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Von König Fußball lernen

Das Spiel um das runde Leder ist ein Mikrokosmos der Gesellschaft.
Der Fuß eines französischen Nationalspielers am Ball
Foto: IMAGO/Alexey Filippov (www.imago-images.de) | Fußball und das echte Leben haben viel gemeinsam, meint unser Kolumnist Thomas Rusche.

König Fußball gehört neben Papst Franziskus zu den wenigen Autoritäten, die heute noch weltweit Beachtung finden. Nicht nur während der EM steht das Spiel in der Zuschauergunst ganz weit oben und fesselt weltweit Millionen Menschen in demokratischen und autoritären Staaten. Können wir vom Fußball etwas für unser Zusammenleben lernen?

Werfen wir einen sozialethischen Blick auf dieses lehrreiche Mannschaftsspiel und beginnen mit den Spielregeln. Sie sind international akzeptiert, werden kontinuierlich fortgeschrieben und gelten für alle in gleicher Weise. Konsequent werden sie von einem digital verstärkten Schiedsrichterteam durchgesetzt. Jeder Spieler weiß, dass er bei einem Regelverstoß sofort sanktioniert wird. Diese zügige Bestrafung einer Tat wirkt disziplinierend und sollte auch in unserem Rechtsstaat zur Selbstverständlichkeit werden. Vorbildlich ist auch das verschärfte Verbot, den Schiedsrichter zu bedrängen und sich gegen ihn zusammenzurotten. Seine Autorität gilt unbestritten!

Spielregeln beachten

Trotz einheitlicher Spielregeln zeichnen sich Fußballer durch individuelle Spielzüge aus. Sie können Diener der Mannschaft sein, oder ihrem Ego frönen, sich vollends verausgaben, oder im Schongang spielen. Mehr oder weniger folgen sie beim Zweikampf dem Gebot der Fairness. Der Übergang vom harten Tackling zum Foul ist fließend, kein Spieler verlässt mit sauberer Weste den Platz. Derartige Herausforderungen kennen wir auch von Managern und Politikern, die im harten Wettbewerb um Erfolge ringen und manches Mal die Grenzen des Erlaubten überschreiten. Sollten wir ihnen nicht ohne Häme ebenso verständnisvoll begegnen, wie einem Fußballer, der in der Hitze eines Gefechts die Regeln verletzt? Denn wo gehobelt wird, da fallen Späne!

Das fällt uns bei einem Spieler der eigenen Mannschaft leichter als beim Gegenspieler. Umso überraschender ist die Herzlichkeit der Kontrahenten nach dem Abpfiff eines umkämpften Spiels. Oftmals verlassen sie Arm in Arm den Platz und tauschen miteinander ihre Trikots. Menschlichkeit ist wichtiger als Wettbewerb. Daran könnten sich gewaltbereite Ultras in Vereinen und Parteien ein Beispiel nehmen und von König Fußball lernen, dass jedem Menschen eine unverfügbare Würde zukommt, auch dem Gegner.

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Erfolgreiche Fußballteams sind Ausdruck gelebter Diversität. Entscheidend für die Aufstellung eines Spielers ist sein Leistungsvermögen, unabhängig von Alter, Hautfarbe, Milieuhintergrund, oder politischer, religiöser sowie sexueller Orientierung. König Fußball ist ein Meister der Integration, sowohl auf dem Spielfeld als auch im Stadion und auf den Straßen mit ihren fröhlichen Fangemeinden. Ganze Nationen versammeln sich hinter ihren bunt gemischten Mannschaften und erleben gemeinsam Sieg oder Niederlage. Welch ein Zusammenhalt, dessen Verlust wir in Politik und Gesellschaft so schmerzhaft beklagen müssen und von Fußballfreunden lernen könnten.


Der Autor lehrt Philosophie an der Universität Siegen, der Hochschule für Philosophie München und der WHU Vallendar.

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Thomas Rusche Humanität Papst Franziskus

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