Soziale Frage

Soziallehre heute

NRW-Sozialminister Laumann würdigte Kardinal Höffner. Die Soziallehre bleibt für ihn eine Zukunftsaufgabe.
NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann
Foto: Hoensbroech | NRW-Arbeits- und Sozialminister Karl-Josef Laumann sprach beim jährlichen Gedenken der Höffner-Gesellschaft an ihren Namenspatron.

Welchen Beitrag kann die katholische Soziallehre leisten, damit sie die soziale Frage angemessen und nachhaltig auch und gerade unter Einbeziehung des Klimaschutzes beantwortet? Für Karl-Josef Laumann ist diese Frage neben der nach dem Ausgleich von Kapital und Arbeit im Sinne der katholischen Sozialethik die entscheidende Zukunftsaufgabe für die kommenden 20 Jahre. „Haben wir aus dem Glauben heraus die Kraft, Antworten zu geben, wie mit der Schöpfung Gottes umzugehen ist?“, fragte der seit Jahrzehnten engagierte Sozialpolitiker und sieht darin eine gleichsam sozialwissenschaftliche wie gesamtgesellschaftliche Herausforderung. Laumann, der neben seiner Tätigkeit als Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen auch Vorsitzender der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) ist, ergänzte: „Ich bin davon überzeugt, dass die Akzeptanz von Kirche auch damit zu tun hat, dass sie aus diesem Geist heraus Gesellschaft mitgestaltet.“

Theorie für den sozialen Zusammenhalt

In seinem Festvortrag beim traditionellen Gedenken an den Kölner Erzbischof und Kardinal Joseph Höffner (1906 - 1987) wies der Politiker vor der „Joseph-Höffner-Gesellschaft“ in der „Residenz am Dom“ in Köln darauf hin, dass die katholische Soziallehre bereits lange vor dem Zweiten Weltkrieg eine Theorie für den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft entwickelt habe. „Ohne die katholische Soziallehre hätten wir nach dem Krieg nicht die Soziale Marktwirtschaft bekommen, die zu einem sozialen Ausgleich in breiten Gesellschaftsschichten geführt hat.“ Der Gedanke der Verbindung von Eigentum mit einer Sozialpflicht und sozialem Engagement sei eines der Leitbilder, die insbesondere in und während einer Krise Hoffnung geben können.

Laumann weiß, wovon er spricht. Als zuständiger Minister im bevölkerungsreichsten deutschen Bundesland musste er in den vergangenen 17 Monaten beispielsweise immer wieder die Corona-Schutzverordnung aktualisieren und per Unterschrift in Kraft setzen. „Das Schwerste war die Unterschrift unter die Verordnung mit dem Besuchsverbot in Seniorenheimen.“ Damals habe es noch keine Masken sowie Impfstoff gegeben. Der engagierte Katholik hat nach eigenen Worten sehr genau beobachtet, wie sich das soziale Gefüge verändert habe, wenn sich der Staat aus sozialen Aufgaben zurückziehe.

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„Politik für Familien kann nie falsch sein“

Er habe aber auch sehr genau registriert, wer das dann kompensiert. Seine Antwort: „Die Familie.“ Gerade wenn es um betreuungspflichtige Menschen geht, habe sich der Wert der Familien erwiesen. Mit Blick auf die seiner Meinung nach problematischen familienpolitischen Vorstellungen anderer Parteien betont der CDU-Politiker: „Familie hat ein Recht, in so einer Krisensituation und in der Gesellschaft privilegiert zu sein.“ Auch aus ökonomischer Sicht könne gute Politik für Familien nie falsch sein, da der Staat auch in Zukunft die Familie als wirtschaftliche Einheit sehen müsse.

Die Zeit der Pandemie habe aber auch gezeigt, dass Familie als Kern und Keimzelle der Gesellschaft einen neuen Schub erhalten habe. So sei – ohne die natürlich vielfach auch bestehenden Nachteile ausblenden zu wollen – Heimarbeit als eine neue Dimension in der Arbeitswelt angekommen, in der Familie und Arbeit tatsächlich zusammengebracht werden können. Von der vielfach erhobenen Forderung, dies in Gesetzestexte zu fassen, hält der 64 Jahre alte Sozialpolitiker indes wenig. „Die Frage ist doch dann, wie das kontrolliert werden soll?“ Aus Sicht des gelernten Maschinenschlossers sei das eine Frage der Kultur: „Es muss am Wochenende nicht das gemacht werden, was nicht unbedingt notwendig ist.“

Unternehmerische Verantwortung

Noch zwei weitere Erkenntnisse, die aus den Erfahrungen der Pandemie gespeist wurden, gab der Politiker dem Auditorium mit: So müsse sich einerseits unternehmerische Verantwortung gerade bei der Antwort auf die Frage nach menschengerechten, respektive familiengerechten Arbeitsbedingungen erweisen. „Das unbefristete Arbeitsverhältnis muss das Regelverhältnis sein, alles andere eine Ausnahme.“ Zudem mahnte Karl-Josef Laumann mit Blick auf das seit 1993 bestehende und längst nicht mehr die aktuellen Lebenswirklichkeiten von Branchen abbildende Arbeitszeitgesetz die Stärkung der Tarifbindung an. „Damit ist zugleich eine gute Einstellung zur Arbeit und folglich auch zu den Sozialversicherungen verbunden.“

Mit seinen Äußerungen fand Karl-Josef Laumann lebhaften Beifall bei seinem Publikum. Markus Hofmann, Generalvikar des Erzbistums Köln, unterstrich vor dem Hintergrund der politikerprobten Erkenntnisse des profilierten Sozialpolitikers Laumann, dass die prägende Kraft und Aktualität der katholischen Sozialethik „ein verlässlicher Kompass ist, der sich in der Praxis durch gelebte Solidarität erweist“. Joseph Kardinal Höffner, der als Sozialwissenschaftler die christliche Soziallehre entscheidend vorangebracht hat, wusste bereits, dass sich, so Hofmann, „diese soziale Vision am Heilsplan Gottes orientiert und in der sozialen Umsetzung bewährt“.

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