Kolumne

Heilige Politik

Vor 70 Jahren begann die Montanunion. Ihre politischen Väter waren Katholiken, geprägt von den Schrecken des Zweiten Weltkriegs.
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| Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

Vor 70 Jahren wurde in Paris der Montanvertrag unterzeichnet. Damit begann die Montanunion (Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl), die allen Mitgliedstaaten (Belgien, Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande) den zollfreien Zugang zu Kohle und Stahl gab. Zugleich wurde als absolute Neuerung eine „Hohe Behörde“ mit überstaatlichem Charakter gegründet. Der Grundstein für die Föderation Europas und die heutige EU war damit gelegt, wesentlich durch die Initiative eines zur baldigen Seligsprechung anstehenden Katholiken: Robert Schuman (1886-1963), gebürtig aus Luxemburg, französischer Politiker. Er gilt zu Recht, zusammen mit Jean Monnet (1888-1979), Konrad Adenauer (1876-1967) und Alcide De Gasperi (1881-1954) als Vater der Europäischen Union.

Aktive Katholiken

Kein Zufall ist, dass alle vier Männer aktive Katholiken waren und nach zwei blutigen, von Europa ausgegangenen Weltkriegen ein friedliches, auf den Werten des Christentums errichtetes Europa aufbauen wollten. Und wiederum nicht zufällig wurde der Tag der Unterzeichnung der Römischen Verträge als Beginn der EWG 1957 auf den 25. März gelegt: Das Fest der Verkündigung des Engels an Maria als Beginn der neuen Zeit, des ewigen Friedens nach der Zeit der Sünde, als Auftakt zum vollkommenen Glück des Menschen bei Gott. Und ganz bewusst daher auch die Wahl der europäischen Flagge mit der marianischen Symbolik: Blau und zwölf Sterne, obwohl es 1957 erst sechs Gründerstaaten waren, als Symbol des neuen, auf Gott ausgerichteten Menschen. All das war Schuman, Monnet, Adenauer und De Gasperi als Katholiken sehr wohl bewusst.

„Patentrechte“ des Christentums

Fast scheint das heute ein Märchen aus grauer Vorzeit. Aber es liegt an uns, die Idee Robert Schumans weiterzutragen und uns das vom Christentum hervorgebrachte Kind Europa nicht entwenden zu lassen. In gewisser Weise hat das katholische Christentum Patentrechte auf die Entstehung unseres heutigen Europas. Denn für Robert Schuman, an den die FAZ kürzlich in einer Mischung aus Bewunderung und Spott als „Sankt Politicus“ erinnerte, war zum Beispiel Karl der Große eine eindrucksvolle Leitfigur des geeinten Europa: als christlicher Nachfolger der römischen Kaiser und mit einer Idee des ewigen Friedens, auch wenn er als Kind seiner Zeit bei der Missionierung oft brutal vorging.

Ein Raum des Friedens

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Wichtig war für Schuman die politische Idee Europa, wie sie auch der hl. Augustinus in seinem Buch „Vom Gottesstaat“ skizziert: als Raum des Friedens und der gegenseitigen Hilfe ein Gegenbild zu Kain und Abel, kurzum: ein Schutzraum für Personenwürde und Menschenrechte. Und immer steht dahinter die Idee des 25. März und einer auf Heiligkeit ausgerichteten Politik: Alles beginnt mit der Menschwerdung Gottes in Maria, alles Große und Göttliche beginnt klein, mühevoll und manchmal auch nicht reibungslos, aber so muss das Beste eben nach dem Plan Gottes beginnen: mit der allmählichen Überwindung des Schlechten. Wie es im alten Wiener Lied heißt: „Der Weg zum Glück ist weit, es braucht dazu Geduld und Zeit…“ In der Tat: Gott will in der Zeit mühsam zur Welt kommen.

Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle.

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