Mönchengladbach

Kolumne: Freiheit – anders als in Ostasien

Der Mensch bewertet die Natur nach seinen eigenen Präferenzen. Das führt in ein Dilemma. warum das so ist, erfahren Sie in unserer Kolumne.
kolumne: Freiheit – anders als in Ostasien
Foto: Privat | Der Autor ist Vorsitzender der Joseph-Höffner-Gesellschaft. Er gehört dem Dominikanerorden an. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle (KSZ) in Mönchengladbach.

Das Coronavirus ist beides: Natur und Naturkatastrophe. Damit ist das Dilemma eröffnet. Das Virus ist Teil der Natur und zugleich zu bekämpfen. Die Verklärung der Natur kann zu Widersprüchen führen, da in der Natur nicht nur Zielharmonien existieren, sondern auch Zielkonflikte: So wird ein steigender CO2-Anteil in der Luft das Wachstum des Waldes begünstigen und zugleich das Klima im Sinne einer Erderwärmung schädigen. Letzten Endes bewertet der Mensch die Natur nach seinen eigenen Präferenzen.

Träger und Weiterträger

Das Coronavirus ist nicht anthropogen verursacht, der Mensch jedoch ist Träger und Weiterträger. Und einige Menschen bewerten das Virus weniger aus medizinischer Sicht, sondern im Kontext ihrer eigenen Freiheit. Insoweit steht in dieser Naturkatastrophe auch der Mensch mit seinen Reaktionen im Vordergrund. Es ist eine seltene Verbindung von Mensch und Natur – die Pandemie führt beides zusammen.

Die Pandemie ist zwar eine Pandemie, die die ganze Welt erfasst, aber doch in einem unterschiedlichen Ausmaß. Die weltweiten Unterschiede in der Verbreitung des Virus fokussieren sich einerseits auf den euro-amerikanischen Raum und andererseits auf den ostasiatischen Raum. Bei unterstellt gleichem Virus gibt es in diesen Kontinenten unterschiedliche Infektionszahlen. Europa und Amerika sind generell stärker betroffen, und der ostasiatische Raum mit den Staaten China, Taiwan, Japan und Südkorea zeigt eine geringere Verbreitung des Virus. Und in letzteren Staaten ist es nicht die Gesellschaftsform, die den Ausschlag gibt: Das zeigt schon der Vergleich von China und Taiwan, die beide politisch unterschiedlich organisiert sind, aber gleichermaßen niedrige Inzidenzzahlen aufweisen. Auf den Menschen und seine kulturelle Verankerung kommt es an.

Paradoxe Pandemie

Diese Pandemie zeigt eine Paradoxie. Sie wird besonders in den Staaten sichtbar, in denen das Virus erfolgreich bekämpft wird: in Ostasien. Das Motto und die Lösung könnten in einer Formulierung des Philosophen Hegel liegen, die Friedrich Engels in den Worten zusammengefasst hat: „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit“. Die Paradoxie einer erfolgreichen Virus-Bekämpfung scheint zu sein: Eine zunächst freiwillige Einschränkung der Freiheit führt am Ende zu mehr Freiheit. Die teilweise rigorose staatliche Überwachung in diesen „erfolgreichen“ Staaten darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese Normen von den Menschen auch internalisiert sind.

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Der westliche Liberalismus ist in dem Dilemma von individueller und kollektiver Freiheit herausgefordert: individuelle Wünsche versus soziale Zwänge. Der Liberalismus entscheidet sich für die individuelle Freiheit. In der Coronakrise werden deren Kosten deutlich. Und es zeigt sich, dass Freiheit nicht „kostenlos“, sondern wertvoll ist. Der Westen zahlt einen Preis für die individuelle Freiheit, in Ostasien wird er weniger gezahlt, weil dort dieser „Preis“ geringer ist. In der Krise zeigt sich das Wertvolle und zugleich Kostenträchtige eines Gesellschaftsmodells.

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