Johann Hinrich Wichern: Der erste Sozialarbeiter

Christliche Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft – Teil II: Johann Hinrich Wichern. Von Thomas Dörflinger
Johann Hinrich Wichern gab den Anstoß zur Gründung des Central-Ausschusses für die Innere Mission
Foto: dpa | Johann Hinrich Wichern: Reformer und Praktiker der Fürsorge.

Seine vermutlich bekannteste Idee steht heute fast überall zum Jahresende in der Stube, ihn aber auf den Adventskranz zu reduzieren, würde der Bedeutung von Johann Hinrich Wichern für die evangelische Sozialethik und damit für die Soziale Marktwirtschaft nicht gerecht. Als Sozialpädagoge und Gründer der Inneren Mission (Vorläufer der heutigen Diakonie) steht Wichern als zentrale Figur für die Beschäftigung der evangelischen Kirchen mit der Sozialen Frage des 19. Jahrhunderts. Er stößt die Diskussionen und Überlegungen an, auf denen fast 100 Jahre später das Grundgerüst der Sozialen Marktwirtschaft erstellt wird.

Sozialarbeit als „Innere Mission“

Johann Hinrich Wichern entstammt einer bürgerlichen Familie und wird 1808 in Hamburg geboren. Durch den frühen Tod des Vaters muss er das Gymnasium vor dem Abitur verlassen und verdingt sich als Erzieher an einem privaten Internat. In den Jahren danach prägt ihn auch eine Begegnung mit dem Sohn von Matthias Claudius; er holt das Abitur nach und kann dank eines Stipendiums in Göttingen und Berlin Theologie studieren. In Berlin lernt Wichern Hans-Ernst von Kottwitz kennen, dessen Sozialarbeit zum Beispiel mit Strafgefangenen ihn nachhaltig beeindruckt. Sie ist die Basis dessen, was er selbst später als „Innere Mission“ auf den Weg bringen wird.

Eine großzügige Schenkung ermöglicht Wichern nach der Rückkehr nach Hamburg die Gründung einer Einrichtung „zur Rettung verwahrloster und schwer erziehbarer Kinder“, im Volksmund „Rauhes Haus“ genannt. Das Konzept dahinter umfasst bemerkenswerte Punkte: Verzicht auf Züchtigung, Dokumentation der erzieherischen Erfolge, Einzelgespräche mit den Kindern und Einbezug der Eltern in die Arbeit der Einrichtung. Die in der Einrichtung lebenden Kleingruppen sollen bewusst wie eine Familie zusammenleben. Er richtet Werkstätten zur Ausbildung der Kinder ein; dazu gehört auch eine Druckerei, in der Wichern die „Fliegenden Blätter“ produzieren lässt, mit denen er für die Ziele der Inneren Mission wirbt. Die im „Rauhen Haus“ ausgebildeten jungen Männer gehen nicht selten anschließend selbst in die Sozialarbeit. Nach einer programmatischen Rede Wicherns auf dem Kirchentag 1848 in Wittenberg werden in vielen Teilen Deutschlands Vereine für Innere Mission aus der Taufe gehoben.

Kritik am „bürokratischen Almosensystem“

Wichern fordert zwar, wie auf der katholischen Seite etwa Ketteler, einen verstärkten staatlichen Einsatz gegen die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten, sein sozialstaatliches Denken gehorcht aber anderen Prämissen. So sieht er durchaus die Gefahr, dass die Konzentration auf eine Gruppe Ansprüche weiterer Gruppen nach sich ziehen könnten und so eine Verteilungsdebatte entsteht, die am Ende niemandem nützt, sondern das Staatswesen insgesamt schwächt. Mit Blick auf den Sozialstaat unserer Tage kein Gedanke, der völlig abseits der Realität ist. Mehr noch: Wichern nimmt das „bürokratische Almosensystem“ kritisch in den Blick, weil es häufig nicht der Integration der Betroffenen, sondern dem Gegenteil diene. Apropos Aktualität: Auf Kongressen und in Publikationen der Inneren Mission werden in den 1860er Jahren und danach privatwirtschaftliche Ansätze in der Sozialversicherung genauso debattiert wie die Beteiligung von Arbeitnehmern am Unternehmensgewinn. Eigentumsbildung soll für die unteren Klassen jenen Ausgleich schaffen, den die staatliche Umverteilung alleine nicht zu schaffen vermag. Der Privatbesitz und damit das Eigentum ist für Wichern nicht das Problem an sich, sondern der Besitz, der „nicht arbeitend mitgeteilt“, also im heutigen Sprachgebrauch nicht reinvestiert wird. Die Arbeit Johann Hinrich Wicherns im Hamburger „Rauhen Haus“ befördert nicht nur die Verbreitung der Inneren Mission im ganzen Land, ihre Kunde dringt auch an den preußischen Hof.

Abstecher in die Verwaltung

Nachdem er sich in seiner Wittenberger Rede kritisch mit der Situation im Strafvollzug auseinandergesetzt hatte, ereilt Wichern in den 1850er Jahren der Ruf Friedrich Wilhelms IV. Er soll an verantwortlicher Stelle an der Reorganisation des preußischen Strafvollzugs mitarbeiten, was einige Jahre später auch mit der Übernahme in den preußischen Staatsdienst verbunden ist. Er gründet in Berlin ein „Brüderhaus“ zur Ausbildung von Nachwuchs in der Gefangenenarbeit. Dies ruft jedoch die Politik auf den Plan, der der Mix aus staatlichen und religiösen Aufgaben ein Dorn im Auge ist. Die Zusammenarbeit wird beendet, doch Wichern bleibt im preußischen Innenministerium, aus dem er erst 1874 krankheitsbedingt ausscheidet. Er stirbt 1881 in seiner Heimatstadt Hamburg.

Johann Hinrich Wichern gab den Anstoß zur Gründung des Central-Ausschusses für die Innere Mission
Foto: dpa | Johann Hinrich Wichern: Reformer und Praktiker der Fürsorge.
Weitere Artikel
Die direkte Tötung eines unschuldigen Menschen kann nie gerechtfertigt sein und ist immer falsch.
22.07.2022, 11  Uhr
Peter Schallenberg
María Antonia bot mit 21 Jahren ihr Leben als Opfer für das Heil ihres Taufpaten an, der einen unchristlichen Lebenswandel führte. Er bekehrte sich.
27.04.2022, 05  Uhr
Claudia Kock
Themen & Autoren
Adventskränze Diakonie Evangelische Kirche Matthias Claudius Missionen Soziale Marktwirtschaft Sozialethik Thomas Dörflinger

Kirche

Mitten im ökumenischen Winter tagt die Lambeth Conference der Anglikaner. Diametral verschiedene Auffassungen prallen aufeinander.
12.08.2022, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer
In Skandinavien gibt es so gut wie keine Forderungen nach dem Priesteramt für Frauen, aber den Wunsch nach mehr Hilfe, um dem Glauben und der Lehre der Kirche entsprechend zu leben.
11.08.2022, 13 Uhr
Regina Einig