SED-Unrechtregime

Ästhetische Avantgarde

An der Mauer verblutet; Kein Denkmal für Peter Fechter
Wowereit gdenkt Maueropfer Peter Fechter
Foto: Marcel_Mettelsiefen (dpa) | Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, gedenkt am 13.08. in Berlin des Maueropfers Peter Fechter.

DDR-Grenzer haben Peter Fechter am 17. August vor 40 Jahren an der Berliner Mauer angeschossen, er verblutete. Die Grenzer ließen keine Hilfe für den im Niemandsland im Todeskampf liegenden damals 17-jährigen zu. Der 27. Mauertote. Heute erinnert in der Berliner Zimmerstraße eine etwa mannshohe, rostige Stele in Eisenträgerform auf dem Bürgersteig vor tristen, graufarbigen Geschäften in ebensolcher Tristesse an dieses Ereignis. Jedes Jahr am 13. August – dem Tag des Mauerbaus, nicht am Todestag Fechters selbst – legt der Regierende Bürgermeister von Berlin dort einen Kranz nieder. Das ist Routine geworden. Auch Klaus Wowereit tut dies nicht eben sonderlich begeistert.

Man gefällt sich in einer Kultur des Gedenkens im Weltmaßstab. Siehe das genüsslich zelebrierte Gezeter um das Holocaustdenkmal. Oder sie kümmern sich in höchst provinzieller Ignoranz nur um Berlin selbst, weil für sie eine deutsche nationale Identität von Garmisch-Partenkirchen über Flensburg bis nach Frankfurt/Oder eine schlichte Zumutung scheint, außerhalb jeden Vorstellungshorizontes, dass Berlin an und für sich schon Deutschland ist, sich die Bundeshauptstadt also nur mit sich selbst zu beschäftigen braucht.

„Auf die Nachfrage, warum denn für Peter Fechter nicht an seinem Todestag selbst
eine Ehrung stattfindet, weiß sie keine Antwort“

„Was prägt eine Stadt? Wodurch erhält sie ihr unverwechselbares Gesicht? Was vermittelt ihre Identität?“ So fragt das Berliner Landesdenkmalamt in seiner Auflistung der Bau- und Gartendenkmäler der Stadt. „Die Großstadt bringt großstädtische Denkmale hervor“ – eine an Logik und Präzision kaum zu überbietende Aussage schließen die Berliner Denkmalschützer an, die offenbart: Die Berliner Kulturprofis interessiert der Rest von Deutschland nicht. Eine deutsche Identität gibt es für Berlin nicht.

Dieser Berliner Provinzialismus offenbart sich auch im Erfolg der PDS, dass jetzt mit öffentlichen Steuergeldern ein Denkmal in Berlin-Mitte für die Kommunistin Rosa Luxemburg gebaut wird. Der Berliner Kulturminister Flierl feiert das als Erfolg, und sagt, wohin die Reise gehen soll, wenn er in diesem Zusammenhang an das erste Luxemburg-Denkmal in Berlin aus dem Jahre 1926 erinnert: „Das im Auftrag der KPD 1926 entstandene Revolutionsdenkmal Ludwig Mies van der Rohes markierte den kurzen Moment einer Verbindung von ästhetischer und politischer Avantgarde in Deutschland.“ Deutschlands Identität soll also eine Verbindung von ästhetischer und politischer Avantgarde sein, das ist der alte Intellektuellen-Traum, der so weltfremd wie gefährlich ist.

Freiheit war Fechter das Wichtigste

Was das nun alles mit dem Tod von Peter Fechter vor 40 Jahren an der Berliner Mauer zu tun hat? Nun, Peter Fechter ist die gleichsam fleischgewordene Widerlegung dieses Traumes einer nationalen Identität. Er verkörpert eine neue deutsche Identität, die Deutschland von Garmisch-Partenkirchen über Flensburg bis nach Frankfurt/Oder verbinden kann.

Ein junger Mensch, für den Freiheit das Wichtigste ist – jenseits aller rechten oder linken Ideologien, für die auch Rosa Luxemburg steht. Peter Fechter musste für diesen Wunsch nach verantworteter persönlicher Freiheit sterben. Doch was tut Berlin für das Gedenken Peter Fechters? Nichts, außer das Ritual der Kranzniederlegung zu pflegen. Das zeigt zum Beispiel eine Recherche der Tagespost zum Thema Denkmal für Peter Fechter: Anruf beim Innensenat mit der Bitte, eine Liste zeitgenössischer Denkmäler in Berlin für Personen der Zeitgeschichte zu erhalten. Antwort: Wenden Sie sich an den Kultursenat.

In Berlin fühlt sich niemand für die Opfer der Diktatur zuständig

Anruf beim Kultursenat mit der gleichen Bitte. Anwort: Oh je, wir haben da nur was bis Bismarck. Die Frauenstimme lacht. Und klärt weiter auf: Das ist schwierig hier in Berlin, da ist jeder und keiner zuständig. Innensenat, Kultursenat, Bezirksämter, auch der Bausenat hat eine Stelle für Kunst im öffentlichen Raum, die kümmern sich alle drum, glaubt jedenfalls das Fräulein vom Kultursenat in forschem Berliner Dialekt. Hat sie schon mal was von einem Peter-Fechter-Denkmal gehört, lautet die nächste Frage. Antwort: Ja, irgendwas war da, ich glaube, da gibt es irgendwo so eine Plakette an einer Häuserfront. Von der Stele in der Zimmerstraße wusste sie nichts. Wenn die Tagespost mehr wissen wolle, solle sie sich ans Museum Checkpoint Charlie wenden, half sie schließlich entnervt, aber freundlich weiter.

Anruf beim für die Zimmerstraße zuständigen Bezirksamt Kreuzberg. Antwort: Der für Denkmäler abgestellte Sachbearbeiter Olaf Vogt ist in Urlaub, mehr könne man zu einem Peter-Fechter-Denkmal nicht sagen. Schließlich ein Anruf beim Presseamt des Regierenden Bürgermeisters selbst, was denn am 40. Jahrestag von Peter Fechners Tod von Seiten des Senats an Gedenken geplant sei? Die Dame am anderen Ende des Telefons fragt als Berlinerin pflichtschuldig nach: Wann war das denn mit dem Peter Fechner? Antwort: 17. August 1962. Kurze Pause. Dann verbindet sie weiter ins Büro von Klaus Wowereit selbst. Und die dortige Sekretärin bescheidet den Frager kurz und bündig: Am 13. August zum 41. Jahrestag des Mauerbaus ist eine Kranzniederlegung an der Stele Fechters. Auf die Nachfrage, warum denn für Peter Fechter nicht an seinem Todestag selbst eine Ehrung stattfindet, weiß sie keine Antwort. Eine kleine Chronik Berliner kulturpolitischer Unfähigkeit, die Aufgabe einer neuen deutschen Identität in der Gedenkkultur aufzubauen. Eine Hypothek, die sich in einigen Jahren rächen kann.

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