogen Tausende auf den zentral gelegenen Märtyrer-Platz.

Andere besetzten kurzfristig das Außenministerium und stürmten die Wirtschafts- und Energieministerien, um Dokumente zu suchen, die die Korruption aufdecken. Am Wochenende sind die drei Parlamentsmitglieder der christlichen Oppositionspartei Kataeb zurückgetreten Am Montag  hat dann schließlich auch Premierminister Hassan Diab den Rücktritt der Regierung bekannt gegeben. In einer kurzen Fernsehansprache sagte er: „Ich erkläre heute den Rücktritt dieser Regierung. Möge Gott den Libanon schützen.“ Diese abschließende Fürbitte wiederholte er drei Mal. Sein Urteil: Die politische Klasse habe Schuld auf sich geladen.

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