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Walberberger Buß- und Bettagsgespräche: Ohne ihre christlichen Wurzeln kann die Soziale Marktwirtschaft nicht erblühen. Von Sebastian Sasse
Wolfgang Ockenfels
Foto: KNA | Souverän und pointiert: Wolfgang Ockenfels leitete die Diskussion.

Ist die Soziale Marktwirtschaft mausetot? Die Frage eines Teilnehmers unterstreicht: Bei den diesjährigen traditionellen Buß- und Bettagsgesprächen des Instituts für Gesellschaftswissenschaften Walberberg ging es ums Eingemachte: Vor 70 Jahren hatte Ludwig Erhard mit der sogenannten Währungsreform den ersten Schritt in Richtung Sozialer Marktwirtschaft gemacht, doch anders als bei vielen anderen Festveranstaltungen in den vergangenen zwölf Monaten war den rund 200 Besuchern in der Stadthalle Bonn-Bad Godesberg nicht recht zum Feiern zumute. Ist der deutschen Öffentlichkeit überhaupt noch klar, welche Prinzipien eigentlich hinter diesem Wirtschafts- und Gesellschaftskonzept liegen? Und wie sehr ist den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft noch klar, wie stark die konkrete Entwicklung der Sozialen Marktwirtschaft durch die christliche Gesellschaftslehre befördert worden ist? Auf beide Fragen müssen die Antworten negativ ausfallen. Freilich, ein Grund zur Verzweiflung besteht auch nicht. Doch bevor über die Lösung nachgedacht werden kann, bedarf es zunächst einmal einer Diagnose der aktuellen Sachlage.

Eine solche Analyse lieferten drei Referenten, jeweils aus einer unterschiedlichen Perspektive. Elmar Nass, katholischer Priester, Kenner und Spezialist für die Katholische Soziallehre sowie Lehrstuhlinhaber an der Wilhelm Löhe Hochschule in Fürth, ging zunächst auf die grundsätzliche Prägung der Sozialen Marktwirtschaft ein: Die Idee des Zusammenlebens, die ihr zugrunde liege, werde dem christlichen Menschenbild gerecht. Das christliche Menschenbild sei die Idee, die der Sozialen Marktwirtschaft ihren humanitären Charakter verleihe. Nass rief auch zu Optimismus auf: „Wir verfügen über die besten Begründungen.“ Allerdings müsse man natürlich diese auch in der Öffentlichkeit vertreten. Alfred Schüler, emeritierter Professor für Volkswirtschaft an der Universität Marburg, führte aus, inwieweit die Soziale Marktwirtschaft eben nicht nur ein Konzept für die Wirtschaft, sondern für die Gesellschaft insgesamt darstelle. Es gehe darum, dass die Menschen ihre Freiheitsrechte wahrnehmen könnten. Leider sei dieses Ideal in den letzten Jahrzehnten verkümmert. Es werde zwar von Sozialer Marktwirtschaft gesprochen, in Wirklichkeit habe dies dann aber mit dem ursprünglichen Modell nichts mehr zu tun. Hier knüpfte Philip Plickert, Wirtschaftsredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, an: Er stellte heraus, wie die deutsche Streitkultur hinsichtlich großer Zukunftsfragen wie Demographie oder Digitalisierung versage. Zu sehr seien Debatten durch politische Korrektheit und Denkverbote eingeschränkt.

Genau dagegen wolle man mit solchen Gesprächen Akzente setzen, hob Pater Wolfgang Ockenfels hervor, der Vorsitzende des Instituts. Die Veranstaltung wurde auch per Video aufgezeichnet und wird demnächst bei Youtube zu sehen sein. „Das haben wir auch schon in der Vergangenheit gemacht und teilweise große Reichweiten erzielt“, so Ockenfels. Einige Beiträge seien bis zu 800 000 Mal aufgerufen worden.

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