Berlin

Auf den Sieg folgt die Arbeit

Friedrich Merz kann seinen Sieg nicht allzu lange genießen. Er muss die CDU jetzt gegenüber der Ampel klar in Position bringen.
Ein neuer Chef für eine Partei
Foto: Michael Kappeler (dpa) | Das Strahlen des Siegers: Friedrich Merz erzielte bereits im ersten Wahlgang der CDU-Mitgliederbefragung die absolute Mehrheit.

Der Jubel war groß. Nachdem letzte Woche Freitag im Konrad-Adenauer-Haus das Ergebnis der CDU-Mitgliederbefragung bekanntgegeben worden war, feierten die Anhänger von Friedrich Merz in den sozialen Netzwerken ihren Triumph. Hier hatten sie auch schon im parteiinternen Wahlkampf der Wochen zuvor kräftig für ihren Kandidaten getrommelt. Die Mobilisierung hat gewirkt. Merz erreichte bereits im ersten Wahlgang eindeutig mit 62 Prozent die absolute Mehrheit. Dazu kommt, dass sich gut zwei Drittel der Mitglieder an der Befragung beteiligt haben, eine außergewöhnlich hohe Zahl. Viel eindeutiger hätte der Gestaltungsauftrag an Friedrich Merz durch seine Parteifreunde kaum ausfallen können.

Merz soll wieder für Profil sorgen

Zu denen, die sich gefreut haben, gehört auch Gregor Strabel. Der Christdemokrat hatte besonders eifrig in den letzten Wochen für Merz bei Facebook die Werbetrommel gerührt. Der Tenor dabei: Anders als seine Konkurrenten Helge Braun und Norbert Röttgen sei der 66-jährige Sauerländer ein Gewährsmann dafür, dass die CDU wieder zu sich selbst und dem ihr angestammten politischen Profil finde. Strabel hatte auch hautnah miterleben müssen, welche Folgen das Wahldesaster der Union hatte. Er arbeitete nämlich als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Bundestagsabgeordnete Veronika Bellmann. Die Sächsin, die auch dem „Berliner Kreis“, einem Zusammenschluss konservativer CDU-Politiker und Abgeordneter, angehört, schaffte nicht den Wiedereinzug ins Parlament.

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Was erwartet Strabel nun von Merz, welche Wünsche hat er an den designierten CDU-Vorsitzenden und sieht er auch Gefahren, dass Merz seine Anhänger, die so fleißig für ihn geworben haben, enttäuschen könnte? „Die Wähler wollen nicht über die sexuelle Orientierung, das Alter, das Geschlecht der Partei- und Staatsspitze diskutieren. Gute Politiker, die Problemlösungen anbieten und Vertrauen in die Zukunft wecken, wären ein Anfang. Tatkräftige Überzeugungstäter, die sagen, was sie denken und tun, was sie ankündigen“, sagt Strabel dieser Zeitung. Stellt aber auch fest:  „Die Spaltung der Partei macht schnelle Wunder unrealistisch. Ein Blick auf die Träume und Schäume der Ampel relativiert aber jeden Streit in der Union. Der Feind steht wieder links!“ Strabel hofft also darauf, dass der Blick auf den gemeinsamen politischen Gegner die Union über ihre Flügelkämpfe hinweg wieder eint. Und in der Tat bietet gerade die Gesellschaftspolitik der Ampel-Regierung viel Zündstoff für CDU-Stammwähler.

Rückschlüsse auf das Familienbild von Merz?

Doch mit einer Äußerung hat Friedrich Merz nun selbst Wasser in den Wein gegossen. Direkt am Freitagabend hatte er in der ARD-Sendung „Farbe bekennen“ erklärt, er könne sich ein Adoptionsrecht für unverheiratete homosexuelle Paare vorstellen. „Das ist ein Thema, das wir schon seit längerer Zeit diskutieren. Spricht aus meiner Sicht nichts dagegen“, sagte er. War das nur ein Schnellschuss oder lässt dieses Statement schon Rückschlüsse auf das Familienbild von Merz zu? Fragen, die sich jetzt vor allem diejenigen unter seinen Unterstützern stellen, die sich von ihm einem Stärkung des „C“-Profils erhoffen.

Hier steht Merz auch noch auf einem anderen Feld eine Bewährungsprobe bevor. Bundesjustizminister Marco Buschmann (FDP) hat angekündigt, dass bereits im Januar ein Gesetzentwurf zur Abschaffung des Werbeverbots für Abtreibung vorgelegt werden soll. Geht die Union hier in die Offensive? Die „Christdemokraten für das Leben“ (CDL) erhoffen sich von der neuen Parteiführung klare Akzente in der Frage des Lebensschutzes: „Es ist nicht nur wünschenswert, sondern aus Sicht der CDL sogar dringend geboten, dass die CDU nun bei der bevorstehenden Neuorientierung ein klares und starkes Bekenntnis zum Lebensrecht und zur Würde jedes einzelnen Menschen in allen Phasen seines Lebens abgibt. Es ist lebensnotwendig für die CDU sich daran zu erinnern, dass der Schutz des Lebens zum Markenkern, zur DNS, der Unionsparteien gehört“, erklärt die CDL-Bundesvorsitzende, Susanne Wenzel, gegenüber dieser Zeitung.

Merz steht vor zwei großen Herausforderungen: Zuerst muss er schnell klären, ob er auch im Bundestag den Fraktionsvorsitz anstrebt. Anders als seine Mitbewerber, die hier kein Interesse zeigten, hatte Merz die Frage bisher offengelassen. Will er aber der Sprecher der Union als Opposition in der Öffentlichkeit sein, kann er nicht allein als einfacher Abgeordneter agieren. Ralph Brinkhaus ist bis April als Fraktionschef gewählt. Merz müsste nun schnell Nägel mit Köpfen machen. Im Moment seines Siegestriumphes verfügt er auch über die nötige Autorität dazu. Aber dieser günstige Augenblick ist schnell verflogen.

Das Lager seiner Unterstützer ist nicht homogen

Die andere Schwierigkeit, die sich Merz stellt: Das Lager seiner Unterstützer ist keineswegs so homogen wie es auf den ersten Blick scheint. Da sind einmal die Wirtschaftsliberalen, dann die Konservativen, die auf mehr Law and Order hoffen und schließlich diejenigen Christdemokraten, die sich ein stärkeres „C“-Profil wünschen. Sie eint die Gegnerschaft zum Status quo der Merkel-Ära. In anderen Punkten, und hier könnten die Gesellschaftspolitik und die Fragen des Lebensschutzes schnell zum Testfall werden, haben diese Fraktionen nicht automatisch eine gemeinsame Agenda. Merz muss nun diese Gruppen zusammenhalten. Das kann nur funktionieren, wenn jede von ihnen  genügend Beinfreiheit bekommt, um in ihren Schwerpunktthemen jeweils Akzente setzen zu können.

Merz muss moderieren, gleichzeitig aber auch führen. Vorerst würde es reichen, dass sich die einzelnen Flügel bei ihrer Profilierung nicht gegenseitig ins Gehege kommen und sich auf ihrer politischen Themenfelder konzentrieren. Aber auch das heißt: Merz kann seinen Sieg nicht allzu lange auskosten, er hat viel Arbeit vor sich. Bis Januar kann er nicht warten.

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