Wirtschaft

Kolumne: Gerechtes Investment: Die katholische Kirche als Impulsgeber

Es geht nicht um IT und High-Tech, sondern um viel Wichtigeres. Hier werden innovativ Lösungen gesucht, wie man den Armen helfen kann. Von Peter Schallenberg und Tim Klein
Peter Schallenberg
Foto: KNA | Peter Schallenberg.

Mit ihrer Wissensinfrastruktur, ihren Universitäten und Klöstern hat die katholische Kirche oft kulturelle Räume geschaffen, in denen neue Innovationen initiiert wurden. Solche Räume stellt sie auch für die Idee des Impact Investing zur Verfügung. Im Herzen des Silicon Valley widmet sie sich am Miller Center für Soziales Unternehmertum (engl. Social Entrepreneurship) der jesuitischen Santa Clara Universität den drängenden Fragen der Armutsbekämpfung. Es geht also nicht um IT und High-Tech, sondern um viel Wichtigeres. Hier werden innovativ Lösungen gesucht, wie man den Armen helfen kann. Die katholische Kirche wird zum Impulsgeber und Innovator. Jüngst hat Papst Franziskus die Welt dazu aufgerufen, Wege zu finden, wie das Geld den Menschen dienen kann. Impact Investing, eine verantwortungsvolle Investmentstrategie ist ein modernes Konzept, das sich etabliert hat. Unter Impact Investing versteht man innovative Investmentmodelle, bei denen mit dem eingesetzten Kapital nicht nur eine finanzielle Rendite, sondern zugleich eine messbare soziale Rendite generiert wird, und dies im gleichwertigen Verhältnis. Es verwandelt die Logik des Geldmachens weg vom sequenziellen Charakter – wo erst Vermögen generiert und danach ein Teil davon für Wohltätigkeitszwecke vergeben wird – hin zu einem parallelen Charakter – wo finanzielle und soziale Rendite zusammenfallen.

Die Reichweite und Ressourcen der katholischen Kirche positionieren sie einzigartig, um Prozesse hin zu Impact Investing zu koordinieren und somit einen Beitrag für diejenigen zu leisten, die am unteren Ende der Pyramide stehen. Würde doch ein Ausschluss der Armen von den Kapitalmärkten im Widerspruch mit dem Prinzip der Beteiligungsgerechtigkeit (lat. iustitia contibutiva) stehen. Ob die Armen es ganz alleine schaffen, die sich ihnen dann entgegenstreckende „unsichtbare Hand“ des Marktes, von der Adam Smith spricht, zu ergreifen, scheint fraglich. Es bedarf dazu einer Stütze. Impact Investoren können hier sozusagen das Podest bilden, auf das die Armen hinaufsteigen, um die unsichtbare Hand anzunehmen.

Als soziale Initiative schöpft Impact Investing aus den Inhalten der katholischen Soziallehre, engagiert und kreativ auf aktuelle soziale Fragen zu antworten. Neben Personalität und Solidarität beruht die katholische Soziallehre auf Subsidiarität als einem wesentlichen Stützpfeiler. Das Subsidiaritätsprinzip ist ein genuin anthropologisches Prinzip, das den Menschen als mit Eigenverantwortung und Moral ausgestattetes Wesen sieht und nicht auf den Eigennutzen maximierenden homo oeconomicus reduziert. Ein Impact Investor passt ganz und gar nicht in das Schema des homo oeconomicus, weil er nicht aus egoistischen Präferenzmustern handelt. Aus dem Subsidiaritätsprinzip ergeben sich Anreize für Impact Investing. Es eignet sich, mit dem Bild einer Gesellschaft aus konzentrischen Kreisen zu arbeiten: Dem kleineren Gemeinschaftskreis kommt eine primäre Eigenverantwortung vor dem Nächstgrößeren zu – das ist die eine Seite – den nächstgrößeren Kreis trifft immer dann eine Unterstützungsverpflichtung, wenn die darunterliegende kleinere Gemeinschaft mit ihren (finanziellen) Möglichkeiten an ihre Grenzen kommt, wesentliche Aufgaben wahrzunehmen – das ist die zweite Seite. Eine Motivation zu Impact Investing ergibt sich aus der zweiten Seite des Subsidiaritätsprinzips, faktisch aus dem Umkehrschluss. Mit ihren sozialen Investments leisten Impact Investoren einen positiven Beitrag für das Zusammenleben der kleineren Gemeinschaftskreise, wenn diese aus eigener Leistungskraft essenzielle Aufgaben nicht bewerkstelligen können. Sie treten einer Wirtschaft der Exklusion entschieden entgegen und ermöglichen eine Wirtschaft der Inklusion. Sie nutzen ihre Ressourcen, sodass Arme zur Selbstversorgung und Resilienz bestärkt werden im Sinne von Hilfe zur Selbsthilfe. So kann Kapital als ein Instrumentarium zur Disziplinierung zu Eigenverantwortung und Solidarität dienen. Mit den Worten der Enzyklika „Quadragesimo Anno“ (1931) ist Impact Investing eine Möglichkeit, die Glieder des Sozialkörpers zu unterstützen. Über die Kirche Stiftungen und NGOs dafür zu gewinnen, ins Impact Investing einzusteigen, stände im Einklang mit der Maxime Hilfe zur Selbsthilfe und würde als nachhaltige Kampagne zu einer sichtbaren Reduzierung von Armut führen.

Katholisches Impact Investing ist zweierlei, ein persönlicher und ökonomischer Akt, der die Armen und Marginalisierten unserer Gesellschaft auf ein anderes Level erhebt und sie in ihrer gottgegebenen Würde anerkennt, nicht allein aus humanistischer Wohltätigkeitsabsicht, sondern weil wir als Schwestern und Brüder miteinander verbunden sind. Es strebt Nachhaltigkeit über Wachstum an, Dienst über Macht, brüderliche Vermögensverteilung über Eigengewinnung. Hinter Impact Investing steht eine soziale Logik, die Gewinn und Solidarität verbunden sieht, eine originäre Symbiose zwischen Gewinn und Solidarität, ein tugendhafter Kreislauf zwischen Gewinn und Gabe. Katholisches Impact Investing strebt danach, Gottes Wirtschaft zu versinnbildlichen, mit der christlichen Intention einen positiven Beitrag für die Menschheit zu erreichen auf der Basis einer marktwirtschaftlichen Transaktion. Es ist unsere christliche Aufgabe, diese fruchtbare und originäre Symbiose zwischen Gewinn und Solidarität wiederzugewinnen, authentisch zu leben und allen Menschen guten Willens zu verkünden.

Tim Klein
Foto: Privat | Tim Klein.

Prof. Dr. Peter Schallenberg ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach und Inhaber des Lehrstuhls für Moraltheologie und Ethik an der Theologischen Fakultät Paderborn. Tim Klein ist Betriebswirt und arbeitet nach dem Studium an der Theologischen Fakultät in Paderborn, der Universität Mannheim und Cambridge bei einer Unternehmensberatung. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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