Würzburg

Kleine Pille mit großer Wirkung

Am 18. August 1960 kam die Anti-Baby-Pille auf den US-Markt. Seither verändert sie den Körper der Frau - und Sexualität und Partnerschaft gleich mit. Mit schlimmen Folgen für Frau und Mann.

Antibaby-Pille wird 60
Verschiedene Packungen des bekanntesten Verhütungsmittels für Frauen, der Antibaby-Pille (Archivbild vom Juli 1989). Vor 60 Jahren kam die erste Antibabypille auf den Markt. Foto: (dpa)

"Menschen", heißt es in den "Unfrisierten Gedanken" des polnischen Aphoristikers Stanislaw Jerzy Lec (1909 - 1966) "haben Spätzündung: Sie begreifen alles erst in der nächsten Generation." Manchmal dauert es noch länger. Als vor 60 Jahren, genauer am 18. August 1960, der US-Pharmakonzern Searle die erste Anti-Baby-Pille unter dem Markennamen "Enovid" im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auf den Markt brachte, war die Euphorie - nach anfänglicher Zurückhaltung - schon bald grenzenlos. Ein Trend, der sich - mit zeitlicher Verzögerung - in beinahe allen Industrienationen ähnlich abzeichnen sollte.

Auch in Deutschland, wo im Westen die Schering AG ab 1961 das erste orale Kontrazeptivum unter dem Handelsnamen "Anovlar" vermarktete. Im Osten Deutschlands wurde das Hormonpräparat von dem Pharmahersteller VEB Jenapharm dagegen erst ab 1965 unter dem Handelsnamen "Ovosiston" vertrieben. Feministen - Frauen wie Männer - priesen die "Pille" als "epochale Erfindung", "Befreiung der Frau" und "Segen für die Menschheit".

Immer weniger Frauen verhüten mit der Pille

Inzwischen sind manche klüger. Ende Juli meldete der AOK-Bundesverband unter Berufung auf eine aktuelle Analyse der Verordnungsdaten der Gesetzlichen Krankenversicherungen, dass immer weniger Frauen mit der Anti-Baby-Pille verhüten. Demnach sank der Anteil der Verordnungen bei gesetzlich versicherten Mädchen und Frauen in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland um 15 von 46 auf 31 Prozent. Eike Eymers, Ärztin im Stab Medizin des AOK-Bundesverbandes, erklärt den Rückgang mit einem gewachsenen Bewusstsein dafür, dass die Pille "kein Lifestyle-Präparat ist, sondern in den Hormonhaushalt eingreift und auch Nebenwirkungen haben kann". Als "positiven Trend" verbucht Eymers, dass der Verordnungsanteil der sogenannten kombinierten oralen Kontrazeptiva von 72 Prozent (2009) auf 54 Prozent (2019) gesunken sei. Dennoch erhielten immer noch mehr als die Hälfte der Frauen, die die Pille auf Kosten der Krankenkassen verordnet bekämen, Pillenpräparate der neuen Generation, die ein nachweislich höheres Risiko für Thrombosen und Embolien besäßen.

Erkenntnisse, die schon länger nicht neu sind. Bereits vor zehn Jahren wartete die vom Wiener Institut fur medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE) herausgegebene Zeitschrift "Imago Hominis" in Heft Nr. 4 mit einem "Schwerpunkt" unter der Überschrift "Fünfzig Jahre Pille: Risiken und Folgen" auf. In ihm stellten Walter Rella, Johannes Bonelli und Susanne Kummer anhand von Studien eine Vielzahl der somatischen und psychischen Nebenwirkungen dar, die mit einer regelmäßigen Einnahme der Pille verbunden sind. Dazu zählen vor allem eine signifikant erhöhte Anfälligkeit fur Thromboembolien, Schlaganfälle und Mammakarzinome sowie der Verlust der Libido.

Die Gefahren werden oft verschwiegen

Damit nicht genug: In ihrem Beitrag zeigten die Autoren eindrucksvoll, wie die Hersteller bei der Entwicklung der jeweils neuesten Pillen-Generation bemüht waren, die mit den aus Östrogenen und Progestagenen bestehenden kombinierten Hormonpräparaten verbundenen Risiken zu vermindern. Etwas, das meist nicht nur um den Preis neuer, teils noch schwerwiegenderer Nebenwirkungen gelang, sondern auch belegt, dass den Wissenschaftlern die Gefahren, die mit der Einnahme der Pille verbunden sind, durchaus bewusst sind, während sie in vielen Medien - bis auf den heutigen Tag - häufig verschwiegen oder zumindest verharmlost werden.

So zeigten die Autoren etwa auf, dass in den Pillen der zweiten und dritten Generation der Anteil der Östrogene sukzessive reduziert wurde, weil mit der Einnahme der Pille der ersten Generation ein stark erhöhtes kardiovaskulares Risiko einherging. Mitte der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zeigten große Studien und Meta-Analysen dann jedoch, dass die neuen Pillen das Risiko lediglich verlagerten. Während etwa das Risiko, Verschlusse der Arterien zu erleiden, messbar zuruckgegangen war, fuhrte die Einnahme von Präparaten der zweiten und dritten Generation zu einem signifikanten Anstieg des venösen Thrombose-Risikos, das "ausschließlich den neuen gestagenen Inhaltsstoffen" zugeschrieben wird. Das Fatale daran: "Bei Frauen unter 40 Jahren" kämen, so die Autoren, "Venenthrombosen etwa funfmal häufiger vor als arterielle thrombotische Verschlusse". "Tatsächlich" sei das Thrombose-Risiko bei Anwendung von kombinierten Kontrazeptiva der dritten Generation daher "etwa doppelt so hoch" wie mit Präparaten der 2. Generation.

Nicht nur Katholiken warnen vor Nebenwirkungen

Heute, zehn Jahre später und eine vierte Pillengeneration weiter, haben sich zu diesen Nebenwirkungen eine ganze Reihe neuer gesellt. Und noch etwas Bemerkenswertes hat sich getan: Längst sind es nicht mehr nur Katholiken, die an der kirchlichen Sexualmoral festhalten, oder Lebensrechtler, die auf die frühabtreibenden Nebenwirkungen hinweisen, die viele der empfängnisverhütenden Hormonpräparate auch entfalten können.

Auch Ärzte und Forscher, welche eine Aufspaltung von Sex und Fortpflanzung prinzipiell gutheißen, warnen zunehmend vor den mitunter gravierenden Folgen, die eine dauerhafte Einnahme der Hormonpräparate für Frauen mit sich bringen können. Eine von ihnen ist die US-amerikanische Evolutionspsychologin Sarah E. Hill. Ihr im vergangenen Jahr in den USA erschienenes Buch liegt seit Mitte Mai auch in deutscher Übersetzung vor. Sein Titel: "Wie uns die Pille verändert   Die überraschenden Auswirkungen auf unser Denken und Fühlen, den Körper und unsere Beziehungen" (Heyne, 2020, 336 Seiten, 18,00 EUR).

Laut Hill verändern die Hormonpräparate weit mehr als "nur" den Zyklus einer Frau, um den Eisprung zu verhindern. In Wirklichkeit verändere die Pille "alles". Der Grund ist so banal wie erschreckend. Der weibliche Organismus hat Milliarden Zellen, die Rezeptoren für die Hormone Progesteron und Östrogen besitzen. Also jene Hormone, die mit der Einnahme der Pille in synthetisierter, also künstlich hergestellter Form in den Organismus gelangen. Vor allem das Gehirn ist voll von ihnen.

Das Gehirn der Frau verändert sich

Die künstlichen Hormone, die Frauen mit der Pille einnehmen, gaukeln dem Gehirn ständig vor, die Frau befände sich in der letzten Phase ihres Zyklus. In dieser Phase werden die für den Eisprung nötigen Hormone FSH und LH nicht mehr benötigt, weshalb Gehirn und Hirnanhangdrüse ihre Ausschüttung unterdrücken.
Während Frauen, die nicht die Pille nehmen, sämtliche Phasen eines Zyklus immer wieder neu erleben, verursacht die Einnahme der Pille ein ständiges "hormonelles Déjà -vu". Eines, das nicht ohne Folgen bleibt. Hill: "Gehirnscans von Frauen, die die Pille nehmen, weisen strukturelle und funktionale Unterschiede auf im Vergleich zu Frauen, die nicht die Pille nehmen." Mit anderen Worten: Die ständige Einnahme der Pille verändert das Gehirn von Frauen.

Und das ist längst noch nicht alles. "Weibliche Sexualhormone beeinflussen Sex, Anziehungskraft, Stress, Hunger, Essgewohnheiten, Gefühlsregulierung, Freundschaften, Aggression, Stimmung, Lernen und noch vieles andere mehr. ( ) Die Pille enthält Hormone, und damit verändert sie den Menschen, der man ist."
In ihrem lesenswerten Buch berichtet Hill, die selbst jahrelang die Pille nahm und erst absetzte, als ihr Mann sich sterilisieren ließ, von Paaren, die sich, nachdem die Frau von der Pille ließ, im buchstäblichen Sinne nicht mehr "riechen" konnten und sich am Ende scheiden ließen. Nachweislich verändert die Pille den Körperduft von Frauen sowie die - unbewusste - Wahrnehmung des Körpergeruchs ihrer Partner. Und da heute viele Frauen die Pille erst absetzen, wenn sie den vermeintlichen Partner fürs Leben gefunden haben und sich für Kinder bereit wähnen, ist die Gefahr, die Rechnung ohne die eigene Nase gemacht zu haben, gar nicht so gering.

Chronischer Stress durch die Pille

Zu den Ergebnissen, die Hill, die als eine führende Forscherinnen auf dem Feld der interdisziplinären Erforschung der Wirkung von Hormonen gilt, selbst am meisten überrascht hat, zählt, dass Frauen, die hormonell verhüten, sämtliche vier biologischen Marker aufweisen, mit denen Wissenschaftler heute chronischen Stress nachzuweisen pflegen. Dabei schütten mit der Pille verhütende Frauen über ihre Leber praktisch unablässig das Hormon CBG aus, das an das sogenannte "Stresshormon" Cortisol bindet, um es biologisch inaktiv zu machen. Hill: "Mit der Pille haben Frauen wirklich einen höheren CBG-Spiegel als mit natürlichem Zyklus. Mal eben um 170 Prozent mehr. Und das ist sch... viel CBG."

Was chronischer Stress alles mit Menschen macht, die ihm kontinuierlich ausgesetzt sind, ist ein anderes Thema (es reicht von der Schrumpfung des Hippocampus und verminderter Neurogenese bis hin zur manifesten Ausbildung von ernsten Depressionen). Gesund ist er - wie man sieht - jedenfalls nicht.
Apropos gesund: Bislang geht es bei der Pille ausschließlich um die Gesundheit von Frauen. Zu Recht, denn schließlich sind es Frauen, die die Pille - nicht selten dem Mann zuliebe - einnehmen. Aber natürlich verändert die "Pille", wenn sie ALLES verändert, auch den Mann. Auch davon können Konsumentinnen der Pille vermutlich längst ein Lied singen. Vielleicht lag der hierzulande gern als "Pillen-Paule" verspottete heilige Papst Paul VI. ja doch nicht falsch, als er in der Enzyklika "Humanae vitae - über die rechte Ordnung der Weitergabe menschlichen Lebens", schrieb: "Auch muss man wohl befürchten: Männer, die sich an empfängnisverhütende Mittel gewöhnt haben, könnten die Ehrfurcht vor der Frau verlieren, und, ohne auf ihr körperliches Wohl und seelisches Gleichgewicht Rücksicht zu nehmen, sie zum bloßen Werkzeug ihrer Triebbefriedigung erniedrigen und nicht mehr als Partnerin ansehen, der man Achtung und Liebe schuldet." Die oft, nicht selten von Frauen selbst, beklagte offenkundige Bindungsunfähigkeit vieler Männer könnte - wenn sicher nicht nur - auch hierin wurzeln.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen. Kostenlos erhalten Sie die aktuelle Ausgabe hier.