Wirtschaft und Soziales

Küken sind keine Objekte

Ist ethisch zu rechtfertigen, Küken aus ökonomischen Gründen zu schreddern? Eine Analyse. Von Björn Hayer
Küken
Foto: dpa | Das Schicksal der Küken treibt viele Menschen um.

Was kann – gemäß unserer Verfassung – ein vernünftiger Grund sein, um ein Tier zu töten? Mit dieser Frage befasst sich derzeit das Bundesverwaltungsgericht. Nachdem die Bundesregierung das Schreddern männlicher Küken schon seit längerer Zeit verbieten wollte, hatte 2013 das Land Niedersachsen im Alleingang die grausame Praxis verboten. In den ersten Instanzen konnten die Geflügelkonzerne noch ihre Interessen durchsetzen. Das nun zu erwartende Urteil hat daher einen Grundsatzcharakter. Zu prüfen ist letztlich, wieviel Leid unter ökonomischen Erwägungen zulässig ist. Wie stark wiegt also der betäubungslose Tod von jährlich 45 Millionen Jungtieren?

Ein empirisch nicht zu vernachlässigendes Argument richtet sich auf den Verbraucherwunsch. Noch immer greifen viele Konsumenten zu den Billigeiern, obgleich deren schwierige Entstehungsbedingungen indessen allseits bekannt sind. Der Logik des Marktes stehen jedoch zahlreiche ethische Bedenken entgegen. Die wohl fundamentale Problematik besteht zunächst im Objektstatus, der Tieren noch immer in der Landwirtschaft zugeschrieben wird. Sie gelten, ganz im Sinne des radikalen Anthropozentristen René Descartes, mehr oder weniger als Maschinen – eine Ansicht, die in den modernen Naturwissenschaften längst als überholt angesehen wird. Diese widerlegen in umfassender Weise all jene Trennungsmerkmale, welche in der Philosophie über Jahrhunderte hinweg von verschiedenen Intellektuellen vorgebracht wurden: animale Mitwesen hätten kein Schmerzempfinden, keine Sprachfähigkeit, kein Empathievermögen. Inzwischen wissen wir, dass alle „Nutztiere“ basale Gefühle wie Angst und Freude und nicht zuletzt den Willen zum Dasein zeigen können. Aus diesem Grund sehen Intellektuelle wie Tom Regan die Notwendigkeit geboten, Tieren Rechte zu gewähren. Für ihn zählt beispielsweise allein schon die Erkenntnis, dass Menschen und Tiere gemeinsam „Subjekte eines Lebens“ seien. Nicht Gleichheit, aber Ähnlichkeit in bestimmten Verhaltensbereichen stellt für ihn das wesentliche Kriterium zur Eingemeindung der Tiere in die moralische Gemeinschaft der Menschen dar.

Alternative Modelle

Sieht man allerdings von dieser eher utopischen Vorstellung ab und wendet den Blick zurück auf die konkreten Umstände des Kükenschredderns, so sind aktuell auch andere praktische Modelle im Gespräch. Teile der Grünen fordern beispielsweise, einen Austausch der Hühnerrassen vorzunehmen. Bei bestimmten Varianten könnten die männlichen Küken zur Fleischproduktion und die weiblichen zur Eierherstellung eingesetzt werden. Eine weitere Alternative zur Massentötung bietet die derzeit vereinzelt vorkommende Aufzucht der männlichen Tiere mithilfe erhöhter Preise auf die einzelnen Eier ihrer Schwestern. Ferner wird darüber hinaus die „In-Ovo-Geschlechtsbestimmung“ diskutiert. Damit männliche Vögel erst gar nicht das Licht der Welt (oder besser: das künstliche der Stallinnenräume) erblicken, werden sie bereits im Brut-Status beseitigt. Diese Option ist sicherlich die beste, weil sie in jedem Fall das geringste Leiden erzeugt. Zumindest der Kölner Rewe-Konzern plant in Kürze die Nutzung dieser Technologie unter dem Label „respeggt-Freiland-Eier“.

Am Ende wird eine Entscheidung dem Konsumenten überlassen, die eigentlich politisch gefällt werden müsste. Denn jenseits der inhumanen Praxis des Schredderns verbirgt sich eine viel grundlegendere Debatte um die Zukunft unserer Umwelt. Sowohl die intensive Rinder- und Schweinehaltung als auch die Überproduktion an Geflügel sorgen für globale Probleme. Denn wenn man die Regenwaldabholzung, den Wasserverbrauch, die Monokulturalisierung, die zahlreichen Tiertransporte in die Gesamtbilanz einbezieht, verursacht die industrielle Landwirtschaft mehr CO2 als der gesamte Verkehrssektor.

Die Debatte um die Küken erweist sich somit nur als die Spitze des Eisbergs an Problemen, die letztlich auf Überproduktion und -konsum zurückzuführen sind. Man mag von Seiten der Tierethik hoffen, dass das Bundesgericht pro Küken urteilen wird. Grundsätzlich steht jedoch die Frage dahinter, inwieweit der westliche Lebensstil ethisch zu rechtfertigen ist.

Moral gibt es nie zum günstigen Preis. Sie kostet immer etwas, weil wir uns ihretwegen zum Verzicht auf etwas zwingen; weil wir wissen, dass es eben richtig ist. Unser Umgang mit den Schwächsten, also den Tieren, sagt viel über uns selbst aus – oder wie Mahatma Gandhi einmal so treffend sagte: „Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandeln.“

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