Im jüngsten Sorgenbarometer für Deutschland hat Ipsos festgestellt, dass die Furcht vor Armut und sozialer Ungleichheit deutlich zugenommen hat, gefolgt von Einwanderung und Inflation. Hinzu kommen Sorgen um das Gesundheitswesen und Kriminalität. Diese fünf Sorgen haben eines gemeinsam: mangelndes Vertrauen in die Zukunft. 87 Prozent der Deutschen meinen, das Land entwickle sich in die falsche Richtung. Damit liegt Deutschland im Ipsos-Ranking fast ganz hinten; nur Frankreich und Peru schneiden noch schlechter ab.
Vergleicht man die Ergebnisse des deutschen Sorgenbarometers mit entsprechenden Erhebungen in Polen und der Schweiz, so ergeben sich deutliche Unterschiede. Die Polen fürchten militärische Konflikte, die Schweizer zu hohe Gesundheitskosten. Beides sind konkret benennbare Themen. „Falsche Richtung“, „soziale Ungleichheit“, „Zukunft“ – das sind hingegen keine Probleme, die man lösen könnte. Das sind Stimmungen. Und gegen Stimmungen hilft keine Reform.
Drei Hilfen: Subsidiarität, Solidarität, Gemeinwohl
Woher kommt diese deutsche Larmoyanz? Den Deutschen ist die identitätsstiftende Mitte abhandengekommen. Lange stand dafür das Versprechen, D-Mark, soziale Marktwirtschaft und Deutschland AG würden dauerhaften Wohlstand gewährleisten. Diese Sicherheiten gibt es nicht mehr. Auch ein Verfassungspatriotismus hat sich nie richtig entwickelt: Man war auf Deutschland stolz, solange es wirtschaftlich gut lief. In Zeiten der Transformation ist man dagegen mit allem unzufrieden. Hinzu kommt ein übersteigerter Individualismus, der jeder Minderheitenposition ebenso viel Platz einräumt wie der Mehrheit. Jede wirkliche oder eingebildete Kränkung wird zum Politikum. Alles ist gleich gültig und wird dann letztlich gleichgültig. Zurück bleibt der Einzelne mit seiner Angst. Ein „Wir“ gibt es nicht mehr.
Doch bei der Diagnose darf es nicht bleiben. Drei Dinge kann uns die katholische Soziallehre anbieten. Erstens: Subsidiarität wieder ernst nehmen. Nicht jedes Problem kann nach Berlin delegiert werden; wir alle sind gefragt, unsere Lebenswelt und unsere Gesellschaft zum Guten zu gestalten. Wer etwas bewegen kann, fürchtet sich weniger. Zweitens: Solidarität klar und einfach organisieren – unter anderem durch verlässliche Alterssicherung, bezahlbaren Wohnraum und ein flächendeckendes Gesundheitssystem. Wer in Notsituationen merkt, dass der Staat für ihn da ist, steht auch zu ihm. Drittens: das Gemeinwohl wieder ins Zentrum stellen. Es gibt Größeres als den eigenen Vorteil. Wer sich eingebunden weiß in eine Gemeinschaft mit festen Werten, gewinnt Zuversicht und ist bereit, Verantwortung zu übernehmen.
Die Polen fürchten den Krieg und rüsten auf. Die Schweizer machen eine Volksabstimmung über ein besseres Gesundheitssystem. Ihre Probleme sind auch nicht kleiner als die unseren. Aber ihre Zuversicht ist größer. Wir sollten wieder neu lernen, zu vertrauen: in uns selbst, unser Land und in Gott. Das ist übrigens nichts anderes als eine Entscheidung. Sie wird die Sorgen nicht nehmen, aber die Angst.
Der Autor ist Priester, Sozialethiker und Hauptgeschäftsführer des Osteuropa-Hilfswerks Renovabis.
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