Am Wochenende hielt ich Vorträge auf einem akademischen Seminar katholischer Studenten in der Zisterzienserabtei Marienstatt im Westerwald. Wir diskutierten über Moral und Recht im Sozialstaat, über Gerechtigkeit und Barmherzigkeit, ausgehend von den drei großen lukanischen Gleichnissen: barmherziger Samariter, barmherziger Vater, unbarmherziger reicher Prasser. Öfter war in der Debatte zu hören: Wir müssen den Egoismus austilgen. Aber das genau ist der Irrtum, der vielen unserer sozialpolitischen und wirtschaftspolitischen Debatten, auch und gerade aus gut gemeinter katholischer Sicht, zugrunde liegt: Der Egoismus gehört nachparadiesisch zum Menschen wie die Nase ins Gesicht. Er kann eingedämmt, nicht aber vermieden werden, außer in wenigen heroischen Momenten eines Maximilian Kolbe oder eines Franz Jägerstätter. Das ist heiligmäßig, aber nicht alltäglich. Alltäglich hingegen ist das Bemühen eines jeden Menschen, sein Schäfchen ins Trockene zu bringen. Und Marktwirtschaft heißt nichts anderes, als den Versuch ins System zu bringen, Menschen anzureizen, zusätzlich zum eigenen Schaf auch noch möglichst viele andere und durchaus fremde Schafe ins Trockene zu hieven, zum Beispiel durch solidarische Kranken- und Rentenversicherungen. Das nennt sich vornehm-akademisch: Solidarität und ist die allerkleinste Schwester der großen Liebe aus edler Hingabe.
Immer noch und immer wieder heißt unsere Kolumne daher „Der kapitalistische Samariter“. Das ist Programm: Ausgehend vom franziskanisch inspirierten Frühkapitalismus der Toscana ab dem 15. Jahrhundert wird danach gefragt: Wie kann das Sachkapital dem Humankapital möglichst effektiv dienen? Oder anders: Wie kann außerhalb des Paradieses, wo jetzt alle Güter knapp, besonders knapp aber Liebe und Barmherzigkeit sind, wenigstens in der kleinen Münze der Gerechtigkeit und Solidarität jedem Menschen ein auskömmliches Leben ermöglicht werden, damit er nicht im Straßengraben der Exklusion und der Bedeutungslosigkeit versackt? Und konkret mit dem berühmten Beispiel aus dem Lukas-Evangelium gefragt: Wie können möglichst viele Samariter durch Anreize gelockt werden, in Esel zu investieren und professionelle Hilfe anzubieten? Wie könnten Wirte zu lukrativen Herbergsangeboten und Investitionen im Gastgewerbe (und anderswo) inspiriert werden? Und wie können räuberische Clans effektiv gehindert werden, Menschen auszurauben und im Straßengraben zu Lasten der Allgemeinheit liegen zu lassen (oder durch permanentes Schwarzfahren eine allgemeine Preiserhöhung zu erzwingen …)? Immer geht es wohlgemerkt um Kanalisierung, niemals um Ausrottung des dem Menschen von der Natur mitgegebenen Egoismus. Wenn jeder an sich und seine Familie denkt, ist eben noch längst nicht an alle gedacht; der Sozialstaat hilft nach im Blick auf die benachteiligten und schwächeren und nicht im Wettbewerb erfolgreichen Mitglieder der Gesellschaft. Und dabei ist möglichst passgenaue Hilfe und Unterstützung für weniger leistungsfähige (und manchmal auch leistungswillige …) Menschen im Staat nötig.
Die jetzt geplanten Maßnahmen der Bundesregierung angesichts hoher Sprit- und Energiepreise zeigen leider das Gegenteil und sind ein wirtschaftspolitisches Desaster, ja eine sozialpolitische Bankrotterklärung. Mit der Gießkanne werden hilflos Rabatte und Prämien ausgeteilt, statt genau zu fragen: Wer ist jetzt besonderes zu begünstigen? Richtig, der berufsmäßige Pendler, und der muss entlastet werden durch Erhöhung der Pendlerpauschale. Rabatte sind bestenfalls gut gemeint, landen aber höchstwahrscheinlich in den Taschen der Konzerne statt der Pendler. Genau zu fragen: Wie gelingt insgesamt weniger Spritverbrauch? Richtig, durch Einführung eines bundesweiten Tempolimits auf den Autobahnen, wie es längst alle unsere Nachbarländer haben und wie es nachgewiesen vernünftig ist zur Reduzierung von Spritverbrauch. Und letztlich genau zu fragen: Brauchen wir allmählich eine Verlagerung von direkten zu indirekten Steuern, eine Entlastung also der Einkommen und Löhne? Nur in diese Richtung gelingt ein weiterer erfolgreicher Anreiz von möglichst vielen barmherzigen Samaritern zugunsten der schwächeren Teilnehmer im Markt.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









