Politik

Aleviten als Vertragspartner

Die alevitische Gemeinde gilt als besonders integrationsfähig wird aber auch von anderen Gruppen angefeindet. Von Heinrich Wullhorst
Alevitische Gemeinde

Die alevitische Gemeinde genießt in vielen Regionen Deutschlands ein hohes Ansehen. Deshalb will das Land Rheinland-Pfalz seine Beziehungen zu der Religionsgemeinschaft jetzt auf einer vertraglichen Basis festschreiben. In dem Abkommen, das im ersten Vierteljahr des Jahres 2019 ausverhandelt sein soll, wird es um gemeinsame Wertegrundlagen, Regelungen zu Feiertagen, den alevitischen Religionsunterricht und religiöse Betreuung in Einrichtungen gehen. Das teilte die Mainzer Staatskanzlei in der vergangenen Woche mit. Dem Land sei es ein großes Anliegen, dass sich die Einwohner alevitischen Glaubens dort zuhause fühlten und ihrem Glauben nachgehen könnten. Den Gemeinden in Rheinland-Pfalz gehören mehr als 2 000 Mitgliedsfamilien und über 8 000 Einzelpersonen an.. Die Alevitische Gemeinde Deutschland ist eine anerkannte Religionsgemeinschaft nach Art. 7 Abs. 3 des Grundgesetzes. Die AABF (türkisch: Almanya Alevi Birlikleri Federasyonu) vertritt als Dachorganisation etwa 275 000 der rund 500 000 in Deutschland lebenden Aleviten. Sie ist berufenes Mitglied der Deutschen Islam Konferenz sowie des Integrationsgipfels der Bundesregierung. Die aus Anatolien stammende Religionsgemeinschaft hat islamische Wurzeln.

Nach dem Tode des Propheten Mohammed und der Ermordung seines Vetters, des Kalifen Ali, kam es im Jahre 661 zu einer Spaltung des islamischen Glaubenssystems in ein schiitisches und ein sunnitisches Bekenntnis. Der Grund dafür ist ein Streit über die Rechtmäßigkeit der Nachfolge des Religionsstifters. Aus dem schiitischen Islam entwickelt sich dann später, im 13. und 14. Jahrhundert, die Alevitische Religionsgemeinschaft. Sie leitet ihren Namen von dem Kalifen Ali ab. Die Frage, ob die Aleviten Muslime sind oder nicht, ist übrigens nicht unumstritten. Orthodoxe Muslime werfen den Aleviten vor, sie seien Ungläubige. Die Türkei erkennt ihre Religion nicht als eigenständig an, sie werden dort zwangsweise als Muslime kategorisiert.

Viele der Aleviten distanzieren sich vom Islam. Sie respektieren den Koran, leiten aus ihm aber keine Handlungsanweisungen für ihre Lebensführung ab. So tragen alevitische Frauen keinen Schleier oder ein Kopftuch. Die Scharia als islamisches Gesetz, das über einer staatlichen Ordnung steht, lehnen sie ab. „Die Alevitische Gemeinde Deutschland bekennt sich zu Menschenrechten, Freiheit und Demokratie und zur Achtung des religiösen Bekenntnisses des jeweils anderen“, betont der AABF-Vorsitzende Hüseyin Mat gegenüber der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA). Er freut sich daher über die Fortsetzung der Vertragsverhandlungen mit dem Land und die damit verbundene Wertschätzung seines Verbandes.

Gemeinde ist unabhängig von der Türkei

Die Unabhängigkeit der Alevitischen Gemeinde Deutschland findet ihre Grundlage darin, dass sie, im Gegensatz zu vielen anderen Organisationen, keine Vorläuferstrukturen in der Türkei hat. Das macht sie zu einem attraktiven Gesprächspartner für die Politik. So hatte die Rheinland-Pfälzische Landesregierung im Zusammenhang mit der Debatte um die Abhängigkeit des türkisch-islamischen Religionsverein DITIB von der staatlichen türkischen Religionsbehörde DIANET im Jahre 2016 die Verhandlungen mit islamischen Verbänden über einen islamischen Religionsunterricht sowie die Ausbildung von Religionslehrern beendet. Die Vertragsgespräche mit umstrittenen Verbänden sollen erst wieder aufgenommen werden, wenn die Verbände ihre Treue zur Verfassung bezeugen. Mit den Aleviten verhandelt man jetzt weiter. An ihnen schätzt man ihr Engagement für die Einbürgerung, den Erwerb der deutschen Sprache, die Schulbildung der Kinder und die Elternarbeit. „Das sind wichtige Signale der Integration“, stellte die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreier bereits im Jahre 2015 bei der Feier des 25-jährigen Bestehens der AAFB fest. Sie erklärte: „Die Geschichte der Alevitischen Gemeinde in Deutschland ist eine Erfolgsgeschichte“, sie initiiere eine Vielzahl von positiven Projekten.

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