Afghanistan

Was wird aus den Christen in Afghanistan? 

In Afghanistan leben auch Christen. Wie viele es sind, ist ungewiss. Die Lage dieser Minderheit ist jetzt extrem unsicher geworden.
Taliban in Afghanistan
Foto: Gulabuddin Amiri (AP) | Die Taliban haben in Afghanistan die Herrschaft übernommen. Die Lage der Christen wird dadurch prekärer. Im Bild: Anhänger der Taliban in Gasni im Osten Afghanistans.

Was niemand auf der Rechnung zu haben scheint, ist das Schicksal der kleinen Schar christlicher Afghanen, die ausharren in ihrer Heimat, die sich unter erneuter Taliban-Herrschaft gerade für sie wieder zu einer Hölle auf Erden verwandeln könnte. 

Zahlen sind ungewiss

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Wie viele es sind, die sich in dem seiner Verfassung nach islamischen Staat zum christlichen Glauben bekennen, ist ungewiss. Das evangelische Hilfswerk Open Doors geht von „einigen tausend“ aus. Auch der renommierte Bericht über die Religionsfreiheit des US-amerikanischen Außenministeriums macht keine konkreten Angaben. Er nennt in seiner aktuellen Ausgabe einen winzigen Anteil von 0,3 Prozent der Gesamtbevölkerung (insgesamt rund 38 Mio. Menschen) für alle nicht-muslimischen Minderheiten, darunter auch Hindus, Sikhs oder Buddhisten. 

Aber es gibt sie eben doch, die christlichen Afghanen. Nach Informationen des christlichen Hilfswerkes „Open Doors“ sind es vor allem Konvertiten aus dem Islam, also Menschen mit  muslimischem Hintergrund. „Sie können ihren Glauben nicht offen leben. Sich vom Islam abzuwenden, wird als Schande angesehen und nach geltendem islamischem Recht mit dem Tode bestraft. Entweder müssen sie aus dem Land fliehen oder sie werden getötet. Die Familie, der Clan oder der Stamm müssen ihre ,Ehre' wiederherstellen, indem sie sich der Christen entledigen. Weder islamisch-extremistische Gruppen noch die eigene (Groß-)Familie zeigen in dieser Hinsicht Gnade.“ Da Konvertiten als geisteskrank betrachtet werden, könnten sie auch in eine psychiatrische Klinik zwangseingewiesen werden, heißt es im aktuellen Bericht über Christenverfolgung von „Open Doors“. 

Misstrauen gegenüber Christen

Auch nach Angaben des katholischen Hilfswerks „Kirche in Not“ wird das Christentum als westliche Religion angesehen, die Afghanistan fremd ist. Viele Jahre internationaler Militärpräsenz habe das Misstrauen gegenüber Christen noch verstärkt. In der Öffentlichkeit herrsche offene Feindseligkeit gegenüber Christen, die Muslime bekehren. Afghanische Christen beteten alleine oder in kleinen Gruppen in Privatwohnungen. Nach Angaben christlicher Missionsgemeinschaften gebe es, so „Kirche in Not“, kleine Untergrund-Hauskirchen im ganzen Land, jede mit weniger als zehn Mitgliedern. Trotz einer Verfassungsklausel, die religiöse Toleranz garantiert, seien jene gefährdet, die offen ihren christlichen Glauben praktizieren oder vom Islam zum Christentum konvertieren. Die katholische Kirche sei in Afghanistan in Form einer Mission präsent. 

Tatsächlich war die katholische Repräsentanz am Hindukusch bei der italienischen Botschaft in Kabul angesiedelt. Es ging in den Jahren westlicher Präsenz im Kern darum, unter schwierigen Bedingungen für die wenigen einheimischen wie zugereisten Christen ein Seelsorge-Angebot zu machen. Erster Superior der Mission, der italienische Barnabitenpriester Pater Giuseppe Moretti, schied im November 2014 aus dem Amt. Die Amtseinführung seines Nachfolgers, des italienischen Barnabitenpriesters Pater Giovanni Scalese, fand im Januar 2015 statt. 2019 kehrte Pater Giuseppe Moretti für kurze Zeit nach Kabul zurück und berichtete, dass lediglich zehn Personen die Messe in der italienischen Botschaft besuchten. 

Wenige Ordensfrauen vor Ort

Darüber hinaus gibt es laut dem aktuellen Reports über die Religionsfreiheit von Kirche in Not eine kleine Schar katholischer Ordensfrauen vor Ort. Darunter drei Ordensschwestern der Kleinen Schwestern Jesu, die in der öffentlichen Gesundheitsversorgung arbeiteten, fünf Schwestern aus dem von Mutter Teresa gegründeten Orden Missionarinnen der Nächstenliebe, die sich um Waisen, behinderte Kinder und alleingelassene Mädchen kümmerten und armen Familien unterstützten, sowie drei Schwestern der interkonfessionellen Gemeinschaft Pro Bambini di Kabul, die sich um ungefähr 40 behinderte Kinder kümmerten.

Das zeigt, die Kirche hat entgegen des internationalen Trends des Rückzugs aus Krisengebieten ihre Präsenz unter schwierigen Bedingungen über Jahre gehalten. Wie sich die Situation entwickeln wird, ist ungewiss – trotz des am 29. Februar 2020 unterzeichneten „Agreement for Bringing Peace to Afghanistan“ (Friedensabkommen für Afghanistan) zwischen den USA und den Taliban in Doha. 

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