Christ sein in der Wirtschaft

Gut wirtschaften und dabei Christ bleiben? Ist möglich!

Johannes Hartl, Youtube-Star Johannes Mickenbecker und ZDF-Moderator Tim Niedernolte sprachen bei der ersten „Taler & Talar“-Konferenz im Kloster Volkenroda.
Bruder Helmut von der Jesus-Bruderschaft
Foto: Markus Hoppe | Mönch und Handwerksunternehmer: Bruder Helmut von der Jesus-Bruderschaft (links) erhielt viel Unterstützung durch seine Mitbrüder.

Es ist ein Kloster, das deutschlandweit mit über 50 000 jährlichen Besuchern zu den beliebtesten Einkehrorten unter Sinnsuchern und Christen zählt: Das Kloster Volkenroda in Thüringen, 1131 von Zisterziensern nahe der Stadt Mühlhausen gegründet, besitzt einerseits die älteste noch erhaltene Zisterzienser-Klosterkirche in Deutschland – andererseits gestaltet seit der Wende die ökumenische Kommunität der Jesus-Bruderschaft das dortige klösterliche und geistliche Leben. Seit Mitte der 1990er-Jahre bietet die Gemeinschaft zudem Christen aller Konfessionen Tage der Einkehr, geistlich-spirituelle Erneuerung und Inspiration für das Alltagsleben – die meisten von ihnen sind ausgebucht. Vom erfolgreichen Wirtschaften, das gleichzeitig Gott im Blick behält, könnte die Jesus-Bruderschaft, in der im vergangenen Jahr die „Regula Benedicti“ mit ihrem „ora et labora“ die Gemeinschaftslektüre bildete, also selbst einige Beispiele liefern.

Und um das Wechselspiel von erfolgreichem Wirtschaften und ethisch richtigem Handeln sowie der Frage, wie Respekt und Wertschätzung in Betrieb und Gesellschaft sowie das Investment in ethisch und finanziell rentable Geldanlagen gelingen können, ging es demnach auch auf einer kürzlich im Kloster Volkenroda stattgefundenen Veranstaltung: Der „Taler & Talar“-Konferenz, die in der vergangenen Woche vom 5. bis zum 6. Mai zahlreiche Besucher anlockte. Zu Gast auf der Impuls- und Netzwerkkonferenz waren Vortragende und Teilnehmende aus ganz unterschiedlichen Branchen und Professionen, die sich zum Spannungsfeld von Wirtschaft, Ethik und Theologie austauschten.

Wenn Wirtschaft und Christentum sich begegnen

„Wie führen wir ethisch gut?“, fragte gleich zu Beginn der Konferenz Organisator Tobias Siebel mit einem Impuls zur theologischen Wirtschaftsethik und warb – inspiriert durch den berühmten evangelischen Theologen Karl Barth – darum, die christliche Lehre von den Letzen Dingen (Eschatologie) als Motivation für das eigene Handeln zu entdecken: „Wir sind nur von ,vorletzten Dingen‘ umgeben“, erinnerte Siebel die christlichen Konferenzteilnehmer – auch der Tod sei letztendlich nur etwas „Vorletztes“. Deswegen plädierte Siebel dafür, die Lehre von den Letzten Dingen grundsätzlich als lebensdienliches Korrektiv wahr- und anzunehmen. Gerade Christen seien, so Siebel, dazu verpflichtet, sich auch in wirtschaftlicher und ökonomischer Hinsicht für das „wahre Leben“ zu entscheiden und umgekehrt sich nicht auf das Destruktive beziehungsweise „Todbringende“ auszurichten. Bruder Helmut wiederum, seit seinem achtzehnten Lebensjahr zölibatär lebender Mönch in der Jesus-Bruderschaft und seit 1997 im Kloster Volkenroda lebend, schilderte im Anschluss, vor welche Herausforderungen es ihn bis vor seine Pensionierung stellte, zugleich Mönch als auch Unternehmer beziehungsweise Inhaber eines Handwerkbetriebs zu sein.

Gewinnmaximierung und Nächstenliebe

Im Spannungsfeld von Diesseitigkeit und Ewigkeit sowie Gewinnmaximierung und Nächstenliebe wurde zudem darüber diskutiert, wie Wertschätzung, Respekt sowie ein gutes Miteinander in Gesellschaft und Unternehmen ermöglicht werden können. So betonte der ZDF-Moderator und gläubige Christ Tim Niedernolte („Drehscheibe“) in seinem Vortrag die grundsätzliche Relevanz von Wertschätzung und Respekt und erläuterte anhand der Begegnung mit dem von Obdachlosigkeit betroffenen Berliner Paar Jessica und Sascha, welches er im Rahmen einer Reportage kennengelernt hatte, dass Respekt zunächst einmal bedeute, anderen Menschen, vor allem jenen, „denen es schlechter geht als einem selbst“, auf Augenhöhe zu begegnen. Als Beispiele für einen respektvollen Umgang miteinander nannte Niedernolte zudem, auf den Umgang mit Sprache und Worten zu achten (so zum Beispiel nicht im Straßenverkehr zu fluchen sowie nicht über abwesende Menschen oder auch über Arbeitskollegen verbal herzuziehen), auf Untergebene proaktiv zuzugehen sowie „Respektgeschichten“ – seien sie religiöser, mythologischer oder konkret-praktischer Natur – ins 21. Jahrhundert zu übertragen.

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Wie Wertschätzung in Organisationen ganz praktisch gelingen kann, diskutierten im Anschluss die Familienunternehmerin Caroline Hagby (EBG Group), Kristina Lohe (Vorsitzende des Vorstandes im Kloster Volkenroda) und Angi Röhm von der Stiftung „Hoffnungsträger“, die seit einigen Jahren in Baden-Württemberg äußerst erfolgreich bezahlbaren Gemeinschaftswohnraum für engagierte Christen, Flüchtlinge sowie Familien und Senioren errichtet. Deren Vorstandsvorsitzender Marcus Witzke zeigte zudem in einem eigenen Vortrag plausibel auf, dass das Engagement für die eigenen Mitmenschen sowie das gleichzeitige Erzielen von Renditen via sogenanntem „Impact Investing“ kein Widerspruch sein müssen – die Psychologin und Buchautorin Franziska Frank („Mit Demut führen“) wiederum benannte Bausteine einer wertgebundenen Unternehmensführung.

Johannes Hartl: Mehr Zukunft wagen

Sich sowohl persönlich als auch ökonomisch für eine bessere Welt einzusetzen thematisierte auch einer der prominentesten Vortragsredner der „Taler & Talar“- Konferenz: Der katholische Theologe und Bestseller-Autor Johannes Hartl nutzte bei der Vorstellung seines Erfolgsbuches „Eden Culture“ die Gelegenheit, für eine Abkehr von dystopischen, lebensfeindlichen Zukunftsbildern zu plädieren („Wir bauen mit Hochdruck an einer Zukunft, vor der es uns graut“) und stattdessen nach Sinn, Verbundenheit und Schönheit Ausschau zu halten. Johannes Mickenbecker wiederum, Mitbegründer eines der mit 1,44 Millionen Abonnenten erfolgreichsten deutschen Youtube-Kanäle („The Real Life Guys“), gab im Interview als gläubiger Christ tiefe und offene Einblicke in das Leben und die Verantwortung eines Social-Media-Stars und wie seine von schweren Schicksalsschlägen – wie dem Krebstod seines Bruders – geprägte Biographie in der Öffentlichkeit zu einer großen Medienrezeption führte.

Mickenbecker betonte zudem, dass von Sozialen Netzwerken wie Instagram oder TikTok in der Tat eine große Suchtgefahr und die Gefahr des Versinkens in einer medialen Scheinwelt ausginge. Der Youtuber nannte als eine der maßgeblichen Ideengrundlagen für seinen Kanal, auf welchem Experimente und Stunts mit selbstgebastelten Geräten an verschiedenen Orten durchgeführt werden, seine Zuschauer dazu zu ermuntern, auch einmal Smartphone und Couch links liegen zu lassen und stattdessen sich verstärkt zu bewegen, neugierig zu bleiben und sich von den Tüfteleien der „Real Life Guys“ inspirieren zu lassen.

Verschwendung a'la Jesus

Für mehr Bereitschaft zur „Verschwendung a'la Jesus“ auch in wirtschaftlichen Dingen warb wiederum der Neutestamentler Professor Peter Wick von der Ruhr-Universität Bochum: In seiner Auslegung des Sämann-Gleichnisses im Markusevangelium stellte der Schweizer Theologe das in der Wirtschaft vielfach vorherrschende Prinzip der Effizienz als Leitprinzip für Führung und Lebensgestaltung radikal in Frage. „Gott lässt die Natur geschehen und sich entwickeln“ sei aus dem Gleichnis vom Sämann zu lernen, so Wick: Zwar löse Gott das Handeln aus – das Wachstum selbst geschehe jedoch von alleine. Wick wörtlich: „Das Wachsen des Samens ist dem Wissen des Sämanns entzogen – er beziehungsweise Gott tut in dieser Zeit des Wachstums nichts, was zum Wachstum beiträgt.“ Da der Sämann beziehungsweise Gott auf diese Art und Weise auch das Wachsen von Unkraut und ähnlichem zulasse, sei erst mit der Erntezeit ein wirkliches Fazit über den Wachstumsprozess zu fällen. „Fruchtbarkeit und absolute Reinheit, zum Beispiel Perfektionismus schließen demnach einander aus“, so Peter Wick – und stellte den Zuhörern die Frage, welche ihrer Lebensbereiche hauptsächlich effizienz- und welche fruchtbarkeitsorientiert seien.

„Nach dem Erleben dieser intensiven Atmosphäre unter den Teilnehmenden und dem schönen Feedback von ihnen planen wir auch für das nächste Jahr eine Konferenz”, sagte Tobias Siebel im Anschluss an die Tagung. Und in der Tat kann die erste Auflage von „Taler & Talar“ neben dem großen Publikumszuspruch vor allem deswegen als Erfolg betrachtet werden, da sich die Referenten und Teilnehmer dankenswerterweise inhaltlich weder dazu verleiten ließen, einen zu starken Gegensatz zwischen „böser Wirtschaft“ und „gutem Glauben“ zu konstruieren und somit einem vereinfachten Schwarz-Weiß-Denken Raum zu geben und vielmehr zuzugeben, dass es nicht immer einfach ist, sowohl dem eigenen Unternehmen als auch den eigenen Angestellten gegenüber sowohl als Menschen und umso mehr noch als Christen gerecht werden zu können. Doch der Austausch genau hierüber kann äußerst wertvoll sein – und so wurde bereits bekannt gegeben, dass es vom 7. bis 8. September 2023 eine Weiterführung von „Taler & Talar“ im Kloster Volkenroda geben wird.

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