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Handel und Heiligkeit

Kapitalismus muss nicht moralisch neutral sein: Wirtschaftswachstum kann und soll ein Ort der sozialen Tugend sein. Wie das geht, lehrt der heilige Homobonus.
Hl. Homobonus
Foto: MAGO / Depositphotos | In Gold und Grau steht die Statue des heiligen Homobonus von Cremona auf einem Gebäude in Brüssel.

Es ist das Jahr 1199: Ein Aufruhr weht durch die Straßen der lombardischen Hauptstadt Cremona, denn ihre Bürger hatten Papst Innozenz III. zu etwas bewegt, das noch nie zuvor in der Kirchengeschichte geschehen war: Ein Laie wird heiliggesprochen. Es handelt sich um den heiligen Homobonus, einen cremonischen Tuchhändler, der die Schneiderei seines Vaters erbte und massiv expandierte. Er war ganz ein Heiliger seiner Zeit, denn das zwölfte und dreizehnte Jahrhundert waren in Italien keineswegs finsterstes Mittelalter, sondern standen unter dem Zeichen des Aufschwungs – die Städte wuchsen, die Geschäfte florierten, die Handelsnetzwerke entfalteten sich.

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Doch mit wachsenden Möglichkeiten kam auch wachsende Verantwortung, und der heilige Homobonus verkörperte das neue Idealbild des christlichen Bürgers in dieser neuen Ordnung: Er lebt in der Welt, aber macht sie sich für überweltliche Zwecke zunutze. Seinen fleißig und ehrlich erwirtschafteten Reichtum genießt er nicht selbst, sondern finanziert durch ihn Hospitale, Waisenhäuser und soziale Versorgungseinrichtungen. Kurzum: Sankt Homobonus ist all das, was der heutige negativ-stereotype Kapitalist nicht ist.

Es geht zuerst um den Menschen

Die daraus zu ziehende Lehre ist – besonders im Angesicht der aktuellen Selbstfindungsstörung liberaler Parteien –, dass Kapitalismus nicht moralisch neutral sein muss: Wirtschaftswachstum kann und soll ein Ort der sozialen Tugend sein. Denn darin besteht die eigentliche Bedeutung des Wirtschaftsliberalismus: Cicero gebrauchte den Begriff „liber“ sowohl im Sinne von „frei“ als auch von „generös“; Wirtschaftsliberalismus meint so gesehen nicht zuerst private Vermögensvermehrung, sondern gemeinnützige Wohltätigkeit. Es ist daher nicht das Ziel des christlichen Bürgers (und schon gar nicht des christlichen Unternehmers), wie die Wüstenväter der Welt und ihren Gütern zu entfliehen, sondern in die Welt zu gehen und sie zu heiligen, indem man ihre Güter zum Wohle des Nächsten einsetzt.

Als der reiche Jüngling im Matthäusevangelium den Heiland fragte, was zum Gewinn des ewigen Lebens erforderlich sei, und dieser zur Antwort gab, dass man die Gebote halten solle, da hatte das bereits alleinstehende Gültigkeit. Die Anweisung „Verkaufe deinen Besitz und gib ihn den Armen!“ steht ja erst danach und unter dem Diktum: „Wenn du vollkommen sein willst …“ Natürlich wäre es der Heiligkeit zuträglicher, wie der heilige Franziskus alles wegzugeben und als Bettelmönch zu leben. Der Punkt ist aber gerade der, dass man auch wie der heilige Homobonus fröhlich wirtschaften kann, wenn der Gewinn tugendhaft eingesetzt wird. Der Katholizismus ist vielfältig genug, dass er in beiden Modellen einen Weg zur Heiligkeit sieht. Schließlich hat Gott die Güter der Welt geschaffen, auf dass sie den Menschen dienen – nicht, auf dass der Mensch sich zum Sklaven der weltlichen Güter mache. Und dieser Grundzug ist Franziskus und Homobonus gleichermaßen zu eigen: Es geht zuerst um den Menschen.

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Maximilian Welticke Innozenz III. Matthäusevangelium Päpste

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