Kabul

Afghanistan braucht Überlebenshilfe

Die deutsche Politik darf Afghanistans kriegsgeplagte Menschen nicht im Stich lassen, meint der ehemalige deutsche Botschafter in Kabul. Auch, um eine neue Flüchtlingsbewegung nach Europa einzudämmen.
Alltag in Afghanistan
Foto: Hussein Malla (AP) | Afghanische Männer sitzen an einem kalten Tag vor einem Brennholzgeschäft neben einem Teeverkäufer.

Die Folgen des überhasteten Abzugs aller westlichen Truppen aus Afghanistan und der Machtergreifung der Taliban für  die Zivilbevölkerung sind bedrückend. Abgelegene Provinzen wie Badachschan im Nordwesten sind besonders betroffen. Faizabad, die Provinzhauptstadt, war einst für afghanische Verhältnisse wohlhabend. Der Standort eines deutschen Provincial Reconstruction Teams war für seine guten Schulen bekannt.

Mit örtlichen Partner Inseln der Hoffnung schaffen

Heute leidet Faizabad unter den Folgen einer schweren Dürre und dem Zusammenbruch des Wirtschafts- und Finanzsystems. Zwar verteilt das World Food Program kleine Rationen von Mehl, Salz und Öl. Aber große Teile der städtischen Bevölkerung verfügen nicht über das Bargeld, Lebensmittel in den Basaren zu erwerben. Seit Monaten erhalten Lehrer, Polizisten und andere Staatsbedienstete kein Geld mehr.

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In den vergangenen 20 Jahren hat die deutsche Politik immer wieder betont, dass sie Afghanistans kriegsgeplagte Menschen nicht im Stich lassen will. Es arbeiten weiterhin zahlreiche deutsche Hilfsorganisationen im Land. Sie stehen zu ihrer Verantwortung und schaffen gemeinsam mit ihren örtlichen Partnern Inseln der Hoffnung. Nach dem Zusammenbruch des Bankensystems benötigen sie vor allem Bargeld, um Lebensmittel vor Ort zu kaufen und zu verteilen.

Deshalb empfiehlt das Afghanisch-Deutsche Forum dringend, dass die Bundesregierung ihnen die notwendigen Mittel falls notwendig und erforderlich auch unbürokratisch zur Verfügung stellt. Nur so können die deutschen Nichtregierungsorganisationen, die nah an der Bevölkerung arbeiten und ihr Vertrauen genießen, den Menschen helfen und auf lokaler Ebene zur Belebung der zusammengebrochenen Binnenwirtschaft beitragen. Und nicht zuletzt wäre dies ein sinnvoller Beitrag, um eine neue Flüchtlingsbewegung nach Europa zumindest einzudämmen.


Der Autor war war von 2006 bis 2008 deutscher Botschafter in Kabul. Er ist Mitglied des Afghanisch-Deutschen Forums.

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Hans-Ulrich Seidt

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