Berlin

Corona: Schluss mit Gratis-Tests

Experten kritisieren Pandemie-Management von Bund und Ländern Robert-Koch-Institut korrigiert Zahl der Impfdurchbrüche nach oben.
Coronavirus 2G-Modell
Foto: Daniel Reinhardt (dpa) | Die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft "Marburger Bund", Susanne Johna, erklärte: "Kostenpflichtige Coronatests führen dazu, dass sich künftig weniger Menschen mit Symptomen testen lassen."

Seit Anfang der Woche hat die Mehrheit der Bürger in Deutschland keinen Anspruch mehr auf einen vom Staat bezahlten Antigentest. Darauf hatten sich Bund und Länder am 10. August geeinigt. Ausgenommen von dieser Regelung sind nur Menschen, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können, sowie unter 12-Jährige, für die noch kein Impfstoff zugelassen ist, der in vielen Fällen gegen einen schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung schützt.

Spahn und Holetschek verteidigen Neuregelung

Unter 18-Jährige und Schwangere können sich noch bis Ende des Jahres kostenlos auf eine Infektion mit dem Virus SARS-CoV-2 testen lassen. Für sie hatte die Ständige Impfkommission (STIKO) erst Mitte August, beziehungsweise Mitte September eine Impfempfehlung ausgesprochen. Auch Menschen, die unter COVID-19-Symptomen leiden, sowie Kontaktpersonen von Infizierten, die von den Gesundheitsämtern aufgefordert werden, sich auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 testen zu lassen, sollen dafür laut dem Bundesgesundheitsministerium auch künftig nicht in die eigene Tasche greifen müssen.

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Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verteidigte die Neuregelung. "Kostenlose Bürgertests abzuschaffen, gebietet die Fairness vor dem Steuerzahler", sagte Spahn der "Funke Mediengruppe". Ähnlich äußerte sich der Vorsitzende der Gesundheitsminister der Länder, Klaus Holetschek (CSU). Im "Deutschlandfunk" sagte Bayerns Gesundheitsminister: "Wir haben jetzt die Möglichkeit des Impfens, dann glaube ich, ist es konsequent, auch auf der anderen Seite zu sagen, dass wir die Kostenfreiheit von bestimmten Tests zurückfahren und die nicht mehr zu Lasten der Solidargemeinschaft abrechnen." Nicht das Testen, sondern das Impfen führe aus der Pandemie.

Verbände und Experten üben Kritik

Verbände und Experten kritisierten die Entscheidung. So erklärte die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft "Marburger Bund", Susanne Johna: "Kostenpflichtige Coronatests führen dazu, dass sich künftig weniger Menschen mit Symptomen testen lassen." Das sei "ein Einfallstor für eine weitere Übertragung des Virus". Ähnlich sieht das die ehemalige Vorsitzende des Europäischen Ethikrates, Christiane Woopen. Die Medizinerin und Philosophin, die seit 1. Oktober eine der neu geschaffenen "High profile"-Exzellenzprofessuren an der Universität Bonn bekleidet, sagte dem "Deutschlandfunk": "Wir haben aus der dritten Welle gelernt, dass sie sich vor allen Dingen durch das massive Testen brechen ließ. Das könnte man ja jetzt rechtzeitig anfangen, denn dann könnte man vielleicht die vierte Welle tatsächlich verhindern oder zumindest sehr flach halten."

Was die Politik bislang nicht kommuniziert: Sowohl Genesene als auch Geimpfte, die den vollen Impfschutz besitzen, können sich weiterhin mit dem SARS-CoV-2-Virus infizieren und andere infizieren. Studien zufolge können vollständig Geimpfte sogar dieselbe Virenlast weitergeben wie Ungeimpfte. Lediglich auf der Zeitachse sind sie etwas weniger lang infektiös als Ungeimpfte. Bereits im September warnte Alexander Kerkul , Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie am Universitätsklinikum Halle: "Während die häufig proklamierte ,Welle der Ungeimpften  anhand der Tests und Krankenhauseinweisungen sichtbar und berechenbar ist", rausche die Welle der infizierten Geimpften nun "wie ein Tarnkappen-Bomber durch die Bevölkerung".

Welle der infizierten Geimpften

Wie richtig der Virologe damit liegt, zeigen aktuelle Zahlen des Robert-Koch-Instituts (RKI). Das musste in seinem Wochenbericht vom 7. Oktober die Zahl der Impfdurchbrüche deutlich nach oben korrigieren. Demnach geht das RKI nun von 67661 "wahrscheinlichen Impfdurchbrüchen" seit Anfang Februar aus. Bei den 60-Jährigen, die im September, genauer in den Kalenderwochen 36 bis 39, Symptome zeigten und anschließend positiv auf COVID-19 getestet wurden, besaß mehr als jeder Zweite (52,6 Prozent) den vollen Impfschutz.

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