Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Soziale Analyse

Immer mehr Menschen fühlen sich einsam

Ein soziales Phänomen im Fokus der Forschung. Mehrere Studien bestätigen eine Zunahme in der gesamten Bevölkerung.
Mann allein auf Parkbank
Foto: IMAGO/Gary Waters (www.imago-images.de) | Immer mehr Menschen geben an, von Einsamkeit betroffen zu sein. Symbolbild Einsamkeit.

Einsamkeit ist einer am Mittwoch vorgestellten Analyse des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) zufolge eine wachsende gesellschaftliche Herausforderung. So fühlt sich heute jeder Dritte zwischen 18 und 53 Jahren zumindest teilweise einsam. Es in der Studie wird zwischen „sozialer“ und „emotionaler“ Einsamkeit unterschieden. Als sozial einsam gelten Menschen, die mit ihrem weiteren sozialen Umfeld aus Freundschaften und Nachbarschaft unzufrieden sind, und sich darin nicht unterstützt oder verbunden fühlen.

Lesen Sie auch:

Emotionale Einsamkeit könne auch Personen mit einem großen sozialen Umfeld betreffen, hier gehe es um ein gefühltes Defizit an Nähe zu engen Bezugspersonen. Soziale Einsamkeit ist mit 39 Prozent häufiger als emotionale Einsamkeit (29 Prozent). „Vor allem Frauen beklagen eher eine emotionale Einsamkeit, während Männer häufiger sozial einsam sind“, erklärt die Soziologin Dr. Sabine Diabaté vom BiB, Mitautorin der Studie. 

Aber auch bei jüngeren Erwachsenen unter 30 Jahren ist Einsamkeit weit verbreitet. Diese Gruppe war mit ihrem Sozialleben generell unzufriedener und schätzte sich häufiger einsamkeitsbetroffen ein als mittelalte Erwachsene (30-53 Jahre). Während laut der neuen Analyse von 2005 bis 2017 der Anteil der Einsamen im jungen und mittleren Erwachsenenalter recht stabil zwischen 14 und 17 Prozent lag, stieg er mit Beginn der Coronapandemie im Jahr 2020 sprunghaft auf knapp 41 Prozent an, ein Jahr später sogar auf fast 47 Prozent.

Nach aktuellen Messungen aus dem Winter 2022/2023 sank das Gefühl der Einsamkeit wieder auf 36 Prozent ab, liegt aber immer noch deutlich über dem Niveau vor der Pandemie. „Spätestens seit der Coronapandemie ist sichtbar geworden, dass auch viele jüngere Menschen unter Einsamkeit leiden, selbst wenn sie nicht alleine leben“, erklärt Diabaté. Obwohl die Kontaktbeschränkungen der Vergangenheit angehören, seien bis Anfang 2023 nur wenig soziale Nachholeffekte zu sehen. In der postpandemischen Phase zeige sich eine „Tendenz zur Chronifizierung“. Das bedeutet, dass sich hier Einsamkeitsempfindungen verstetigen. 

Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums

Auch das am Donnerstag vorgestellte Einsamkeitsbarometer des Bundesfamilienministeriums (BMFSJF) hält fest, dass seit der Corona-Pandemie verstärkt junge Erwachsene von Einsamkeit betroffen sind. Waren es vor der Pandemie vor allem Senioren und Hochbetagte, die sich nicht nur manchmal einsam fühlten, berichtete eine größere Zahl der 18- bis 29-Jährigen in und nach der Pandemie über Einsamkeit. Mit dem Einsamkeitsbarometer 2024 erfolgt erstmalig eine umfassende Analyse des Einsamkeitserlebens der Bevölkerung in Deutschland. Für das Barometer wurden die bevölkerungsrepräsentativen Daten des Sozio-ökonomischen Panels (SOEP) aus den Jahren 1992 bis 2021 genommen. 

Insgesamt habe die Pandemie das Einsamkeitsgefühl in der deutschen Bevölkerung ab 18 Jahren nach oben getrieben, hieß es bei der Vorstellung der Ergebnisse durch Bundesfamilienministerin Lisa Paus und Benjamin Landes, Direktor des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik und Leiter des Kompetenznetzes Einsamkeit (KNE). In den Jahren 1992 bis 2017 habe es tendenziell eher abgenommen. Im ersten Pandemiejahr 2020 sei der Anteil der sich einsam fühlenden Menschen sprunghaft auf über 28 Prozent gestiegen. 2021 sei er dann wieder auf 11 Prozent gesunken. Anders als bei den Senioren sei vor allem bei den jungen Erwachsenen das Vor-Pandemie-Niveau noch nicht wieder erreicht.

Wichtiger Grundstein

Landes wertete das Einsamkeitsbarometer als einen „wichtigen Grundstein für eine regelmäßige Beobachtung der Einsamkeitsbelastung der deutschen Bevölkerung.“ Er mahnte, Risikogruppen wie Frauen, Alleinerziehende oder Menschen oder Menschen ohne Arbeit im Blick zu behalten und diese zu unterstützen. Laut dem Barometer sind auch Menschen, die intensive Sorgearbeit leisten, stärker betroffen, ebenso Menschen mit Migrationserfahrung. 60,7 Prozent der Menschen mit erhöhten Einsamkeitsbelastungen hatten im Jahr 2021 zudem eine unterdurchschnittliche körperliche Gesundheit.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Cornelia Huber Bundesfamilienministerium Lisa Paus

Weitere Artikel

Der gesunde Selbsterhaltungstrieb müsste spätestens jetzt die Regierung zu einer familien- und geburtenfreundlichen Politik treiben.
16.05.2024, 16 Uhr
Franziska Harter

Kirche