Wirtschaft und Soziales

Kolumne: It's the morals, stupid

Von Ingeborg Gabriel
Ingeborg Gabriel
Foto: privat | Ingeborg Gabriel.

Der Slogan aus Clinton's Wahlkampagne vor 20 Jahren „It's the economy, stupid!“ ist sprichwörtlich geworden. Doch stellt sich heute die Frage, ob diese den Diskurs der letzten Jahrzehnte dominierende Orientierung am Ökonomischen die soziale und politische Realität wirklich noch trifft. Ist der wachsende Pessimismus und eine fast endemische Krisenstimmung nicht auch und vielleicht vorrangig anderen Ursachen geschuldet? Korruptionsskandale, populistische Schaumschlägereien, Fake News und Terror haben ja nicht vor allem ökonomische Gründe. Ihre Triebfeder bildet vielmehr die Durchsetzung der eigenen Interessen mit allen zur Verfügung stehenden, auch unmoralischen Mitteln – so könnte man sagen – „auf Teufel komm raus“. Für den deutschen Soziologen Max Weber waren es Interessen und Ideen, die den Fortgang der Geschichte bestimmten. Heute drängt sich der Verdacht auf, dass menschliche Leidenschaften und Untugenden (sowie Tugenden) dabei eine größere Rolle spielen als uns lieb sein kann. Diese moralische Dimension wird denn auch zunehmend thematisiert, meist unter dem Begriff der Werte. Das Wort ist – wiewohl ubiquitär – eher diffus. Es blendet zudem das aus, worum es letztendlich geht und gehen muss. Denn: Werte proklamiert und verteidigt man. Pflichten hingegen müssen erfüllt und Tugenden mühsam eingeübt werden. Es ist jedoch gerade diese personale Praxis vieler, die das Fundament des gesellschaftlichen Zusammenlebens bildet. Die traditionelle abendliche Gewissenserforschung, in der der Einzelne sein Handeln kritisch unter die Lupe nimmt, macht nicht nur für Christen Sinn. Und sie ist keineswegs von ausschließlich privater Bedeutung. Individuelles Fehlverhalten oder das Wegargumentieren von Moral angesichts realer oder imaginierter Konkurrenzzwänge schaden vielmehr der Gesellschaft als Ganzer. Die Verantwortungsträger (!) in Wirtschaft und Politik wirken hier wie in anderen Bereichen als Vorbilder, im Guten wie im Schlechten, ob sie dies wollen oder nicht. Globalisierungsbedingter Superreichtum höhlt gegenwärtig die politischen und Rechtsstrukturen empfindlich aus. Als noch wesentlicher könnten sich jedoch seine moralischen Konsequenzen erweisen. Warum sollen Menschen in 1 000-Euro-Jobs umsichtig und verantwortlich arbeiten, wenn andere Milliarden in den Sand setzen und zugleich Boni scheffeln (etwa die Vorgänge um die Deutsche Bank)? Warum sollen Klein- und Mittelbetriebe Steuern zahlen und Auflagen erfüllen, wenn sich Großkonzerne all dem entziehen können? Der Erfolg von Politkern wie Berlusconi oder Trump erklärt sich m.E. auch daraus, dass schamlose Regelbrüche und Rücksichtslosigkeit in der Durchsetzung eigener Interessen von immer mehr Menschen insgeheim bewundert werden. Sie werden so salonfähig, ja schick. Dies belastet das soziale Klima in vielen Bereichen zunehmend, wie in Gesprächen immer wieder zu hören ist. Eine Kehrtwende ist nicht zuletzt deshalb schwierig, weil die Unsicherheit, was richtig und was falsch, was anständig und unanständig ist, wächst. Die Lage wird dadurch kompliziert, dass diesem ethischen Relativismus im Privaten vielfach eine Hypermoralisierung in der öffentlichen Sphäre entspricht. In seiner Rede anlässlich der Verleihung des Templetonpreises hat der britische Oberrabbiner Sir Jonathan Sacks das Outsourcen von Moral und den damit verbundenen Vertrauensverlust als Hauptproblem unserer Zeit bezeichnet (www.rabbisacks.org/2016-templeton-prize). Doch, wie immer man es drehen und wenden mag, persönliche Verantwortlichkeit und Anstand sind und bleiben der Grund der eigenen Identität. Der tschechische Dichter und spätere Präsident Vaclav Havel hat angesichts kommunistischer Propaganda geschrieben, dass es gerade auch angesichts von Systemzwängen gälte, „in der Wahrheit zu leben“. Dies sollte hic et nunc zum Denken anregen. Die klassische katholische Soziallehre bezeichnete diese Einsicht als Gesinnungsreform.

Die Autorin ist Professorin für Christliche Gesellschaftslehre und Sozialethik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit dem Katholischen Sozialwissenschaftlichen Institut in Mönchengladbach.

 
Themen & Autoren
Katholische Soziallehre Kommunismus Max Weber Silvio Berlusconi Vertrauensverlust Václav Havel

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