Kolumne

Zurück zum heiligen Franziskus!

Welche Bestandteile der franziskanischen Wirtschaftsethik benötigt die Marktwirtschaft heutzutage mehr denn je?
Heilige Franziskus sieht sich in einer Vision vom Kreuz her angesprochen
Foto: Fresko von Giotto di Bondone, um 1295 | Der Heilige Franziskus sieht sich in einer Vision vom Kreuz her angesprochen.

Die franziskanische Wirtschaftsethik hat auch im Jahr 2022 nichts von ihrer Anziehungskraft verloren. Nicht zuletzt hat sich bekanntermaßen auch Papst Franziskus selbst in seinen Sozialenzykliken und in seiner Initiative „Economy of Francesco“ vom Armutsideal des Heiligen von Assisi inspirieren lassen, um eine Erneuerung der Gesellschaft sowie eine humanere Wirtschaft zu fordern.

Es war der heilige Franziskus, der Sohn des Kaufmanns Pietro di Bernardone, der den Armutsweg gewählt und ausgerechnet hierdurch zu einer neuen Konzeption des Reichtums gefunden hat. Der Poverello von Assisi bot nämlich mit seiner Regula eine neue Lebensform an und zeigte jedem Menschen je nach seinem Zustand den Weg des Heils. Franziskaner wie Petrus Iohannis Olivi, Duns Scotus und Bernardin von Siena trugen in der Folge zur Entwicklung neuer ökonomischer Ideen bei: So legitimierten sie die Idee des sozialen Nutzens des Geldes und des Gewinns sowie der politischen Funktion des Handels als Dienst an der Zivilgesellschaft.

Vom Gemeinwohl geleitet

Obwohl diese Denker die Wirtschaftsprozesse und -beziehungen ihrer Zeit verbessern wollten, behielten ihre Ansichten stets ein übergeordnetes ethisches Ziel im Auge. Denn ihr wesentlicher Fokus lag auf der Forderung, dass das Handeln der Kaufleute von Gerechtigkeitsüberlegungen und vom Gemeinwohl geleitet sein müsse.

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Die Franziskaner zeigten, dass theologische Heilsökonomie mit dem Heil der Ökonomie zusammengehörten. Es scheint ein Paradox zu sein, dass die Franziskaner durch die Verteidigung der absoluten Armut zur Legitimierung wirtschaftlicher Tätigkeiten beigetragen haben. In Wirklichkeit handelt es sich aber um einen inneren Zusammenhang und eine Kontinuität zwischen Armutsverständnis und Reichtumsfrage. Genau die Armut als Verzicht auf Besitz wurde zum Antrieb für das Verständnis des Wirtschaftslebens.

Relevanz der franziskanischen Tradition

Die Armut hat damit die theoretische Voraussetzung dafür geschaffen, um eine Wirtschaftskultur zu entwickeln, die den Markt als Ort der sozialen Begegnung betrachtet. Für die freiwilligen Armen wie die Franziskaner bedeutete Armut den Verzicht auf Eigentum und all seine Rechte; aber für diejenigen, die sich für Eigentum entschieden, wie die mercatores, bedeutete Armut den Verzicht auf die reine Akkumulation von Reichtum zugunsten der Zirkulation von Reichtum zum Wohle der Gesellschaft.

Die aktuelle Relevanz der franziskanischen Tradition besteht in der Erarbeitung einer in normative Fragestellungen eingebetteten Wirtschaftsanalyse. Sie kann zur Korrektur einer rein utilitaristischen Konzeption der Wirtschaft verwendet werden, die soziale Ungleichheit und Ausgrenzung schafft. Sie kann ebenso der Ideologie des unbegrenzten Wirtschaftswachstums entgegengesetzt werden, die die ethische Reflexion ausklammert und jene politisch-ethischen Voraussetzungen vernachlässigt, die wesentliche Bestandteile der franziskanischen Wirtschaftsethik waren und die die Marktwirtschaft heutzutage mehr denn je braucht.

Der Autor ist katholischer Theologe und Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

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