Islam

Christen unter dem Islam

Zwischen Toleranz und Verfolgung: Eine kurze Geschichte des Islams und seines Umgangs mit Christen und Juden.
IS enthauptet koptische Christen
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Besonders das 21. Jahrhundert steht im Zeichen der verfolgten Christen durch Islamisten. In lebendiger Erinnerung ist die Ermordung koptischer Christen 2015 durch den IS (Islamischer Staat).

Als im ersten Drittel des 7. Jahrhunderts der Prophet Muhammad  auftrat, kam er als Mahner und Warner, der eine Rückkehr zur Religion des Abraham forderte. Muhammad erhob den Anspruch, dass der von ihm den Arabern verkündete Islam kein völlig neuer Glaube, sondern im Grunde identisch sei mit der Botschaft, die zuvor Juden und Christen jeweils erhalten hatten. Er ließ aber keinen Zweifel daran, dass seine Verkündigung die endgültige, abschließende war – er war das ,Siegel der Propheten'. Divergenzen mit den Lehren der Christen und Juden gingen danach auf Entstellungen und Verfälschungen zurück, die diese im Laufe der Zeit erfahren hatten.

In wenigen Jahren zum Imperium

Die Konsequenz daraus war, dass da, wo der Islam herrschte, Juden und Christen, also ,Leute des Buches'– einer dem Koran verwandten Schrift, unter gewissen Bedingungen ihre Religion behalten durften. Das privilegierte sie gegenüber den echten ,Heiden', die zum Islam konvertieren mussten, um ihr Leben zu retten.
Die iranischen Zoroastrier wurden aus praktischen Gründen – es gab einfach zu viele von ihnen – den Juden und Christen gleichgestellt. Dies wurde schon früh von sehr drängender Relevanz und Aktualität: Der 622 mit der Hidschra Staat gewordene Islam begann bald nach dem Tod seines Stifters, sich mit atemberaubender Geschwindigkeit auszudehnen – gemäß dem Befehl Gottes im Koran, Sure 9 / Vers 29. Gegen die Ungläubigen ist Krieg zu führen, „bis sie kleinlaut ... Tribut entrichten“.

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Die ,umma', die Gemeinschaft der (muslimischen) Gläubigen, entwickelte sich so in wenigen Jahren zu einem Imperium. 635 eroberten die Muslime Damaskus, 637 Jerusalem, 642 bereits fiel das Perserreich endgültig in muslimische Hand, im gleichen Jahr nahmen sie Alexandria in Ägypten ein, 674 belagerten sie erstmals Byzanz, 711 eroberten die Muslime die iberische Halbinsel und 719 Narbonne. So gerieten zahlreiche Länder, die meist seit Jahrhunderten christlich gewesen waren, unter islamische Kontrolle. Die Christen durften Christen bleiben, wenn sie die Oberherrschaft der Muslime anerkannten, besondere Steuern zahlten und sich zahlreichen  Bestimmungen fügten, die ihre Rolle als ,Bürger zweiter Klasse' festlegten. Zu den Regeln gehörte, dass sie besondere Kleidung tragen mussten, keine Kirchenglocken läuten durften, dass ihre Zeugenaussagen weniger Wert hatten als die von Muslimen, dass sie keine neuen Kirchen bauen durften und dass sie Muslimen ehrerbietig begegnen mussten – was zum Beispiel beinhaltete, im Ramadan nicht in der Öffentlichkeit zu essen und zu trinken.

So entstanden gesellschaftliche Verhältnisse, in denen sich Muslime ganz selbstverständlich als den Christen überlegen und als Menschen besonderer Art fühlten. „Ihr seid die beste Gemeinschaft“, lehrt sie der Koran (Sure 3, Vers 110). Und in Sure 5, Vers 51 wird im Koran davor gewarnt, allzu enge Beziehungen zu Christen und Juden zu unterhalten. Ein derartiges Welt- und Menschenbild prägte die Muslime Jahrhunderte hindurch. In einem solchen geistigen Umfeld konnten auch in der Moderne keine wirkliche Toleranz und keine liberale Gesinnung entstehen.

Besonders unter Druck: muslimische Konvertiten

Selbst als viele muslimische Länder die strengen muslimischen Gesetze durch ein bürgerliches Rechtssystem ersetzten und die Gleichheit aller Bürger vor dem Gesetz proklamiert wurde, blieben die alten Vorstellungen, das Bild vom Nichtmuslim als einem Menschen zweiter Klasse, erhalten. Zwar trat dies in der Mitte des 20. Jahrhunderts etwas in den Hintergrund, etwa im Irak unter Saddam Hussein oder im Ägypten Nassers, aber nur zum Schein. Denn seit der Islam wieder im Vormarsch ist und seine besonders konservativen und militanten Formen zunehmend an Einfluss gewinnen, gerät das Christentum mehr und mehr unter Druck. Besonders dramatisch wird die Lage, wenn Muslime zum Christentum übertreten. Dann ist ihr Leben akut gefährdet – selbst in Europa. Auf Apostasie, also Abfall vom Islam, steht die Todesstrafe. Dies ist keine besonders radikale Entwicklung in modernen islamistischen Terrorgruppen, sondern klassisches islamisches Recht. Gerne wird heutzutage der Apostasiebegriff ausgeweitet. Muslime, die einen liberaleren Islam befürworten, werden als vom Islam abgefallen betrachtet und somit Ziel islamistischen Terrors. ,Religionsfreiheit?ist vielen konservativen Muslimen ein bis heute völlig fremdes Konzept.

Im Mittelalter und bis weit in die Neuzeit hinein war der Islam nicht unduldsamer oder ,fanatischer' als das Christentum – er passte durchaus in den historischen Gesamtkontext. Seit der Aufklärung jedoch haben sich das Christentum und seine Kirchen geöffnet, liberalisiert, reformiert – wenn auch manche Beobachter diesen Prozess als schleppend und zögerlich empfunden haben mögen. Der Islam hingegen hat sich immer stärker zurückgewandt, an seinen vermeintlich goldenen Zeiten orientiert, die Generation des Propheten (Salafismus) zum Vorbild genommen. ,Reform' bedeutete im islamischen Kontext selten Erneuerung oder Anpassung an moderne Entwicklungen. Weit häufiger war die Wiederherstellung früherer Verhältnisse das Ziel – Ideal war oft der islamische Urstaat von Medina oder das frühe Kalifat.

Archaische, unduldsame Sicht des Christentums

Damit ist auch bis heute vielfach eine archaische, unduldsame Sicht des Christentums verbunden. Es kam immer öfter zu Diskriminierung, Gewalt, Terror – meist genuin islamisch gerechtfertigt. Der Weltverfolgungsindex 2021 führt unter den 10 Ländern, in denen die schlimmsten Christenverfolgungen stattfinden, außer Nordkorea nur muslimische Länder auf (solche mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit oder starken muslimischen Minderheiten wie zum Beispiel Indien). Außerdem steht hier der signifikante Satz: „Islamistische Gewalt macht Subsahara-Afrika zur tödlichsten Region für Christen.“

Die grausigen Bilder der Ermordung 30 äthiopischer und 21 ägyptischer Christen in Libyen durch den IS (2015) sind ebenfalls noch in lebhafter Erinnerung. Dennoch wird dieses seit Jahren wachsende Problem nicht sehr häufig thematisiert, wir sehen vielmehr oft „Christen als Opfer der Islamkritik-Tabus“, wie Rita Breuer, eine der besten Kennerinnen dieser Materie, formuliert. Sie weist zudem darauf hin, dass Christen, die früher Muslime waren, zunehmend auch in Deutschland ernsthaft bedroht sind. Wir haben es auch hier mit einer importierten Form der Intoleranz und islamspezifischen Kriminalität zu tun. Dies wollen freilich viele in unserer Gesellschaft nicht wahrhaben.


Der Autor ist Verfasser mehrerer Bücher über den Nahen Osten und den Islam, unter anderem „Gehört der Islam zu Deutschland?“, erschienen 2017 bei Orell-Fuessli.

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