Militärs sprechen beschwichtigend von Kollateralschäden. Für die von Hunger Bedrohten jedoch bahnt sich eine Katastrophe an, denn der Krieg am Persischen Golf trifft die Welt nicht nur über steigende Ölpreise. Es wächst eine Krise heran: die Gefahr eines globalen Düngemittel-Schocks. Besonders hart trifft er die Staaten, deren Landwirtschaft ohnehin unter klimatischen Veränderungen, Schulden und schwachen Lieferketten leidet. Das sind mehrheitlich die Länder Afrikas. Die Straße von Hormus zählt zu den wichtigsten Handelsrouten der Welt, nicht nur für Öl, sondern auch für Stickstoffdünger, Ammoniak und Harnstoff.
Nach Angaben des „International Food Policy Research Institute“ laufen große Teile des weltweiten Düngemittelhandels durch die Golfregion. Die Schließung der Meerenge gefährde etwa ein Drittel des weltweiten Seedüngerhandels. Die Folgen sind längst sichtbar. Die Preise für Harnstoff, den weltweit wichtigsten Stickstoffdünger, steigen seit Wochen, Lieferzeiten verlängern sich erheblich. Viele Staaten südlich der Sahara importieren massenhaft Düngemittel aus der Golfregion. Kenia, Ghana, Senegal und Äthiopien sind abhängig von stickstoffbasierten Importen. Für Kleinbauern, die oft nur wenige Hektar bewirtschaften, bedeuten Preissteigerungen meist Verzicht auf Dünger – und damit geringere Ernten. Mancherorts ist Hunger vorprogrammiert. „Ärmere Volkswirtschaften trifft die Hormus-Krise besonders hart“, heißt es in einer Analyse der Friedrich-Naumann-Stiftung zu den Folgen für Subsahara-Afrika. Länder mit geringen Reserven seien „strukturell verwundbar“.
Schon die Düngemittelkrise nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 hat gezeigt, wie empfindlich afrikanische Agrarsysteme reagieren. In mehreren Ländern sank damals der Düngemitteleinsatz drastisch; Mais- und Weizenerträge gingen zurück. Nun droht eine Wiederholung unter noch schwierigeren Bedingungen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen warnt inzwischen vor einem „systemischen Agrar- und Ernährungsschock“. Sollte die Krise am Golf anhalten, könnten Lebensmittelpreise weltweit deutlich steigen.
Keine strategischen Reserven
Besonders gefährdet seien fragile Regionen im Sahel, etwa in den Krisenländern Mali, Burkina Faso und Sudan, aber auch am Horn von Afrika, wo Millionen Menschen direkt von lokalen Ernten abhängen. Problematisch ist auch das Timing: In Westafrika setzt jetzt der Monsun ein, im zentralen Sahel beginnt die feuchte Phase meist ebenfalls zwischen Mai und Juni. Jetzt ist Aussaatzeit. Fehlender Dünger lässt sich kurzfristig kaum ersetzen. Anders als bei Öl existieren für Düngemittel fast keine strategischen Reserven.
In Nigeria, Afrikas größtem Düngemittelproduzenten, versucht die Regierung gegenzusteuern. Das Land verfügt zwar über eigene Erdgasreserven und große Anlagen zur Harnstoffproduktion, doch auch hier steigen Energie- und Transportkosten rapide. Als Reaktion auf die neue Importabhängigkeit setzen viele afrikanische Staaten verstärkt auf lokale Alternativen. Dazu gehören organische Dünger aus Kompost, Pflanzenresten oder tierischen Abfällen, aber auch agrarökologische Methoden wie Fruchtwechsel mit stickstoffbindenden Pflanzen. In Kenia etwa arbeiten Forschungsprojekte daran, mineralischen Dünger teilweise durch lokal aufbereitete organische Stoffe zu ersetzen. Das Fraunhofer-Institut IGB spricht von einer „ressourceneffizienten Systemlösung“, bei der regionale Abfälle wieder in den landwirtschaftlichen Kreislauf zurückgeführt werden.
Hilfswerke warnen
Parallel wächst das Interesse an „grünem Ammoniak“, also Düngerproduktion auf Basis erneuerbarer Energien. In Namibia und Marokko entstehen erste Pilotprojekte, die mit Solar- und Windstrom Wasserstoff und daraus Ammoniak herstellen wollen. Die UN-Industrieorganisation UNIDO sieht darin eine Chance, Afrikas Abhängigkeit von Importen dauerhaft zu senken und eine eigene Industrie aufzubauen. Nach Angaben der Organisation fehlen dem Kontinent jährlich fünf Millionen Tonnen Dünger; lokale Produktion könnte diese Lücke langfristig schließen.
Die Kirche blickt mit Sorge auf die Entwicklung. Hilfswerke warnen vor den sozialen Folgen neuer Ernährungskrisen in Afrika. Bei seiner Afrikareise sprach Papst Leo XIV. von einem „Hunger nach Zukunft“, der nur durch Gerechtigkeit und Frieden gestillt werden könne. Gerechtigkeit und Frieden durch Dünger, das ist für viele Länder mit drohenden Hungerkrisen das Gebot der Stunde. Denn für Millionen afrikanischer Bauern geht es ums Überleben: Wer weniger düngt, erntet weniger. Wer weniger erntet, verdient weniger und kann sich im nächsten Jahr erneut keinen Dünger leisten. Der Krieg am Golf zeigt damit einmal mehr, wie eng Geopolitik und Ernährungssicherheit inzwischen verbunden sind. Eine blockierte Meerenge zwischen Iran und Oman kann darüber entscheiden, ob in Malawi Mais wächst oder in Somalia die nächste Hungersaison beginnt.
Der Autor ist Journalist und Afrika-Experte.
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