Arbeit

Schöne Neue Arbeitswelt?

Die Corona-Pandemie treibt große Megatrends wie Homeoffice und New Work massiv voran.
Arbeitskonzept „New Work“
Foto: dpa | Die Arbeitswelt verändert sich – wie man anhand der „Besprechungssofas“ in der Firmenzentrale des Drogerieunternehmens dm erkennen kann.

Die Arbeitswelt verändert sich. Die reine Leistungsgesellschaft, wie wir sie aus dem Industriezeitalter kennen, hat ausgedient. Überstunden, Konkurrenzkampf und Präsenzzeiten – glaubt man den Arbeits- und Innovationsforschern, sind solche Dinge Auslaufmodelle. „New Work“ oder „Slow Work“ sind die Begriffe, die in diesem Zusammenhang immer wieder in der Debatte fallen. Was ist damit gemeint und welche Risiken verbergen sich hinter den als „schöne neue Welt“ gepriesenen Arbeitsmodellen?

Corona beschleunigt viele Entwicklungen

Dass sich in der Arbeitswelt rasant etwas verändert, das ist nicht erst seit der Corona-Pandemie klar. Die Pandemie hat sich aber als ein großer Beschleuniger erwiesen. Dass Arbeitnehmer, teilweise notgedrungen, ins Homeoffice geschickt wurden, ist nur das sichtbare Symbol dieses Veränderungsprozesses. Wir erleben eine nie dagewesene Innovationsdynamik: Arbeitsprozesse, Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle werden neu erfunden. Alles wird digitaler, agiler und noch volatiler. Digitalisierung bedeutet für das Arbeiten der Zukunft nicht nur den Einsatz neuer Technologien. Die Arbeitsprozesse müssen sich ebenfalls entwickeln. Die Bindung vieler Tätigkeiten an einen bestimmten Ort nimmt immer mehr ab. Der Soziologe Nick Kratzer, Arbeitsforscher am Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. – ISF München, sieht die „Utopie vom Wunscharbeitsplatz“ mit der Pandemie greifbarer geworden. Das wird, laut dem Soziologen, die Zukunft des Arbeitens sein.

Das amerikanische Technologieunternehmen Microsoft beispielsweise setzt in Deutschland schon seit einigen Jahren auf neues Arbeiten. In ihren sogenannten Regional Offices in München, Köln, Berlin und Hamburg setzt der Tech-Riese seine Vision der Arbeit der Zukunft um. In Hamburg beherbergt das Office auf 1 000 Quadratmeter 34 Arbeitsplätze für 200 Beschäftigte. Arbeiten bei Microsoft soll von Flexibilität, selbstbestimmtem Arbeiten und Vertrauen geprägt sein. Für das Unternehmen bedeutet das, dass jeder Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue entscheiden kann, wo er seine Arbeit erledigt. Das kann bei Microsoft im Büro passieren, im Homeoffice, im Café oder vor Ort beim Kunden. „Mit unserem modernem Bürokonzept tragen wir den veränderten Anforderungen an die Arbeitswelt Rechnung und ermöglichen hybrides Arbeiten – sei es im Büro oder im Homeoffice“, heißt es dazu auf der Website von Microsoft.

Smart Workspace als Arbeitskonzept

Das Konzept dahinter heißt „Smart Workspace“ und wurde vom Konzern zusammen mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO entwickelt. Den Microsoft-Mitarbeitern stehen verschiedene Arbeitszonen zur Verfügung: Von Rückzugsorten für Tätigkeiten, die eine hohe Konzentration erfordern, bis hin zu Büroflächen, die bewusst auf Teamarbeit und Kollaboration ausgelegt sind. Jeder Mitarbeiter kann selber entscheiden, in welchen Bereichen und auf welche Art er arbeiten möchte. Starre Arbeitszeiten oder Anwesenheitspflicht kennt der Konzern nicht. Die Beschäftigten sollen damit Privates und Berufliches besser in Einklang bringen können.

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Was Microsoft und auch andere große Unternehmen in den letzten Jahren etabliert haben, sind nicht Ausnahmen, sondern wird vermutlich die Zukunft der Arbeit sein. Im September veröffentlichte Entrust die internationale Studie „Securing the New Hybrid Workplace“. Das Ergebnis macht die Veränderungsprozesse deutlich: 91 Prozent der Angestellten befürworten hybride Arbeitsumgebungen. Schwierigkeiten sehen sie aber bei den Themen Sicherheit und Produktivität. Für die Studie wurden 1 500 Führungskräfte und 1 500 Mitarbeitende aus 10 Ländern befragt. Die Ergebnisse zeigen auf, wie sich Arbeitnehmer von der Geschäftsführung bis zum Einsteiger auf ein neues Arbeitsmodell vorbereiten.

Hybride Arbeitsplätze

Die überwältigende Mehrheit der Unternehmen geht langfristig über zu einem hybriden Arbeitsplatzkonzept. 80 Prozent der Führungskräfte und 75 Prozent der Mitarbeiter geben an, dass ihr Unternehmen derzeit einen hybriden Ansatz fährt – oder vollständig remote arbeitet und ein hybrides Arbeitsmodell in Betracht zieht. Allerdings berichteten 54 Prozent der Mitarbeiter von erheblichen Produktivitätseinbußen aufgrund von Problemen beim Netzwerkzugang. Führungskräfte nennen die mangelnde Sicherheit von Heimnetzwerken (21 Prozent) und den Verlust sensibler Unternehmensdaten (20 Prozent) als größte Sorge.

Die Datensicherheit im Home Office bringt neue Herausforderungen mit sich: Mitarbeiter arbeiten heute dezentraler als je zuvor, weshalb Unternehmen ihre Datensicherheitskonzepte anpassen müssen. Aber während 81 Prozent der Führungskräfte bestätigen, dass ihr Unternehmen seinen Angestellten Schulungen zum Thema Datensicherheit angeboten hat, nahmen nur 61 Prozent der Mitarbeiter Notiz davon – was auf eine erhebliche Kommunikationslücke hindeutet.

Führt das neue Arbeiten zur großen Spaltung?

Die virtuelle Arbeitswelt stellt Arbeitnehmer aber auch vor weitere, ganz andere Herausforderungen. Denn eine weltweite Studie von Barco, einem Anbieter von Visualisierungs- und Kollaborationslösungen, ergab, dass vielen Beschäftigten der Kontakt zu den Kollegen fehlt. Die Zusammenarbeit mit anderen Kollegen per Videochat fällt vielen schwer. Die aktive Mitarbeit in virtuellen Meetings sei auch nur eingeschränkt möglich, da es den Arbeitnehmern schwer falle virtuell etwas beizutragen. 45 Prozent der Barco Studienteilnehmer gaben an, dass sie es einfacher fanden, mit den Kollegen im Büro zusammen zu arbeiten anstatt per Videochat zu kommunizieren. Der persönliche Austausch in der Kaffeeküche, in Meetings oder während der gemeinsamen Mittagspause fehle den meisten Befragten.

Deswegen gilt: Virtuelles Zusammenarbeiten erfordert eine klare Abstimmung über Ziele, Herangehensweisen und Rollen. Unsorgfältig geplantes Vorgehen kann zu Missverständnissen und Frust führen. Auch Informationsaustausch und Wissensmanagement sind über die Distanz herausfordernd und bedürfen immer wieder aufs Neue großer Anstrengungen und gegebenenfalls einer Evaluierung. Die Entwicklung der Arbeitswelt bereitet darüber hinaus älteren Beschäftigten große Probleme. Die digitalen Technologien erfordern eine ständige Auseinandersetzung mit den neuen Entwicklungen. Was jüngeren Menschen leichtfällt, baut vor allem bei wenig technikaffinen Menschen Stress und Druck auf.

Aber auch bei technikaffinen Menschen kann die neue Arbeitswelt Stress erzeugen. Denn Berufs- und Privatleben verschwimmen innerhalb der New Work immer stärker. Das kann mehr Fluch als Segen werden, wenn eine angemessene Regeneration fehlt und die ständige Erreichbarkeit belastet. Da fehlt dann die Zeit zum Abschalten, was wiederum den psychischen Druck erhöht und negative Folgen für die Gesundheit haben kann.

New Work: Chance oder Spaltpilz

New Work kann eine Chance sein. Allerdings liegt hier auch der Keim für eine gesellschaftliche Spaltung. Inwiefern? Hierauf lieferte der Autor David Goodhart eine Antwort, als er in seinem 2017 erschienenen Buch „The Road to Somewhere“ eine Erklärung für den aufkeimenden Populismus suchte. Seine These: Die Gesellschaft habe sich in „Anywheres“ und „Somewheres“ gespalten. Bei den Anywheres handele es sich um eine gut ausgebildete, gut verdienende und agile Elite, Stadtbewohner, die in der ganzen Welt zu Hause sind. Die Somewheres seien die kulturell Abgehängten, die urbane Betonklötze oder verwaiste Kleinstädte bewohnen. Sie entwickeln aus ihrer Situation heraus Vorbehalte gegen die Anywheres. Sie fühlen sich abgehängt.

Zusammengefasst kann man sagen: New Work bedeutet tatsächlich immer mehr Freiheit für Arbeitnehmer. Das ist eine positive und unterstützenswerte Entwicklung. Die Arbeit vom Strand, dem Café oder dem Feriendomizil, ohne das der Arbeitgeber einen hindert, ist selbstverständlich verlockend, selbst wenn rein virtuelle Kontakte mit Arbeitskollegen die persönliche Begegnung nur unzulänglich ersetzten können. Dennoch dürfen, wenn der Wandel der Arbeitswelt gelingen soll, auf diesem Weg die Somewheres, die von diesen Erneuerungen des Arbeitslebens kaum profitieren, nicht vergessen werden.

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