Im Februar 2026 bezeichnete der österreichische Diplomat Volker Türk, Hoher Kommissar der Vereinten Nationen für Menschenrechte, Afghanistan als den „Friedhof der Menschenrechte“. Frauen bleiben vom öffentlichen Leben ausgeschlossen, Mädchen wird Bildung nach dem sechsten Schuljahr verweigert. Gefährlicher noch ist die Indoktrination der männlichen Jugend.
Die Siegesfeier der Taliban im Stadion der Provinzhauptstadt Khost demonstrierte am 15. August, dem fünften Jahrestag ihrer Machtergreifung, welchem Leitbild die Taliban-Ideologie folgt, nämlich dem des rücksichtslosen, fanatischen Glaubenskämpfers. Der Überfall auf eine US-Patrouille wurde realistisch nachgespielt, auf die Sprengung des Fahrzeugs folgte die Tötung der überlebenden Insassen. Ist es verwunderlich, dass das Taliban-Regime weltweit als Paria geächtet und nur von Moskau offiziell anerkannt wird?
Aktuelle deutsche Afghanistan-Politik zunehmend in der Kritik
Vor diesem Hintergrund wird die aktuelle deutsche Afghanistan-Politik zunehmend kritisch beobachtet. Anlass ist die unter Bundeskanzler Merz und Innenminister Dobrindt begonnene Rückführung von Afghanen und die damit verbundene Entsendung von Taliban-Personal an die afghanische Botschaft in Berlin und die Konsulate in Bonn und München. Nichtregierungsorganisationen werfen Berlin vor, aus Rücksicht auf rechtsgerichtete Tendenzen nicht nur Straftäter, sondern auch andere ausreisepflichtige Afghanen an den Hindukusch abzuschieben. Die schleichende Normalisierung der Beziehungen zum Taliban-Regime sei die Folge.
Auch Vertreter europäischer Partnerstaaten wundern sich über die deutsche Politik, die manche als opportunistisch und leichtsinnig wahrnehmen. Auf die Grenzöffnung 2015 und das großzügig finanzierte Aufnahmeprogramm für afghanische Ortskräfte folge jetzt, so der Vorwurf des Afghanistan-Beauftragten eines wichtigen EU-Mitgliedslandes, ein mit den europäischen Partnern nicht abgestimmtes Rückführungsprogramm. Den als gefährlich eingeschätzten Taliban werde zwar sehr weit entgegengekommen, die Zahl der tatsächlichen Abschiebungen aber sei gering.
Wenn die deutsche Afghanistan-Politik lediglich von innenpolitischem Kalkül und engen Ressortinteressen bestimmt würde, wäre die Kritik berechtigt. Doch zeigt der Blick auf das internationale Lagebild, dass die Rückführungsthematik durch weiterreichende Perspektiven ergänzt werden muss. Gerade weil Afghanistan sich bereits in der Vergangenheit als gefährlicher Inkubationsraum des Dschihadismus erwies, dürfen das Land und die von ihm ausgehenden Gefahren nicht ignoriert werden. Es bleibt wesentlicher Bestandteil jener destabilisierten Großregion, die sich vom Mittelmeer bis zum Indus, vom Kaspischen Meer bis zum südlichen Zugang des Roten Meeres erstreckt.
Washington als Leichtgewicht
Washington hat jetzt in der Auseinandersetzung mit Teheran sein militärisches Potenzial in die Waagschale geworfen und die Welt erkennt mit Erstaunen, ja mit Erschrecken, wie leicht dieses Gewicht sein kann. Um den regionalen Gefahrenraum besser zu verstehen und künftige Entwicklungen rechtzeitig zu erkennen, sind Präsenz vor Ort und politische Verbindungen gerade mit einem schwierigen Land wie Afghanistan unverzichtbar.
Eine vorsichtige Gratwanderung zurück zum Hindukusch kann deshalb sinnvoll und nützlich sein, auch wenn es dabei zu Berührungen mit den Taliban unterhalb der Schwelle diplomatischer Anerkennung kommt. Sicherlich ist auf diesem Weg mit List und Täuschung der Gegenseite zu rechnen. Aber solange Erpressungsversuchen kein Raum gegeben wird, kann die deutsche Politik darauf setzen, im Kreis der europäischen und atlantischen Partner für ein umsichtiges und schrittweises Vorgehen anschlussfähig zu bleiben.
Der Autor ist deutscher Co-Präsident des Stiftungsbeirats der Bibliotheca Afghanica / Schweizer Afghanistan Institut. Er war von 2006 bis 2008 deutscher Botschafter in Kabul.
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