Kolumne

Von den Monti di Pieta bis hin zum Mikrokredit

Ethisch verantwortliche Mikro-Finanzierung ist ein nützliches Modell, das dem Schutz der Armen vor den Risiken des Wuchers dienen kann.
Globale Rezession - Eurozeichen
Foto: Frank Rumpenhorst (dpa-tmn) | Die aktuelle globale Rezession und neue armutsverstärkende Effekte erfordern ein neues Finanzwesen. Das franziskanische Charisma liefert Perspektiven für Veränderungen.

Große Krisen sind immer Prozesse der „schöpferischen Zerstörung“, wie es einmal Joseph Schumpeter sagte. Im Laufe der Geschichte wurden große institutionelle Innovationen durch soziale Wunden hervorgerufen. Im Spätmittelalter zeigte sich dies durch die Initiative der Franziskaner, die religiöse Unternehmer und gesellschaftliche Erneuerer in Zeiten des Umbruchs waren. Sie haben aus dem Geist der Armutsbewegung institutionelle Veränderungen bewirkt, die starke Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft hatten.

Einer ihrer nachhaltigen Innovationen war die Einrichtung der Frühformen der Sparkassen und somit des Bankenwesens: die sogenannte Montes Pietatis. Diese Kreditinstitute wurden dank der Initiative von Franziskanerpredigern – wie etwa Barnaba Manassei, Michele Carcano und Bernardino da Feltre – ab dem 15. Jahrhundert in italienischen Städten und später auch in anderen europäischen Ländern als Leihhäuser gegründet.

Antwort auf Wucherer

Der erste urkundlich bekannte Monte entstand 1462 in Perugia, und im Jahre 1472 wurde in Siena die heute noch existierende Banca Monte dei Paschi di Siena eingerichtet. Die Montes wurden ursprünglich als Mittel zur Armuts- und Wucherbekämpfung konzipiert. Sie waren eine gesellschaftliche Antwort auf die damals verbreitete Praxis des durch Zinswucher geprägten Geldverleihens. Es handelte sich um Pfandleihgeschäfte, die armen, aber fähigen und geschäftstüchtigen Leuten Kredite gegen niedrige Zinsen als Entschädigung für die Kosten, die für die Verwaltung und den Unterhalt der Monti erforderlich sind, gewährten. Im praktischen Leben spielten sie eine doppelte Funktion als Finanz- und Wohltätigkeitseinrichtungen.

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Die franziskanische Hinwendung zu den Armen in der Nachfolge Christi und das Streben nach Verbesserung der Lebensverhältnisse verwandelten sich in aktive Nächstenliebe und brachten die Sozialethik hervor. Das franziskanische Charisma liefert neue Perspektiven für eine Humanisierung des derzeitigen Finanz- und Wirtschaftssystems und für die Schaffung neuer Formen des Sozialunternehmertums.

Wirtschaft tötet nicht

Von den Franziskanern können wir lernen, dass die Wirtschaft nicht tötet, und Geld und Reichtum nicht verteufelt werden dürfen. Die durch die Covid-Pandemie verursachte globale Rezession und neue armutsverstärkende Effekte erfordern dennoch ein neues Finanzwesen, das die Armut verringert, dem Wohl des Einzelnen und der Völker dient.

Der Geist der Monti di Pieta als Vorläufer der modernen Mikro-Kreditinstitutionen und der Finanzethik können heutzutage dem Ziel dienen, den Armen und den Entwicklungsländern einen leichteren Zugang zu Kapital und Krediten zu ermöglichen. Eine solche Art der Mikro-Finanzierung ist ein nützliches Modell, das zeigt, wie die Beziehung zwischen Kreditgebern und Bürgern erneuert werden kann, zum Schutz der Armen vor den Risiken des Wuchers.

Der Autor ist Privatdozent an der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle  in Mönchengladbach.

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