Zeit für Muße

Die digitale Arbeitswelt schafft Freiraum – Wie wird er gefüllt? Von Sebastian Sasse
Sommerwetter in Plattling
Foto: dpa | Rumhängen: So stellen sich viele ein Leben mit Muße vor. Das Wissen darum, dass Muße eigentlich viel mehr ist, ist vielfach verloren gegangen.

Digitalisierung, künstliche Intelligenz – ohne diese Schlagworte kommt keine Prognose mehr aus, die eine Arbeitswelt der Zukunft entwirft. Aber was wird sich tatsächlich ändern? Martin W. Ramb und Holger Zaborowski gehen dieser Frage ganz konkret nach, indem sie sich auf das Verhältnis von Arbeit und Muße beziehen. Denn ihrer Auffassung nach wird diese Beziehung ganz entscheidend die „Arbeit 5.0“ prägen. Oder anders: Die neue Zeit für Muße wird dieser Arbeitswelt eine neue Perspektive verleihen. Dahinter steckt letztlich auch eine Grundannahme über den Menschen: Der eben auch das Wesen ist, das Muße sucht, ja sie vielleicht finden muss – nicht zuletzt, um sich über sein Wesen klar zu werden. Spätestens hier wird deutlich: Die beiden Herausgeber sind Philosophen – und Theologen. Zaborowski, ein Heidegger-Spezialist, lehrt Philosophie an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Vallendar; Ramb leitet die Abteilung für Religionspädagogik, Medien und Kultur im Bischöflichen Ordinariat Limburg. Die Beiträge in ihrem Buch überzeugen vor allem durch ihre Vielfalt: Sie zeigen, in wie viele Bereiche des Lebens die Frage nach der Bedeutung der Muße hineinreicht. Die Autoren, Experten aus Philosophie, Theologie, aber auch der Ökonomie oder der Kunst, beleuchten diese Zusammenhänge.

Die wichtigste Botschaft für den Leser ist vielleicht die: Dass die Arbeitswelt vor Veränderungen steht, ist mittlerweile zu einer Binse geworden. Der Hinweis fehlt heute auf keiner Rede bei einem Unternehmerempfang oder beim Gewerkschaftskongress. Wie allerdings diese Veränderungen aussehen, darüber wird sich meist ausgeschwiegen. Das Buch vertritt vor diesem Hintergrund einen positiven Ansatz: Die Veränderungen werden als Chance gesehen. Und zwar in gewisser Weise als eine Chance zu einer weiteren Humanisierung der Arbeitswelt.

Muße wird heute oft in ihrer Bedeutung verkürzt. „Müßiggang ist aller Laster Anfang“ und ähnliche Sprüche spiegeln dieses verzerrte Bild wider. Wer aber in seinem Leben der Muße Raum gibt, der ist eben nicht etwa faul. Ganz im Gegenteil. Die Muße ist vielmehr unverzichtbar für Kreativität. Und sie dient so dann auch – das ist aus der Perspektive der katholischen Soziallehre wichtig – dem Gemeinwohl. Denn wer Muße hat, der kann sich auch den öffentlichen Dingen widmen: Etwa durch ehrenamtliche Tätigkeiten, sei es im sozialen, sei es im politischen Bereich. Muße ist also durchaus eine republikanische Tugend. In der Antike – auch die historische Dimension wird aufgezeigt – war dieses Bewusstsein durchaus noch weit verbreitet. Im deutschen Kulturraum – siehe die Klage über die Gefahren des Müßiggangs – gibt es hier noch einigen Nachholbedarf. Das Buch setzt hier einen Anfang.

Martin W. Ramb, Holger Zaborowski (Herausgeber), Arbeit 5.0. Oder warum ohne Muße alles nichts ist. Wallstein, Göttingen 2018, 400 Seiten, ISBN 978-3-8353-3340-6, EUR 22,-

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