Afghanistan

Islamisten in Afrika bejubeln Taliban-Triumph

Auch anderen vom islamischen Terror heimgesuchten Ländern drohen Konsequenzen aus der Machtübernahme in Afghanistan.
Neun Tote bei Anschlag von Boko Haram in Nigeria
Foto: Jossy Ola (AP) | 27.04.2018: In Nigeria versammeln sich Menschen nach einem Terroranschlag, bei dem mindestens neun Menschen ums Leben kamen.

Seit dem Einzug der Taliban in Kabul konzentriert sich die mediale Aufmerksamkeit auf Afghanistan. Die Rolle der Frau unter den neuen Machthabern, der ethnischen Minderheiten und der verarmten Landbevölkerung wird breit diskutiert. Auch einige andere Länder sind inzwischen ins Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt, vor allem jene, in denen der Westen ebenfalls als Besatzungsmacht präsent ist und es deshalb manche Parallele zu Afghanistan gibt. Das westafrikanische Mali gehört dazu (die Tagespost berichtete in der vergangenen Woche). Jenseits der öffentlichen Wahrnehmung wächst die Bedrohungslage allerdings auch in vielen weiteren Hotspots, wo – aufs Ganze gesehen – deutlich mehr Menschen der Bedrohung durch islamistischen Terrorismus ausgesetzt sind, da es sich oft um Regionen handelt, in denen Muslime, Christen und Angehörige anderer Glaubensrichtungen zusammenleben, und es für Fundamentalisten mehr Angriffsflächen gibt. Anders ist das in Afghanistan, einem zu fast 100 Prozent muslimischen Land, wo die Taliban jetzt das „Islamischen Emirat Afghanistan“ ausgerufen haben.

Eine Reihe muslimischer Länder hat schnell Sympathien für das neue Emirat geäußert. „Das legitimiere nicht nur die Taliban. Es würde auch andere autoritäre Regime weltweit ermutigen und zu zunehmenden Verstößen gegen die Religionsfreiheit in diesen Ländern führen“, heißt es in einer aktuellen Analyse des katholischen Hilfswerks Kirche in Not. Nach dessen Bericht „Religionsfreiheit weltweit 2021“ wurde dieses Grundrecht zwischen 2018 und 2020 in 62 von 196 (untersuchten) Ländern nicht respektiert. Die Zahl der in diesen Staaten lebenden Menschen liegt bei fast 5,2 Milliarden. In 26 Ländern sind die Einwohner sogar massiver Verfolgung ausgesetzt, heißt es in dem Bericht.

Triumph der Taliban befeuert Islamismus in Afrika

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Nicht immer, aber doch häufig ist islamistischer Terror die Ursache. So dürfte der Triumph der Taliban den Islamismus im westlichen Afrika befeuern, zumal es eine gut funktionierende internationale Vernetzung gibt. Beispiel Nigeria: Die Terrororganisation Boko Haram („Westliche Bildung ist Sünde“) überfällt Dörfer, plündert und brennt sie nieder. Im Nordosten des mit rund 170 Millionen Menschen bevölkerungsreichsten Landes Afrikas führt sie seit fast 20 Jahren einen blutigen Kampf im Namen Allahs mit dem Ziel, ein Kalifat zu errichten und die Scharia als geltendes Recht einzuführen.

Die selbst ernannten Gotteskrieger zeigen kaum Skrupel, egal ob gegenüber Christen oder gemäßigten Muslimen, die ihre radikale Islam-Auslegung nicht teilen. Ein Beispiel dafür ist der nordostnigerianische Bundesstaat Maiduguri. Dort sind nach Angaben von Kirche in Not seit 2009 Dschihadisten von „Boko Haram“ aktiv.

„Sie greifen die lokale Bevölkerung mit dem Ziel an, das Land in einen islamischen Staat zu verwandeln. Wie in anderen afrikanischen Ländern töten oder entführen sie jeden, ganz unabhängig von seiner Religion, der ihre Weltsicht nicht akzeptiert“, berichtet Regina Lynch, Abteilungsleiterin Projekte bei Kirche in Not.

Zunehmender religiöser Eifer ist aber nur eine Ursache der Konflikte. So haben sich bestehende Spannungen zwischen Viehhirten und Ackerbauern in den letzten Jahren verschärft, auch wegen fehlender wirtschaftlicher und sozialer Perspektiven und der Konkurrenz um Landnutzung infolge von Klimawandel. Auch Nigerias Nachbarn sind betroffen: Niger, Kamerun, Tschad und Burkina Faso. Länder, in denen die Religionen traditionell friedlich zusammenleben, der Extremismus aber das gesellschaftliche Gefüge vielerorts erschüttert hat. Ähnlich ist die Situation am Horn von Afrika in Somalia, wo die islamistische, mit Al-Kaida verbündete Al-Shabaab-Miliz weite Teile des Südens und des Zentrums kontrolliert. Sie feierte den Sieg der Taliban ausgiebig über ihr Sprachrohr Radio Andalus.

Nicht nur Christen, auch Muslime verfolgt

All diese Verwerfungen werden schon seit einigen Jahren immer deutlicher sichtbar. Weit weniger Beachtung findet dagegen ein Konflikt im südlichen Afrika, in der Provinz Cabo Delgado im Norden Mosambiks. Kirche in Not erhalte, so berichtet Regina Lynch, „schockierende Berichte und Fotos von barbarischen Anschlägen der Dschihadisten“ aus Mosambik. „Jeder, egal ob Muslim oder Christ, der die Ideologie der Dschihadisten nicht akzeptiere, wird bestraft.“ Die Menschen müssten mit ihrem Leben bezahlen, seien „grausamen Formen der Folter ausgesetzt oder müssen mit ansehen, wie ihre Häuser und Ernten zerstört werden“. Kirche in Not unterstütze Hunderttausende vertriebene Menschen mit Nothilfe und psychologischer Betreuung zur Traumabewältigung. Zwar hat eine internationale afrikanische Einsatztruppe im Norden Mosambiks im Sommer für zeitweilige Stabilität gesorgt, doch könnten die Glaubenskrieger vom Sieg der Taliban profitieren: moralisch, aber auch materiell.

Egal ob in Afghanistan, Nigeria oder Cabo Delgado – die Genese des islamistischen Fundamentalismus ist häufig sehr ähnlich. Er gedeiht dort am besten, wo der Staat schwach ist, Perspektivlosigkeit und Armut herrschen und es an Bildung mangelt. So ist die Geschichte der Christenverfolgung in Afrika immer auch die Geschichte von Unter- und Fehlentwicklung, von Ausgrenzung und staatlichem Versagen. Insofern weist der Ansatz des Westens im Sahel, militärische Präsenz mit Entwicklungszusammenarbeit zu verbinden, in die richtige Richtung.

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