In den vergangenen Wochen hat die Blockade der Straße von Hormuz im Rahmen des Iran-Konflikts den globalen Energiemarkt wieder an eine alte Wahrheit erinnert: Es braucht keinen vollständigen Stopp der Passage, damit Öl und Gas erheblich teurer werden, schon eine Unsicherheit genügt.
Die Bedeutung der Meerenge lässt sich in zwei Zahlen fassen. Nach Angaben der US-Energieinformationsbehörde (EIA) entfielen 2024 und im ersten Quartal 2025 mehr als ein Viertel des weltweiten seeseitigen Ölhandels und etwa ein Fünftel des globalen Öl- und Produktverbrauchs auf Hormuz. Rund ein Fünftel des weltweiten LNG-Handels nahm denselben Weg, vor allem aus Katar, und ging überwiegend nach Asien.
An diesen Größenordnungen hängt die Preismechanik: Je höher die Konzentration auf eine einzelne Route, desto stärker wirken selbst kleine Störungen über Risikoprämien und Lagerbewegungen in die Terminmärkte hinein. So stellte Fatih Birol, Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur (IEA), im März heraus, dass stabile Öl- und Gasflüsse erst dann zurückkehren könnten, wenn der Transit durch die Straße von Hormuz wieder ungehindert laufe.
Öl ist nicht nur Energie
Der reflexhafte Eindruck, die Welt müsse doch inzwischen weiter sein und eigentlich aufs Öl verzichten können, täuscht. Die Klimapolitik der vergangenen Jahre hat vor allem den Stromsektor verändert — aber nur ein kleiner Teil des Ölverbrauchs entsteht durch Stromerzeugung. Öl bleibt Transporttreibstoff und industrieller Rohstoff.
Flugzeuge, Lkw-Flotten, Schiffe, Raffinerien und chemische Anlagen werden über Jahrzehnte betrieben. Solche Systeme lassen sich daher selbst dann nicht auf Knopfdruck ersetzen, wenn elektrische Alternativen in Teilbereichen rasch wachsen. In der öffentlichen Debatte wird dabei auch die petrochemische Seite unterschätzt. Öl ist nicht nur Energie, sondern Ausgangsstoff für Kunststoffe, Düngemittel, synthetische Materialien und Vorprodukte der chemischen Industrie.
Wachsender Bedarf an Petrochemie
Die Internationale Energie-Agentur (IEA) bezifferte den Anteil petrochemischer Nachfrage in ihrer Studie „The Future of Petrochemicals“ (2018) auf rund vierzehn Prozent des weltweiten Ölbedarfs — Tendenz steigend. In ihrem jüngsten Medium-Term-Bericht „Oil 2025“ spricht die Agentur davon, dass die Petrochemie ab 2026 zur dominierenden Quelle des Nachfragewachstums werde und bis 2030 jedes sechste Barrel Öl beanspruchen könnte.
Das erklärt, warum selbst eine erfolgreiche Verkehrswende den Ölbedarf nicht automatisch zum Absturz bringt. In vielen Ländern wächst die Nachfrage nach chemischen Produkten, und ein erheblicher Teil der Wertschöpfungsketten bleibt an fossile Rohstoffe gekoppelt, solange alternative Kohlenstoffquellen nicht im industriellen Maßstab verfügbar sind.
Engpässe auch bei stagnierender Nachfrage
Hier verliert auch der vor allem früher sehr gängige Begriff „Peak Oil“ seine Eindeutigkeit. In den 2000er Jahren war damit meist das geologische oder investive Fördermaximum gemeint — die Frage, wann das Angebot nicht mehr mit der Nachfrage Schritt halten kann. Heute wird häufiger über „Peak Demand“ gesprochen, einen Nachfragehöchststand, nach dem Substitution, Effizienz und Elektrifizierung die globale Kurve nach unten drücken.
Die IEA hatte diese Verschiebung im „World Energy Outlook“ 2023 markiert: Im sogenannten „Stated Policies Scenario“ – das heißt auf Grundlage bereits beschlossener und angekündigter Maßnahmen – erreiche die weltweite Nachfrage nach Kohle, Öl und Gas laut IEA noch vor 2030 ihren Höchststand.
Im „World Energy Outlook“ 2025 hat die IEA das Bild allerdings differenziert: Demnach erreichen Kohle und Öl weiterhin um 2030 das Fördermaximum, der Gas-Peak verschiebt sich jedoch in die Mitte der 2030er Jahre. Und unter dem nun wieder eingeführten „Current Policies Scenario“ der IEA, dass nur tatsächlich in Kraft befindliche Maßnahmen berücksichtigt, könnte die Ölnachfrage sogar bis 2050 auf 113 Millionen Barrel pro Tag steigen.
Klimawandel verliert an Gewicht
Dazu passt, dass IEA-Direktor Fatih Birol bei der Vorstellung des 2025er „World Energy Outlook“ bereits warnte, der Klimawandel verliere auf der internationalen energiepolitischen Agenda rasch an Gewicht — und das, obwohl 2024 das heißeste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen sei.
„Für die Verwundbarkeit durch Engpässe ist diese Unterscheidung der Szenarien entscheidend. Ein Nachfrage-Peak reduziert kurzfristig nicht die Risiken, die sich aus Handelsrouten ergeben. Auch bei stagnierender Nachfrage kann ein Engpass wie Hormuz enorme Preisschwankungen auslösen, weil der Markt nicht linear reagiert, sondern über Erwartungen“, erklärt Jens Franck, Fondsmanager und Partner der Hamburger Investmentgesellschaft nordIX.
Er beobachtet die internationalen Märkte sehr genau und sieht daher auch die direkten Auswirkungen der Hormuz-Krise: „Wenn Tanker umgeleitet werden, Versicherer Konditionen verschärfen oder Häfen überlastet sind, steigen Transportkosten und Lieferzeiten. Diese Kosten wandern in die Preise, bevor ein einziges Barrel physisch fehlt. Das ist ein klassischer Angebotsschock, der augenblicklich an den Spot- und Future-Märkten spürbar ist. Im großen Bild muss man allerdings festhalten: Engpasskrisen wirken auch in Phasen, in denen die Nachfrage nicht mehr wächst.“
Globaler Energiemix unter Druck
Die Krise zeigt die starke Abhängigkeit der Welt von importiertem Öl und Gas und wirft die Frage nach dem globalen Energiemix auf. China und die USA prägen Nachfrage, Technologien und Investitionen maßgeblich. China, der größte Stromverbraucher, treibt erneuerbare Energien voran, doch 2024 stammten noch 62 Prozent seines Stroms aus fossilen Brennstoffen, vor allem Kohle.
Erneuerbare Energien (Wasser, Wind, Solar) machen 38 Prozent aus, Kernenergie und Gas spielen eine kleinere Rolle. Das macht den Stromsektor vergleichsweise weniger abhängig von Öl- und LNG-Importen. Verwundbar bleibt China dennoch, weil es für Verkehr und Teile der Industrie große Mengen Öl und LNG importiert und Störungen maritimer Routen dort direkt über Preise und Versorgung durchschlagen.
Die USA sind sowohl Großproduzent als auch -verbraucher von Öl, was Abhängigkeiten verringert, aber nicht vor Preisschocks schützt. Erdgas lieferte 2024 43 Prozent der US-Stromerzeugung, gefolgt von erneuerbaren Energien (25 Prozent), Kernenergie (18 Prozent) und Kohle (15 Prozent). Die USA können zwar mehr Gas produzieren, doch Ereignisse wie die aktuelle Krise beeinflussen Weltmarktpreise, Importabhängigkeit anderer Regionen und die Marktpsychologie auch in den USA.
Wie lässt sich die Abhängigkeit verringern?
Für Investmentmanager Jens Franck ist damit klar: „Selbst wenn die Welt auf einen Nachfrage-Peak zusteuert, bleibt das System anfällig, solange Öl und LNG in großen Mengen über wenige Seewege gehandelt werden. Um die Abhängigkeit von Öl zu verringern, braucht es eine umfassende Strategie, die die Nachfrage senkt, Ersatztechnologien fördert und die Handelsanfälligkeit verringert.“ Elektrifizierung, Effizienzsteigerungen und alternative Rohstoffe könnten den Bedarf an fossilen Brennstoffen langfristig reduzieren und die Bedeutung von Engpässen wie der Hormus-Straße verringern. Kurzfristig bleibt Öl jedoch wohl für viele Länder die schnellste Energiequelle, der am leichtesten zugängliche Treibstoff und einen wichtigen Rohstoff für die Industrie.
Der Autor ist Germanist und Prorektor der Allensbach Hochschule (Konstanz). Er ist als Publizist und Berater tätig.
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