Ost-West

Ostdeutschland wächst stärker als der Westen

Das ökonomische Revival der früheren DDR hat mehr als nur einen Grund.
Ostdeutsches Wirtschaftsforum
Foto: dpa | Bundeskanzler Olaf Scholz dürfte bei seiner Teilnahme beim Ostdeutschen Wirtschaftsforums (OWF) über die gute Wirtschaftslage im Bilde gewesen sein.

Ein überraschendes „Revival Ostdeutschlands“ vermeldete zuletzt die „Financial Times“: Einst „ein Inbegriff wirtschaftlichen Niedergangs“, verwandle sich die Region nun in das Zentrum der europäischen Elektroautoindustrie. Die Großinvestitionen in den Bereichen Cleantech und E-Mobilität – wie die Tesla-Gigafactory in Grünheide und die angekündigte Lithium-Fabrik in Guben von Rock Tech – könnten „der Vorbote eines tiefgreifenden Wandels in der deutschen Industriegeografie sein.“ Habe die wirtschaftliche Stärke Deutschland lange auf dem Süden mit seinen Auto- und Maschinenbaugiganten wie Mercedes, BMW und Siemens basiert, könne sich das mit der „Reindustrialisierung des Ostens“ ändern.

Doch nicht nur die ostdeutsche Industrie bekommt Aufwind: Auch die Löhne im durch die Folgen des DDR-Sozialismus lange wirtschaftlich zurückgeworfenen Osten erholen sich, wenn auch nur langsam. So überschritten die ostdeutschen Löhne und Gehälter im vergangenen Jahr mit 3007 Euro im Median zwar erstmals die Schwelle von 3000 Euro, liegen damit aber immer noch 619 Euro unter dem westdeutschen Medianlohn. Eine Besonderheit: Frauen verdienen im Osten mit 3060 Euro im Median mehr als ostdeutsche Männer mit 2978 Euro. Dies sei aber, wie der Ökonom Dominik Groll vom IfW Kiel gegenüber „Bild“ betonte, vor allem auf eine stärkere Präsenz ostdeutscher Frauen im öffentlichen Dienst zurückzuführen, wo die Gehälter sich kaum von jenen im Westen unterscheiden würden. In der männlich geprägten ostdeutschen Privatwirtschaft sei das anders.

Blühende Landschaften

Und dann übertitelte der „Spiegel“ einen Bericht über die aktuelle ifo-Konjunkturprognose für den Osten auch noch mit „Ostdeutsche Wirtschaft wächst stärker als westdeutsche“. So wachse die Wirtschaft in Ostdeutschland laut ifo-Institut in diesem Jahr mit 2,9 Prozent etwas stärker als im Rests Deutschlands (2,5 Prozent).Verwandeln sich die neuen Bundesländer also tatsächlich schon bald wieder in „blühende Landschaften“, wie Helmut Kohl es einst versprach?

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Auf Nachfrage der „Tagespost“ stellt Joachim Ragnitz, Vize-Chef des Ifo-Instituts Dresden, klar, dass es „faktisch keinen Unterschied in den einzelnen Wirtschaftsbereichen“ gebe. „Nur die Struktur der ostdeutschen Wirtschaft – weniger Industrie, mehr Dienstleistungen – führt dazu, dass es in 2022 ein höheres Wachstum im Osten gibt“, betont der Ökonom. Dass der Osten den Westen langfristig abhängen könnte, hält Ragnitz für „völlig unrealistisch“. Das Hauptproblem sieht er in der zunehmenden Überalterung und Schrumpfung: „Es gibt einzelne Lichtblicke, also so etwas wie Tesla oder Intel, aber im Ganzen dominiert die negative demografische Entwicklung.“ Große Teile Ostdeutschlands würden langfristig strukturschwach bleiben. Neben diesem gewichtigsten Faktor sehen Wirtschaftsforscher auch in mangelnden Investitionen in Bildung und Forschung sowie unzureichender Innovationsfreude Gründe für die wirtschaftliche Stagnation des Ostens, der auch über drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung lediglich 82 Prozent der westdeutschen Produktivität erreicht.

Lässt sich die Produktivitätslücke schließen?

Die c entspricht dem Verhältnis zwischen dem Einsatz an Kapital und Arbeit und dem daraus resultierenden Ergebnis. Der künftige Wohlstand des Ostens hängt davon ab, ob es gelingt, diese Produktivitätslücke zu schließen. Doch inzwischen stagniert auch die früher stets wachsende Produktivität des Westens – ebenfalls wegen der Demografie. Dalia Marin, Ökonomie-Professorin an der Technischen Universität München, erwartet eine erfolgreiche Aufholjagd Ostdeutschlands. „Ostdeutschland wird rasch Westdeutschland einholen“, erklärt die Ökonomin gegenüber der „Tagespost“. Auch Marin sieht im Osten von heute das „Zentrum der europäischen E-Mobilität“ von morgen. Einen Löwenanteil daran spricht sie der EU zu, die den ostdeutschen Landesregierungen über den Green Deal die nötigen Finanzierungsmittel zur Ansiedlung von internationalen Firmen verschafft habe. Dank des European Chips Act habe der rohstoffreiche Osten zudem bereits die US-Firma Intel und mit ihr eine große Halbleiterfabrik für den europäischen Markt in Magdeburg für sich gewonnen. „Ostdeutschland wird den Nachteil der Demografie kompensieren, indem es Arbeitskräfte aus dem restlichen Deutschland und aus dem Ausland anziehen wird“, prognostiziert Marin. „Die erwartete wirtschaftliche Dynamik wird den Standort Ostdeutschland für diese Arbeitskräfte attraktiv machen.“ Ob dies geschehen wird, bleibt abzuwarten.

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