Russische Orthodoxie

An der spirituellen Front

Wladimir Putin und Patriarch Kyrill instrumentalisieren das Kriegsgedenken, um Moskaus Krieg als Notwehr zu stilisieren.
Patriarch Kyrill in der Hauptkirche der Streitkräfte der Russischen Föderation in Moskau
Foto: Sergej Wlassow | In der Hauptkirche der Streitkräfte der Russischen Föderation in Moskau nutzte Patriarch Kyrill am Sonntag das Weltkriegsgedenken zur spirituellen Mobilmachung.

Nicht nur um den Osten und den Süden der Ukraine, auch um die Zeitgeschichte und ihre Deutung werden derzeit erbitterte Schlachten geschlagen. Darum werden all die Parallelen, die Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj zu Wochenbeginn zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem aktuellen Krieg in der Ukraine zogen, sich auch im Unendlichen nie schneiden.

Selenskyj wollte das Weltkriegsgedenken nicht einfach Moskau alleine überlassen. Er erinnerte daran, dass mehr als acht Millionen Ukrainer im Zweiten Weltkrieg ihr Leben ließen, zog Vergleiche zwischen den deutschen Nazis und dem Rassismus Putins. Dieser wiederum nutzte den 9. Mai, der unter seiner Herrschaft zum höchsten russischen Feiertag stilisiert wurde, um den Westen und die Ukraine in den Fußspuren der Nazis zu orten.
Die Schrecken eines globalen Krieges dürften sich nicht wiederholen, sagte Putin in seiner Ansprache bei der Militärparade am Montag, an der rund 11.000 Personen teilnahmen, um dann die Staaten des Westens als eigentlichen Aggressor zu rügen. Russland habe den Westen zu einem „ehrlichen Dialog“ aufgefordert, aber dieNATO habe keinen Dialog gewollt, sondern stattdessen hunderte ausländischer Berater und immer mehr Waffen in die Ukraine geliefert. „Die Gefahr stieg von Tag zu Tag“, erklärte Putin, um darzulegen, warum „ein präventiver Schlag“ Russlands am Ende „die einzige Möglichkeit“ gewesen sei.

Die USA würden fast die ganze Welt erniedrigen, „aber Russland hat einen anderen Charakter“, so Wladimir Putin, der dem Westen Russophobie vorwarf. Direkt an die „Kämpfer im Donbass“ gewandt, sagte der russische Staatschef: „Ihr kämpft für die Zukunft, für das Vaterland!“ Viele seien „im gerechten Kampf für Russland“ gefallen, so Putin, der die ukrainischen Opfer – die Vertriebenen, Vergewaltigten, Ermordeten und Hungernden – mit keinem Wort erwähnte.

„Dass unser Vaterland stark und unbesiegbar wird“

Unter den Ehrengästen saß da auch der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Kyrill, der Putins Krieg von Anfang an als Abwehrschlacht gegen den Westen gerechtfertigt hatte. Am Vortag der Zeremonie auf dem Moskauer Roten Platz legte Kyrill am Sonntagabend einen Kranz am Grab des unbekannten Soldaten in der Nähe der Kremlmauer nieder. An dieser Zeremonie nahmen nicht nur zahlreiche Metropoliten und Bischöfe teil, sondern auch der Militärkommandant von Moskau und etliche Offiziere. Dabei rühmte Kyrill „das Heldentum unserer Streitkräfte“ und „die Stärke des Geistes unseres Volkes, die Fähigkeit, sein Leben für das Vaterland einzusetzen“.

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Diese „Fähigkeit, für die höchsten Ideale zu sterben, die der Glaube, das Volk und das Vaterland sind“, mache „unser Volk, unser Land unbesiegbar“. Die orthodoxe Kirche und die Streitkräfte müssten den Menschen einen Sinn für Patriotismus und Loyalität vermitteln, und die Bereitschaft, das Vaterland zu verteidigen, predigte Kyrill. „Wir alle müssen daran arbeiten, dass unser Vaterland stark und unbesiegbar wird, und dies wird die Garantie für unsere wahre Freiheit sein.“

An den Klerus gewandt, sagte der russische Patriarch: „Auch heute werden an der spirituellen Front die schicksalhaftesten Schlachten geschlagen.“ Die Kirche müsse „die Menschen an dieser spirituellen Front schützen, sie im Glauben, in der Liebe zum Vaterland, in der Widerstandsfähigkeit gegen jene Lebensnormen, Verhaltensweisen und Weltanschauungen erziehen, die der historischen Tradition unseres Volkes fremd sind“. Vielleicht, weil seine Aussage wenige Tage zuvor, Russland habe noch nie einen Angriffskrieg geführt, vielfachen Widerspruch hervorrief, versuchte sich Kyrill am Sonntag in einer Predigt als Historiker. Er erklärte da etwa, dass „Sarajevo“ (gemeint war die Ermordung des österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand durch den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip, Anm.) eine gezielte Provokation der westlichen Streitkräfte gewesen sei: „Alles zielte darauf ab, dass Serbien, ein orthodoxes Land, das im Geiste Russland nahe steht, aber von westlichen Ländern umgeben lebt, aufhört zu existieren. Der Westen wollte dieses mutige orthodoxe Volk, das Russland liebte, nicht unter seinen Völkern haben und provozierte den Ersten Weltkrieg.“ Russland sei in diesen Krieg nur eingetreten, „um das brüderliche serbische Volk zu retten“.

Kyrills Fazit: „Russland opferte sich selbst, um anderen zu helfen.“ Auch heute gelte es, „unser Vaterland an verschiedenen Grenzen zu verteidigen“, so der Patriarch.

Ähnlich wie Präsident Putin am Folgetag, interpretierte der russische Patriarch am Sonntag den aktuellen Krieg als Verteidigung der Heimat: „Russland will niemandem Schaden zufügen, will niemanden erobern und besetzen, will niemandem Ressourcen entziehen, wie es die meisten reichen und starken Länder der Welt tun, die schwache und hilflose Länder wirtschaftlich besetzen. Wir brauchen das alles nicht, wir sind autark“. Weil jedoch die heutigen „Weltmachtzentren“ Russland „feindlich gegenüberstehen“, müsse sein Land alle Kräfte bündeln, „damit niemand es wagt, in die heiligen Grenzen unseres Vaterlands einzudringen“.

„Den Krieg gewinnen, den Geist des Krieges besiegen“

Sein dauerhafter rhetorischer Schulterschluss mit dem Kreml-Regime hat Patriarch Kyrill nicht nur innerkirchlichen Ärger eingebracht. In der Vorwoche schlug die EU-Kommission im Rahmen ihres aktuellen Sanktionspakets vor, das Kirchenoberhaupt mit einem Einreiseverbot zu belegen und sein Vermögen in der EU einzufrieren. Lediglich Ungarns Regierungschef Viktor Orbán lehnt Sanktionen gegen den Moskauer Patriarchen mit Verweis auf die Religionsfreiheit ab. Der bekannte russisch-orthodoxe Theologe Sergej Chapnin jedoch meint, die russische Orthodoxie sei längst eine staatliche Körperschaft.

Nahezu täglich verlassen Kirchengemeinden die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ (UOK-MP) und wechseln zur autokephalen „Orthodoxen Kirche der Ukraine“ (OKU). Das Oberhaupt der UOK-MP, Metropolit Onufrij, appellierte am Sonntag an Wladimir Putin als „eine Person, deren Familie die Belagerung Leningrads überlebt hat“, eine Evakuierung aller Zivilisten und Soldaten, die dies wünschen, aus Mariupol zu erlauben. Russland selbst sei in Syrien ja als Vermittler bei der Evakuierung von umzingelten Kombattanten aufgetreten, heißt es in einem offenen Brief, der an den russischen Präsidenten gerichtet ist. Er hoffe darauf, dass Putin „dem Extraktionsverfahren für die ukrainische Garnison in Mariupol auf christliche Weise zustimmen und Zivilisten, Polizisten, Grenzschutzbeamte und Soldaten, die umzingelt sind, die Möglichkeit geben wird, das von der Ukraine kontrollierte Gebiet zu betreten oder in Drittstaaten auszureisen“. Anders als sein kirchliches Oberhaupt, der Moskauer Patriarch Kyrill, betete Onufrij am Montag im Kiewer Höhlenkloster für alle ukrainischen Soldaten, die bei der Verteidigung der Ukraine im aktuellen Krieg starben.

Kyrill, Moskau, Krieg

Das staatliche Amt für Ethnopolitik und Gewissensfreiheit in der Ukraine (DESS) berichtet unterdessen, dass durch die russischen Attacken bis jetzt mindestens 116 religiöse Gebäude zerstört wurden, darunter 91 orthodoxe Kirchen, aber auch katholische und evangelische Kirchen, Synagogen und Moscheen. Kein Wunder, dass Kyrills Ansehen in der Ukraine am Nullpunkt ist. Auch bei Anhängern der UOK-MP.

Die Ukraine erstaune die Welt mit ihren Opfern und ihrem Heldenmut, meinte das Oberhaupt der ukrainischen Katholiken des byzantinischen Ritus, Großerzbischof Swjatoslaw Schewtschuk, in seiner Videobotschaft von Sonntag. „Die Ukraine verteidigt die Welt mit ihren großen Opfern.“ Nun müsse sie „nicht nur den Krieg gewinnen, sondern auch den Geist des Krieges besiegen“. Jene, die Kriege planen und einen Geist des Krieges tragen, um ihn in der modernen Welt zu verbreiten, sollten aus der Weltgemeinschaft ausgeschlossen werden, meinte der unierte Großerzbischof.

„Der russische Faschismus tut das Werk des Teufels“

Russland sehe seine Hauptaufgabe darin, „das ukrainische Volk zu vernichten“, meinte Schewtschuk in einer Botschaft an die Vollversammlung des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen. Die Anweisungen des russischen Militärs in der Ukraine könnten geradezu „ein Lehrbuch über Völkermord genannt werden“. Zehn Millionen Ukrainer seien bereits gezwungen worden, ihre Häuser zu verlassen. Die Hälfte davon habe auch das Land verlassen müssen. In den zunächst besetzten, später befreiten Orten gebe es massenhaft Gräber, die nun Orte des gemeinsamen Gebets von Orthodoxen, Katholiken, Protestanten, Juden und Muslimen seien.

„In dieser Tragödie haben sich die Religionsgemeinschaften zusammengeschlossen wie nie zuvor“, so Schewtschuk. 17 gemeinsame Appelle habe der „Gesamtukrainische Rat der Kirchen und Religionsgemeinschaften“ seit Kriegsbeginn veröffentlicht, und dies stets unter Einschluss der UOK-MP. Diese sei gleichwohl in einer „Identitätskrise“, fühle sich heute „an den Rand gedrängt und aus dem Leben des ukrainischen Volkes verdrängt, obwohl die meisten der zerstörten Kirchen dieser Konfession gehören“. Kyrills Agieren hält der Großerzbischof jedoch für gefährlich – nicht allein für Russlands Orthodoxie, sondern für das Christentum insgesamt. „Leider ist die russisch-orthodoxe Kirche zur Geisel von Putins Staatsdoktrin geworden.“

Während Wladimir Putin auf dem Moskauer Roten Platz die Ukraine des Nazismus beschuldigte, erhob der Primas der autokephalen OKU, Metropolit Epifanij, diesen Vorwurf in der umgekehrten Richtung. Er erinnerte in seiner Sonntagspredigt an den Sieg der Alliierten über Hitler, um dann anzumerken: „Jahrzehntelang schien es uns, dass sich ein Übel wie der Nationalsozialismus in Europa nicht wiederholen könne. Aber neben uns, im Nachbarland, dessen Volk in diesem Krieg sehr gelitten hat, ist jetzt das Böse des Nazismus gewachsen.“ Mit einer verlogenen Propaganda und „genährt von heftigem Hass auf Wahrheit und Freiheit, einem Verlangen nach Krieg und Blutvergießen, tut der russische Faschismus jetzt das Werk des Teufels, indem er Verderben und Tod sät“, so Epifanij wörtlich. Er sei jedoch überzeugt davon, dass unser Volk und die gesamte zivilisierte Welt, die mit der russischen Aggression zu kämpfen hat, mit Gottes Hilfe das Reich des Bösen des Kreml besiegen werden“.

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