Kolumne: Korruption als Hindernis

kolumne: Korruption als Hindernis
| Der Autor ist Inhaber der Lehrstuhls für Christliche Gesellschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum.Die Kolumne erscheint in Kooperation der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach.

Papst Franziskus beklagt eine „in vielen Ländern – in den Regierungen, im Unternehmertum und in den Institutionen – tief verwurzelte Korruption“. Diese hat zwei Seiten, zum einen derjenige, der Schmiergelder zahlt, zum anderen derjenige, der solche illegitimen Vorteile annimmt. Die Initiative dazu kann von jeder der beiden Seiten ausgehen.

In Entwicklungsländern sind es häufig Beamte, die Unternehmer erpressen, indem der Zoll bestellte Waren im Hafen ohne Schmiergeldzahlung nicht bearbeitet, die Höhe der Steuerlast nicht vom Steuertarif, sondern von der Seitenzahlungen an Finanzbeamte abhängt et cetera. Ökonomische Ressourcen und Intelligenz der Menschen werden für die Verschleierung der illegalen Transfers statt für produktive Arbeit verwandt.

Viele Unternehmen im informellen Sektor lassen sich nicht registrieren, um sich nicht der Willkür von Beamten auszusetzen. Formalisierung ist aber häufig Voraussetzung für eine Kreditaufnahme, damit ein Unternehmen weiterwachsen und Arbeitsplätze schaffen kann. Die ökonomische Entwicklung wird also durch Fesselung der unternehmerischen Initiative behindert.

Korruption betrifft aber nicht nur das Verhältnis von Wirtschaft und Staat, sondern auch den Normalbürger. So kann es sein, dass seine Kinder nur ein gutes Schulabschlusszeugnis erhalten, wenn man Lehrer besticht. Ebenso wird man – trotz eines offiziell kostenfreien staatlichen Gesundheitsdienstes – sich gegenüber Ärzten und Krankenschwestern erkenntlich zeigen müssen. In vielen Ländern sieht sich die Mehrheit der Bevölkerung gezwungen, auf der einen oder anderen Weise sich korruptiver Praktiken zu bedienen.

Untergeordnete Staatsdiener praktizieren Korruption, weil sie erstens so schlecht bezahlt sind, dass indirekt bereits in ihrer offiziellen Besoldung illegale Zusatzentgelte eingepreist sind. Zweitens sehen sie, dass sich Behördenleiter und Politiker in größerem Stil bereichern. Daher wollen sie ihren Anteil erhalten. Politiker und Verwaltungsleiter lassen die Korruption ihrer Untergebenen zu, damit sie Kumpanen im Unrecht sind.

In einer Gesellschaft mit verbreiteter Korruption in allen Lebenslagen vertrauen Menschen nur ihren Verwandten, vielleicht noch Angehörigen ihrer Ethnie und Religionsgemeinschaft, nicht aber Mitmenschen generell sowie Institutionen wie Parteien oder staatlichen Einrichtungen. Generelles Vertrauen ist aber unverzichtbare Voraussetzung jeder ökonomischen Entwicklung.

Korruptionsbekämpfung ist möglich, wenn Staatsbedienstete besser ausgebildet und bezahlt werden, die Anzahl von Behörden, die man zum Beispiel für die Eröffnung eines Unternehmens besuchen muss, ebenso wie die Komplexität der Vorschriften verringert werden. Digitalisierung kann durch eine umfassende Transparenz korruptiven Machtmissbrauch aufdecken, anklagen und zivilgesellschaftliche Initiativen gegen Korruption wie Transparency International unterstützen. Ohne Korruptionsbekämpfung bleibt Entwicklungshilfe wirkungslos.

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