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Lourdes und das Herz aller Dinge

Ein perfekter Sozialstaat ist nicht alles, dennoch sollten wir Gott jenseits irgendwelcher Überlebensstrategien suchen und finden.
Lourdes Grotte
Foto: Nick Castelli / Unsplash | Ist nicht am Ende das unser Ziel, was uns die Grotte in Lourdes vor Augen stellt?

Während ich diese sozialethische Kolumne schreibe, bin ich mit 250 Paderborner Pilgern, darunter viele Kranke, unter Leitung des Malteser-Hilfsdienstes in Lourdes. Herrliche Tage der Wallfahrt: Heilige Messen, eucharistische Prozessionen und Anbetung, Lichterprozession, Beichtehören, Kreuzweg.

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Und ich lese zum gefühlt hundertsten Mal von Franz Werfel „Das Lied von Bernadette“ aus dem Jahre 1941, in dessen „persönlichem Vorwort“ es heißt: „Ich hatte mir geschworen, immer und überall durch meine Schriften zu verherrlichen das göttliche Geheimnis und die menschliche Heiligkeit – des Zeitalters ungeachtet, das sich mit Spott, Ingrimm und Gleichgültigkeit abkehrt von diesen letzten Werten unseres Lebens.“

Das Geheimnis der Gegenwart Gottes

Das ist das Herz von Lourdes, und Lourdes wurde selbst schon oft das Herz der katholischen Christenheit genannt: Das Geheimnis der Gegenwart Gottes in unserem Alltag, nicht als bloßes Gefühl oder sentimentale Anwandlung, sondern durch die klare Stimme des Gewissens, durch die Forderung des Mitmenschen nach Zuwendung und Sorge, sogar durch die Erscheinung der Gottesmutter wie bei Bernadette Soubirous. Gott lebt – und er offenbart sich in unserem Leben, sehr konkret und sehr fordernd. Jederzeit ist mit Gott zu rechnen!

Müssten wir wieder Not leiden, um Gott zu erkennen?

Und dann las ich weiter: Am 11. Februar 1858 erschien die Gottesmutter der Bernadette. Die Zeiten damals waren schlecht für die Menschen, aber Kirche und Glaube waren lebendig. Heute hingegen leben die Menschen gut, sehr gut in Europa jedenfalls, aber Kirche und Glaube schwinden. Lehrt Not beten? Müssten wir wieder Not leiden, um Gott zu erkennen? Ich glaube das nicht. Aber wir müssten Gott anders kennenlernen: Trotz eines fast perfekt funktionierenden Sozialstaates sollten wir Gott jenseits der Überlebensstrategien suchen und finden.

Wo bleibt das Heilige, wo bleiben Gott und die Heiligen, wenn alles scheinbar perfekt funktioniert in einem Land voll Wohlstand und Selbstverwirklichung? Es ist gut, dass sich seit 1858 der Sozialstaat mächtig entwickelt hat. Es ist aber nicht gut, dass Gott damit fast zur privaten Phantasie geworden ist. Glücklich nämlich – glückselig – wird der Mensch nicht durch langes und erfolgreiches Überleben im Sozialstaat, sondern durch die Gewissheit des Ziels dieses Überlebens. Oder auch der Mitte und des Herzens dieses Lebens.

Herz aller Dinge

„Das Herz aller Dinge“ war ein faszinierendes Buch des katholischen Schriftstellers Graham Greene aus dem Jahre 1948. Es handelt von einem Menschen, der alles im Leben ohne Rücksicht auf Verluste an sich zu raffen sucht, aber am Ende vergeblich auf Gnade und Vergebung hofft und daher Selbstmord begeht.

Lourdes scheint mir das Herz aller Dinge – eigentlich wörtlich: aller Angelegenheiten – zu sein: Wenn alles im sozialen Leben scheinbar erreicht ist – was ist dann eigentlich noch zu erreichen, als letztes Ziel? Könnte es sein, dass dies die feuchte Grotte von Lourdes vor Augen stellt?

Peter Schallenberg
Foto: KNA | Peter Schallenberg ist Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn.

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