Würzburg

Corona: Fragile Gesellschaft

Die Folgen der Corona-Krise: Wie die Angst und der Ausnahmezustand unsere Gesellschaft verändern.

Coronavirus: Kontrolle Grenze Tschechien
Der Kampf gegen die Ausbreitung des Corona-Virus wird zum Stresstest für unsere Gesellschaft: Wie viel Einengung unserer Freiheit ertragen wir? Foto: Robert Michael (ZB)

Noch scheinen die Gesellschaften in Europa erstaunlich diszipliniert und rational. Hie und da Hamsterkäufe, überlastete Hotlines und Paniksymptome, aber keine Straßenschlachten, Plünderungen, Massenhysterien, keine Volksaufstände gegen immer tiefer in den Alltag eingreifende Verordnungen, keine Fluchtbewegungen. Noch scheinen die Europäer halbwegs krisenfest in dieser krisengeschüttelten Corona-Zeit. Wir fragten Experten unterschiedlicher Fachbereiche: Wie lange noch? Was passiert, wenn Quarantäne-Verordnungen und Ausnahmezustand immer weiter verlängert werden, wenn schmerzliche Kündigungswellen und Insolvenzen folgen, wenn erste Versorgungsengpässe spürbar werden?

Der Psychiater Michael Linden, Leiter der Forschungsgruppe Psychosomatische Rehabilitation an der Berliner Charité, gibt sich gegenüber der „Tagespost“ zurückhaltend: „Was auf jeden Fall gilt, ist, dass es bei Menschen mit Angststörungen, die auch sonst schon Probleme haben, die Nachrichten zu sehen, jetzt zu einer Beschwerdenzunahme kommt.“ Deutlicher wird sein Wiener Kollege Raphael Bonelli: „Die größte Gefahr ist die Panik vor der Krankheit. Im Angst-Modus denkt jeder nur noch an sich, allenfalls noch an die Seinen, aber nicht an ein größeres Ganzes.“ Es drohe eine „egoistische Dynamik“, so Bonelli im Gespräch mit der „Tagespost“.

Über Emotionalisierung sehr manipulierbar

Er glaube zwar, „dass viele Wohlstandsverwahrloste wieder neu orientiert werden“. Zugleich seien aktuell „die Umstände der Freiheitsberaubung für viele Menschen ein größeres Problem als der Virus“. Bonelli fürchtet, dass unsere Gesellschaft sich an den Entzug von Freiheit gewöhnen könnte: „Die Psychologie des heutigen Menschen ist auf Mitläufertum getrimmt. Wir sind eine sehr feige Gesellschaft, die sich viel gefallen lässt. Besonders dann, wenn es politisch korrekt ist.“ Der heutige Mensch sei über Emotionalisierung sehr manipulierbar.

Vieles deutet darauf hin, dass die Volksrepublik China die Pandemie dazu missbraucht, ihren totalitären Überwachungsstaat massiv auszubauen. Anders als in China, wo die Bürger durch eine kommunistische Diktatur seit Jahrzehnten an drastische Einschränkungen ihrer Freiheiten gewöhnt wurden, sind Europäer höchst sensibel, wenn ihre Menschen- und Grundrechte – von der Versammlungs- und Bewegungsfreiheit bis zur Religionsfreiheit – staatlich begrenzt werden.

„Vielleicht liegt in all dem Schlamassel eine Chance
auf ein bewussteres Leben nach dem Neustart“

Manfred Spieker, emeritierter Professor für Christliche Sozialwissenschaften an der Universität Osnabrück, meint mit Blick auf das uneinheitliche Vorgehen in Deutschland und Europa im Kampf gegen den Virus gegenüber dieser Zeitung: „Die Balance zwischen den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie und der Wahrung der bürgerlichen Freiheiten ist aus objektiven wie aus subjektiven Gründen nicht überall gleich. Die Kritik am unterschiedlichen Vorgehen und der allenthalben zu hörende Ruf nach einheitlichen Maßnahmen ist unangebracht.“ Folgen sind dennoch zu erwarten, nämlich „dass dieser Ruf den Föderalismus, ein wesentliches Element der Freiheit, schwächen wird. Der Ruf nach zentralen Steuerungsinstanzen gegen Pandemien wird auch bürgerliche Freiheiten über Gebühr einschränken.“ China könne im Kampf gegen die Pandemie jedenfalls kein Vorbild sein, sagt Spieker. Die Aufgabe der Kirchen in der gegenwärtigen Krise sieht der Sozialwissenschaftler darin, „den eigenen Auftrag wahrzunehmen“, nämlich „Seelsorge, Spendung der Sakramente und das öffentliche Gebet“. Es sei „der verkehrte Weg, die Gottesdienste zu suspendieren“.

Der Jurist und Politikwissenschaftler Karl Stöger, der an der Universität Graz lehrt, will nicht von Notstandsmaßnahmen sprechen, sondern noch immer von „sanitätspolizeilichen, seuchenrechtlichen Maßnahmen“. Begründung: „Notstand im Sinne der österreichischen Staatslehre liegt vor, wenn etwa das Parlament, die Regierung oder Teile der öffentlichen Verwaltung, zum Beispiel die Polizei, nicht mehr handlungsfähig wären. Das ist derzeit nicht der Fall.“
Angesichts der hohen Ansteckungsgefahr und einer erhöhten Gefährlichkeit für bestimmte Personengruppen seien die Maßnahmen der Regierungen nicht unverhältnismäßig. Die Europäische Menschenrechtskonvention würde sogar eine Suspendierung von Grundrechten im Fall eines „öffentlichen Notstands“ erlauben, erklärt der Rechtsgelehrte gegenüber der „Tagespost“. Diese Bestimmung werde jedoch „innerstaatlich für nicht anwendbar gehalten, weil unsere Bundesverfassung eine solche Suspendierung nicht kennt“.

Das Unvorstellbare ist ziemlich schnell vorstellbar geworden

Dass in Europa – so wie in China – die Grundfreiheiten systematisch und dauerhaft eingeschränkt werden könnten, glaubt Stöger nicht: „In Europa schützen uns zum einen die Europäische Menschenrechtskonvention, die Europäische Grundrechtecharta, unsere nationalen Grundrechte und die Gerichte, die ihre Wirksamkeit sicherstellen vor solchen Exzessen. Zum anderen die Zivilgesellschaft: Solange die nunmehrigen Maßnahmen dem Gesundheitsschutz dienen, wird Verständnis da sein. Wenn sie missbraucht werden, werden sich das mündige Europäerinnen und Europäer nicht gefallen lassen.“

Angesichts der hohen Akzeptanz der Regierungs-Maßnahmen in Österreich meint die ÖVP-Nationalratsabgeordnete Gudrun Kugler gegenüber dieser Zeitung: „Das Unvorstellbare ist ziemlich schnell vorstellbar geworden. Wir akzeptieren den Shutdown des Lebens wie wir es kennen und organisieren uns um.“ Das unbekümmerte Miteinander weiche der Angst vor Ansteckung. Kugler, selbst Mutter von vier Kindern, spricht von einer unfreiwilligen Entschleunigung des Lebens: „Eltern und Kinder haben plötzlich so richtig viel Zeit miteinander. Nützen wir diese einzigartige Situation!“ Doch nicht nur Entschleunigung will gelernt sein, sondern auch die Anerkennung der Grenzen des Machbaren.

Gudrun Kugler ist zuversichtlich: „Ein Korrektiv zur Multi-Options-Gesellschaft entsteht: Statt Spontanität und Unverbindlichkeit heißt es jetzt Planung und Abwägung. Wofür lohnt es sich, ein Risiko einzugehen? Was ist uns wirklich wichtig? Der Blick aufs Wesentliche wird klarer. Überflüssiges und Oberflächiges tritt in den Hintergrund.“ Viele würden spüren: „Es geht auch mit weniger. Vielleicht liegt in all dem Schlamassel eine Chance auf ein bewussteres und dankbareres Leben nach dem Neustart.“

„Sich selbst zu relativieren
ist ein hervorragender Impfstoff
gegen den Virus der Beziehungskrise“
Johannes Reinprecht, Direktor des "Instituts für Ehe und Familie"

Johannes Reinprecht, Direktor des in Wien ansässigen „Instituts für Ehe und Familie“ (IEF) erwartet positive wie auch negative Effekte auf Ehen und Familien. „Vielleicht führt die Angst, die man heute um liebe Menschen, Eltern, Großeltern, ältere Verwandte oder Freunde empfindet, zu einer größeren Dankbarkeit innerhalb der Familien.“ Die Umstellung auf häusliche Betreuung der Schulkinder und Teleworking, das Zurückschrauben der sozialen Kontakte und der außerfamiliären Aktivitäten könne eine Belastung darstellen und Krisen in Beziehungen bringen. Die Umgewöhnung auf eine Verlangsamung des Lebensrhythmus könnte aber auch positive Auswirkungen auf Beziehungen haben.

Die Pandemie habe ein „gemeinschaftszersetzendes Potenzial“, es könne zugleich eine neue Verbundenheit wachsen, ein Boom an Solidarität und der Wille, anderen zu helfen. „Sich selbst zu relativieren ist ein hervorragender Impfstoff gegen den Virus der Beziehungskrise“, so Reinprecht gegenüber dieser Zeitung.

Chance zu Besinnung und Umkehr

Diakon Markus Riccabona war viele Jahre Pressesprecher der Diözese St. Pölten und wirkt heute als Missionar im Osten Deutschlands. Dass die Pandemie in die Fastenzeit fällt, hält er für einen Anlass, tiefer zu fragen: „Wovor fürchten wir uns? Worauf oder auf wen vertrauen wir?“ Viele Menschen „und leider auch ein großer Teil der Kirche“ hätten die eschatologische Ausrichtung verloren, meint er gegenüber der „Tagespost“. Doch „ohne lebendige, täglich gelebte Hoffnung auf ein Leben in der Ewigkeit Gottes reduziert sich unser Horizont auf ein jämmerlich begrenztes Dasein, das allen möglichen Gefahren ausgeliefert ist, die wir spürbar nicht unter Kontrolle haben“. Vielleicht sind die nun sichtbaren Grenzen des Machbaren auch eine Chance zu Besinnung und Umkehr? Riccabona ist davon überzeugt: „Entweder verzweifeln wir in der Einsamkeit eines kalten Universums oder wir finden zurück in die liebende Umarmung des Vaters, zu dem wir in dieser Fastenzeit ja wieder umkehren sollten.“

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