Berlin

Michael Blume unter Antisemitismus-Verdacht

Das Simon-Wiesenthal-Institut greift Michael Blume an. Der Baden-Württemberger Antisemitismus-Beauftragte habe antijüdische Social Media-Accounts gelikt.
Antisemitismusbeauftragter Michael Blume
Foto: Bernd Weißbrod (dpa) | Michael Blume weiß, woher die Vorwürfe gegen ihn kommen. Er benennt den Digitalaktivisten Benjamin Weinthal als Verursacher einer gezielten Kampagne gegen ihn.

Michael Blume ist der Antisemitismus beauftragte der Baden-Württembergischen Landesregierung. Der evangelische Christ ist Ansprechpartner für die Belange jüdischer Gruppen. Er sagt: „Antisemitismus ist nicht irgendein Verschwörungsglauben, sondern er bedroht die Grundlagen jeder friedlichen, freiheitlichen und rechtsstaatlichen Ordnung.“

Brückenbauer zwischen Baden-Württemberg und Israel

Jetzt werden gegen ihn aus dem Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles Vorwürfe erhoben: Er habe im Internet antijüdische, antiisraelische und konspirative Social Media-Acccounts gelikt und solche Beiträge weiterverbreitet. Das Zentrum ist nach dem ehemaligen KZ-Häftling Simon Wiesenthal benannt. Es wurde 1977 gegründet und ist durch seine Suche nach untergetauchten Nazi-Verbrechern bekannt geworden. Es führt eine Liste mit den aus seiner Sicht aktuell schwersten antisemitischen Vorfällen weltweit und nennt Blume und mit ihm das Bundesland Baden-Württemberg nun neben den größten Feinden Israels wie dem Iran oder der Hamas.

Der Vorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden (IRG), Rami Suliman, kann die Vorwürfe nicht nachvollziehen. Er nennt Michael Blume einen „Brückenbauer zwischen Baden-Württemberg und Israel“. Ihn auf eine gemeinsame Liste mit Feinden Israels zu setzen, sei ungeheuerlich. Rückendeckung gibt es auch von der Vorsitzenden der IRG Württemberg, Barbara Traub. „Wir kennen Michael Blume bereits seit fast zwei Jahrzehnten als einen außergewöhnlich engagierten und ausgesprochen kompetenten Kämpfer gegen Antisemitismus jeder Form.“ Blume sei ein Freund der jüdischen Gemeinschaft.

Blume geht in die Offensive

Michael Blume weiß, woher die Vorwürfe gegen ihn kommen und geht in die Offensive. Er benennt den Digitalaktivisten Benjamin Weinthal als Verursacher einer gezielten Kampagne gegen ihn. In seinem Skylog-Blog beschreibt Blume, wie er seit nunmehr drei Jahren im Internet von Weinthal verfolgt werde. Immer wieder stelle der Aktivist Forderungen auf, die Blume in seiner Funktion als Antisemitismusbeauftragter gar nicht erfüllen könne. So soll Weinthal von ihm gefordert haben, die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) zu veranlassen, das Konto des „Palestine Committee Stuttgart“ zu schließen. Auch habe Blume die Stadt Freiburg im Breisgau nicht aufgefordert, ihre Städtepartnerschaft mit dem iranischen Isfahan zu beenden. Immer mehr, berichtet Blume in seinem Blog, seien die Vorwürfe, die Weinthal erhoben habe, auch in den persönlichen Bereich hinein gegangen. So habe er Blumes Ehefrau Zehra, eine Muslima, und ihre gemeinsamen Kinder rassistisch angegriffen. „Es wurde immer offensichtlicher: Der Troll dreht völlig ab und hat längst jede Orientierung an der Realität verloren“, beschreibt der Antisemitismusbeauftragte.

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Schon vor Wochen habe der Aktivist darüber triumphiert, dass es ihm gelungen sei, das Simon-Wiesenthal-Center davon zu überzeugen, Blume auf die Prangerliste der „10 Worst-Antisemitic-Events 2021” aufzunehmen. Weinthal fordert den Rücktritt Blumes von seinem Amt. Sauber recherchiert seien die Vorwürfe allerdings nicht, argumentiert Blume. So werfe man ihm Facebook-Likes vor, die er zu einer Zeit getätigt haben soll, als er das Soziale Netzwerk im Jahre 2019 bereits verlassen hatte. Ebenso kritisch sieht er, dass Baden-Württemberg und er auf der Liste gelandet seien, ohne dass das Wiesenthal-Zentrum zuvor das klärende Gespräch mit ihm oder jüdischen Landesgemeinden in Baden und Württemberg gesucht habe.

Das sieht auch Ludwig Spaenle (CSU) so. „Es wäre sicher gut, wenn das Simon-Wiesenthal-Zentrum vor einer ,Nominierung‘ von Personen in seinen ,Top-Ten‘ mit den Einrichtungen vor Ort den Dialog führt, die die entsprechenden Personen kennen“, unterstreicht der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. Ihn habe die Nennung Michael Blumes in der ,Top-Ten-Liste des globalen Antisemitismus 2021‘ sehr verwundert, erklärt Spaenle gegenüber dieser Zeitung. „Ich kann diese Nennung nur ablehnen. Ich kenne  Michael Blume seit Jahren aus der engen persönlichen Zusammenarbeit, sowohl innerhalb der Bund-Länder-Kommission der Antisemitismus-Beauftragten als auch aus bilateralen Gesprächen und Kooperationen“, berichtet der Amtskollege aus Bayern. Sein großes persönliches Engagement gegen Antisemitismus werde in diesem Kreis sehr geschätzt. „Auch die öffentliche Wertschätzung von und die Solidarität mit Michael Blume durch die israelitischen Kultusgemeinden in Baden-Württemberg belegt für mich, dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum dem Kampf gegen die wahren Antisemiten mit dieser Nominierung einen schlechten Dienst erwiesen hat.“

Kretschmann steht hinter Blume

Auch Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) steht hinter Blume. Für ihn gebe es keinen Grund, an dessen Integrität zu zweifeln, sagte er gegenüber der NZZ. Die Vorwürfe des Zentrums seien für ihn nicht nachvollziehbar. Er halte es für fraglich, ob ein solches Ranking helfe, die gesellschaftliche Spaltung und den Antisemitismus zu überwinden. Sehr viel kritischer äußert sich gegenüber dem gleichen Medium der Historiker Michael Wolffsohn. Subjektiv sei Blume kein Antisemit, objektiv aber fördere er die Sache von Antisemiten, weil er offenbar nicht verstehe, dass Antizionismus Antisemitismus sei. Sein „vereinfachtes Fazit“, so Wolffsohn,  in dieser Angelegenheit: „Blume ist ein ,nützlicher Idiot‘ der Antisemiten.

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