Am Rande des Bürgerkriegs

Nicaragua erlebt eine Welle der Gewalt – Das Militär belagert sogar Kirchen. Von Marcela Velez-Plickert
Nach der Belagerung einer Kirche in Nicaragua
Foto: dpa | Die Angehörigen eines Todesopfers der Kirchen-Belagerung tragen den Studenten zu Grabe.

Ein solches Blutvergießen habe er in den letzten drei Jahrzehnten nicht erlebt, sagt José Miguel Vivanco, Direktor von Human Rights Watch für die lateinamerikanische Region. „Die Polizei und Schlägertypen gehen von Stadt zu Stadt und töten und entführen Leute mit totaler Straflosigkeit.“ Laut der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte sind in den vergangenen drei Monaten mindestens 267 Menschen in Nicaragua bei Protesten getötet worden – von Polizeikräften und Paramilitärs, die loyal zum linken Präsident Daniel Ortega stehen.

Bischöfe werden als Putschisten diffamiert

Das Land ist in akuter Finanznot, seit die Unterstützung aus dem sozialistischen Ölland Venezuela austrocknet. Pläne für Rentenkürzungen hatten Mitte April zu ersten Demonstrationen vor allem von Studenten geführt, die sich dann über das ganze Land ausbreiten. Inzwischen verlangen die Demonstranten den Rücktritt von Ortega und seiner Ehefrau Rosario Murillo, die er zur Vizepräsidentin gemacht hat, und zudem vorgezogene Neuwahlen. Das Regime schlägt brutal zurück. Die Kirche hat mehrfach Vermittlungen angeboten, doch wurden die Verhandlungen von der Regierung Ortega sabotiert. Ortega hat eine eigene Version der Vorgänge. Kapitalistische Geschäftemacher und das „nordamerikanische Imperium“ stünden hinter den Unruhen, die er einen „Staatsstreich“ nennt. Auch die Bischöfe seien „Teil des Plans der Putschisten“. In der Opposition gebe es nicht nur Kriminelle, sondern sogar „Satanisten“, sagte Ortega vergangene Woche – begleitet von seiner Frau und den Außenministern Kubas und Venezuelas – bei einer Feier zum 39. Jahrestag der Revolution der linksgerichteten Sandinisten. Die Revolution hatte ihn nach dem Sturz des rechten Diktators Somoza Ende der siebziger Jahre erstmals an die Macht gebracht, 1990 verlor er sie in demokratischen Wahlen. 2006 schaffte er es wieder an die Macht.

Inzwischen habe sich Ortega in seinem autoritären und korrupten Führungsstil immer mehr dem früheren Diktator angenähert, sagen seine Kritiker. „Ortega y Somoza son la misma cosa“ (Ortega und Somoza sind die gleiche Sache) rufen Protestler. „Daniel Ortega ist machthungrig und geldhungrig“, sagt Bischof Silvio José Báez aus der Hauptstadt Managua, einer der offensten Kritiker des Regimes. Der Präsident kenne nur „die Sprache der Verschwörung, des Zynismus und leider auch der Gewalt“.

Kirchen werden vom Militär beschossen

Nur einen Tag vor der Revolutionsfeier, bei der tausende Anhänger dem Präsidenten zujubelten, haben hunderte Studenten ein fürchterliches Martyrium durchgemacht. Zwei junge Studenten, Gerald Vásquez und Ezequiel Gutiérrez, wurden mit Kopfschüssen getötet. Die Demonstranten hatten sich auf dem Campus der Autonomen Nationaluniversität in Managua verschanzt. Plötzlich wurden sie von Anti-Riot-Polizei, die mit Sturmgewehren bewaffnet ist, angegriffen. Etwa zweihundert Besetzer flüchteten in die Kirche Divina Misericordia, der Pfarrer bot ihnen Kirchenasyl. Das Gotteshaus wurde daraufhin mehr als zwölf Stunden lang belagert und beschossen. Paramilitärs verhinderten auch den Abtransport von Schwerverletzten, berichteten Augenzeugen. Über soziale Medien veröffentlichten die eingeschlossenen Studentinnen und Studenten erschütternde Videos: „Ich liebe Dich, Mama. Ich bereue es nicht, ich werde sterben, aber ich habe mein Land verteidigt“, sagt eine junge Frau weinend in einem Video, während man im Hintergrund Gewehrschüsse hört. Erst nachdem der Apostolische Nuntius Waldemar Sommertag und Kardinal Leopoldo Brenes direkt bei Präsident Ortega intervenierten, wurde die Belagerung der Kirche am nächsten Morgen abgebrochen.

Wirtschaftskrise ist Auslöser für Proteste

Ein paar Tage zuvor hatten Paramilitärs die Basilika des Heiligen Sebastian in Diriamba rund 40 Kilometer von Managua angegriffen, in der sich Bischöfe, Priester und Menschen, die dort Zuflucht gesucht hatten, befanden. Berichterstattende Journalisten wurden ebenfalls attackiert.

Die Lage hatte sich schon seit einiger Zeit verschlechtert, bevor die Proteste ausbrachen. Ein Hauptgrund für die Wirtschaftskrise in dem mittelamerikanischen Land ist das Ausbleiben der früheren Unterstützung aus Venezuela, das mit dem Totalabsturz unter dem sozialistischen Diktator Nicolás Maduro kämpft. Auch in Nicaragua lebt ein großer Teil der Bevölkerung in bitterer Armut, das durchschnittliche Einkommen der rund sechs Millionen Einwohner liegt nur bei 2 100 Dollar im Jahr.

Was an Unterstützung aus Venezuela seit Ortegas Wahl 2006 kam, habe zu einem erheblichen Teil nicht dem Land geholfen, sondern sei in den Taschen des Ortega-Clans und seines Umfelds gelandet, sagen Kritiker.

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