Kolumne: Katholische Soziallehre – wer ist das?

Katholische Soziallehre sind wir, als von Gott ersehnte Heilige! Von Peter Schallenberg
Peter Schallenberg
Foto: KNA | Peter Schallenberg.
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Diese Überschrift beinhaltet keineswegs einen Druckfehler, und es muss wirklich nicht heißen „Was ist das?“, sondern in der Tat: „Katholische Soziallehre – wer ist das?“ Denn viel älter als die Theorie einer katholischen Soziallehre und viel älter als alle Dokumente und Schreibtische und Denkschriften ist ja die Praxis einer christlichen und ab dem späten 19. Jahrhundert dezidiert katholischen Soziallehre. Praxis, das heißt: ganz konkrete Frauen und Männer, die in ihrem Alltag und in ihrem Leben Nächstenliebe und Gerechtigkeit verwirklichten. Als Kinder wurde uns in Arnsberg im Sauerland oft vorgelesen aus Hans Hümmeler „Helden und Heilige“. Das Buch schildert für jeden Tag des Jahres einen Heiligen und es ist herrlich zu lesen und immer noch antiquarisch erhältlich. Ich erinnere mich genau an viele wahre Erzählungen von Menschen, die wirklich wie eine riesige Wolke von Zeugen der Liebe Gottes nicht ruhten und rasteten, bis sie diese Liebe zu den armen und verachteten Menschen ihrer Umgebung und ihres Alltags getragen hatten. Manche rieben sich auf im Dienst an den Kranken und Obdachlosen, wie Karl Borromäus oder Kamillus von Lellis, manche im Dienst an behinderten Menschen, wie Pauline von Mallinckrodt oder Clara Fey, manche im Dienst an den Sklaven und Bettlern, wie Vinzenz von Paul und Luise von Marillac, manche vergaben schlicht und einfach dem Mörder ihrer eigenen Tochter, wie die Mutter von Maria Goretti. Und wie viele blieben für uns Menschen unerkannt und namenlos und unbekannt. Für Gott sind sie nicht nur Bekannte, sie sind seine Freunde, denn sie haben getan, was er uns auftrug: Liebt einander!

Am vergangenen Sonntag hat Papst Franziskus in Rom drei Heiligsprechungen vorgenommen, von drei Menschen, die auf sehr unterschiedliche Weise die katholische Soziallehre mit Leben erfüllt haben: Katharina Kasper mit der Gründung der Dernbacher Schwestern und der Sorge um Arme und Kranke bis zum Tod 1898, Erzbischof Oscar Romero im Dienst an den Armen und Entrechteten bis zur Ermordung 1980 in El Salvador, Papst Paul VI. mit der Fortführung der Soziallehre seit der ersten Sozialenzyklika „Rerum novarum“ im Jahre 1891 und dem neuen Blick auf globale Solidarität. „Das Zuviel-Haben erstickt unsere Herzen und macht uns unfähig zu lieben“, sagte Papst Franziskus in seiner Predigt und erinnert damit an die Erzählung Jesu vom reichen Prasser und vom armen Lazarus. Denn die Sünde und das Verhängnis des Prassers besteht ja einzig und allein darin, dass er eben nichts tut: den Armen auf der Schwelle seines Hauses nicht wahrnimmt und bemerkt und sieht. Er sündigt in gewisser Weise weniger als Priester und Levit, die beide den Armen im Straßengraben sehen und entschlossen weitergehen. Er tut nichts für Andere und alles für sich selbst und steht am Ende mit leeren Händen da.

Diese Frage muss uns umtreiben, denn jeder von uns getauften Christen und Katholiken ist lebendige Soziallehre: Wen übersehe ich in meinem Leben, willentlich aus Bosheit oder unwillentlich aus schlechter Gewohnheit? Wen könnte ich auf der Schwelle meines Hauses und meines Herzens wahrnehmen und aufheben und trösten und begleiten? Wen will ich dem Herrn mitbringen, wenn er mich heimruft und ich dann nicht mit leeren Händen und leerem Herzen vor ihm stehen will?

Die neue Heilige Katharina Kasper starb 1898, im Todesjahr Bismarcks, dem wir immerhin unsere erste Sozialgesetzgebung verdanken. Aber wie viel Elend gab es trotzdem damals und auch heute, trotz reich entwickeltem Wohlfahrtsstaat? In den vergangenen Tagen las ich zum ersten Mal von Arthur Schnitzler „Therese“, ein ungemein erschütterndes Buch über das Schicksal einer immer weiter in Einsamkeit und Verwahrlosung versinkenden jungen Frau in Wien um 1900. Und ich fragte mich: Wo war damals die Kirche und die katholische Soziallehre? Und wo ist sie heute? Jeder, der übersehen wird in seinem Elend und jeder, der vergessen wird, ist einer zu viel. Und ich bin fest überzeugt, dass Gott uns beim persönlichen Gericht fragen wird: Hattest Du jemand übersehen auf der Schwelle Deines Hauses? In dieser Frage muss die heilsame Unruhe und Unrast unseres Lebens liegen, denn der Herr hat das Schicksal des Menschen in unsere Hände gelegt, ganz konkret und ganz alltäglich und ganz unscheinbar: Katholische Soziallehre sind wir, als von Gott ersehnte Heilige!

Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach und Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

 
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