Pro & Contra Atomausstieg

Aus allem raus geht nicht

Wenn wir den beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren und das Ende der Abhängigkeit von Russland wollen müssen wir für eine Übergangszeit auch wieder auf Kernenergie setzen.
Diskussion um Atomkraft
Foto: Julian Stratenschulte (dpa) | Ändert der Gesetzgeber das Atomgesetz nicht, werden auch die aktuell noch in Betrieb befindlichen drei Reaktoren mit ihrer Nettoleistung von rund vier Gigawatt nach dem Jahresende abgeschaltet werden müssen.

Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Fehler in der deutschen Außen-, Sicherheits- und Verteidigungspolitik schonungslos offengelegt. Die Politik hat rasch reagiert. „Zeitenwende“ nannte das der Kanzler, man darf gespannt sein, welche Taten dem nun folgen. Aber: Kann auf den Feldern, die mit der inneren und äußeren Sicherheit in einem direkten Zusammenhang stehen, alles beim Alten bleiben?

Drei Fakten vorweg. Erstens: Die Abhängigkeit von Russland wäre auch falsch gewesen, wenn die Ukraine heute noch in Frieden lebte. Die Konzentration auf einen Lieferanten ist per se volks- wie betriebswirtschaftlich falsch. Zweitens: Wir bezahlen Unsummen an einen Anbieter, der einen verbrecherischen Krieg führt. Ob das Geld die Kriegskasse füllt oder aber nur der Liquidität dient, ist unerheblich. Drittens: Die Illusion, aus Kernenergie und fossiler Energie gleichzeitig aussteigen zu können, hat die Abhängigkeit von Dritten erst befördert. Eine Binsenweisheit – es lässt sich nicht per Federstrich die eine Energiequelle (fossil) aus- und die andere (regenerativ) gleichzeitig einschalten.

Energietechnisch aus Putins Schwitzkasten entkommen

Lassen wir den außenpolitischen Flurschaden einmal beiseite, der in Polen, dem Baltikum und der Ukraine durch das Festhalten an Nord-Stream-II entstanden ist. Jetzt geht es um die Frage, wie Deutschland energietechnisch aus Putins Schwitzkasten wieder herauskommt, ohne dass die Wirtschaft in die Rezession rutscht und für die Bürger Energie zum Luxusartikel mutiert.

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Energiesparen fördern, E-Mobilität forcieren, Ausbau erneuerbarer Energien vorantreiben, alles richtig. Aber: Auch mit noch so viel Geld ist dieser Prozess nicht wesentlich zu beschleunigen. Bekanntlich wächst Gemüse im Garten auch nicht schneller, wenn man täglich daran zieht. Andererseits: Die Bilder aus der Ukraine jagen uns täglich Schauer über den Rücken. Wer möchte da noch zum Kundenkreis eines Aggressors gehören, der seine Nachbarschaft mit Terror überzieht?

Kaum ein Nachbar hat unseren Sonderweg nachvollzogen, aus Kern- und Fossilenergie gleichzeitig auszusteigen. Frankreich zum Beispiel baut seine Kernenergienutzung aus. Das muss man hier nicht nachahmen, zumal die innenpolitischen Diskussionen ebenso vorhersehbar sind wie die Schwierigkeiten innerhalb der Ampel. Wenn wir aber den beschleunigten Ausbau der Erneuerbaren und das Ende der Abhängigkeit von Russland wollen, liegt es nahe, für eine Übergangszeit auch wieder auf Kernenergie zu setzen. Auch das geht nicht über Nacht, weil die einschlägigen Sicherheitsupdates erst noch vollzogen werden wollen. Das Argument, die Endlagerung der radioaktiven Abfälle sei noch nicht geklärt, zieht an dieser Stelle nicht. Diesen Prozess müssen wir ohnehin finalisieren. Für die Frage, wie und wo wir die Endlagerproblematik lösen, ist es relativ unerheblich, ob die Kraftwerke eine Laufzeit bis 2022 oder 2032 hatten.

Wir brauchen Pragmatismus

Umgekehrt formuliert: Ändert der Gesetzgeber das Atomgesetz nicht, werden auch die aktuell noch in Betrieb befindlichen drei Reaktoren mit ihrer Nettoleistung von rund vier Gigawatt nach dem Jahresende abgeschaltet werden müssen. Wie die dann fehlende Leistung anderweitig und im Sinne von Versorgungssicherheit dargestellt werden soll, ist bislang unklar. So viel Windräder können in den nächsten acht Monaten sicher nicht gebaut werden, von der notwendigen Netzertüchtigung einmal ganz zu schweigen.

Soll also eine schnelle wie tragfähige Lösung her, brauchen wir Pragmatismus, nicht die erneuten Diskussionen aus den 1980er Jahren. Der kann sich darin ausdrücken , bestehende Kernkraftwerke am Netz zu lassen und eine Reihe von Anlagen soweit zu ertüchtigen, dass sie in Kürze wieder ans Netz gehen können.

Der Autor gehörte von 1998 bis 2017 für die CDU dem Bundestag an. Von 2004 bis 2018 war Dörflinger Bundesvorsitzender des Kolpingwerks.


Soll man angesichts des russischen Krieges in der Ukraine am Ausstieg aus der Atomkraft festhalten? Ja, meint Tagespost-Autor Josef Bordat. Jetzt ist es an der Zeit, in eine Zukunft mit erneuerbarer Energie zu starten.

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