Zukunft

Geld verdienen dank der Metaverse-Wirtschaft

Hinter dem virtuellen Prestigeprojekt von Facebook stehen noch große Fragezeichen. Dennoch raten Experten vielen Unternehmen, sich bereits jetzt mit dem Metaverse befassen.
(221107) -- SHANGHAI, Nov. 7, 2022 -- A visitor tries a VR device to experience the metaverse in the Intelligent Industr
Foto: IMAGO | Auf einer großen Digitalmesse in Shanghai können Interessierte bereits virtuelle „Spaziergänge“ im Metaverse unternehmen.

Mit virtuellen Brillen und haptischen Anzügen sich im Internet fortbewegen, dort Einkäufe tätigen und andere User „treffen“: Noch bis vor kurzem gereichten virtuelle Realitäten wie das Metaverse vor allem Werken der Science-Fiction wie „Snow Crash“ von Neal Stephenson oder „Ready Player One“ von Ernest Cline zur dystopischen Kulisse – jetzt bemüht sich vor allem der Facebook-Mutterkonzern Meta, diese Vision Wirklichkeit werden zu lassen. Zwar ertönen bereits auch Unkenrufe, die das Scheitern des Metaverse-Projekts von Meta verkünden: schlechte Grafik, kaum Mehrwert für Nutzer und angeblich mangelnde Gewinne für Investoren. Wer ins Metaverse investiert, gilt deswegen nicht selten als risikofreudig.

Hinzukommt, dass die Pläne Metas bereits heute für Kritik sorgt: So hat sich kürzlich ein Bündnis von Unternehmen des „Web3“ in der „Open Metaverse Alliance“ (OMA3) zusammengetan. „Web3“ ist die gängige Bezeichnung für die möglicherweise nächste Generation des World Wide Web, die – unter anderem basierend auf der Blockchain-Technologie und sogenannten Non-fungible Tokens (NFT), einzigartigen digitalen Objekten – im Zeichen der Dezentralisierung des Netzes und digitaler Währungen stehen soll. Der Anspruch von OMA3 ist es, „sicherzustellen, dass virtuelles Land, digitale Güter, Ideen und Dienste in hohem Maße zwischen den Plattformen interoperabel und für alle Gemeinschaften transparent sind“. Interoperabilität meint hier das Zusammenspiel verschiedenen Metaversen, also den freien, wechselnden Zugriff der Nutzer auf verschiedene virtuelle Welten statt nur auf eine.

Die Freiheit der Nutzer

Zwar wollen auch die Vertreter des „Metaverse Standards Forum (MSF)“, darunter Big-Tech-Konzerne wie Meta und Microsoft, ein „offenes“ und interoperables Metaverse. Doch die OMA3-Unternehmen fürchten, dass das MSF dezentralisierende Elemente enthält und die Freiheit der Nutzer dabei vernachlässigt, um die eigene Position zu stärken.Jeff Zirlin, der Mitgründer des „Play-to-earn“-Spiels „Axie Infinity“, in dem Spieler durch den Verkauf virtueller Monster nach Pokémon-Art Geld verdienen können, sprach in dem Kontext von einem „Kampf um die Zukunft des Internets“. Denn freilich geht es bei der Entwicklung des Metaverse nicht „nur“ darum, wie wir zukünftig das Web nutzen, sondern auch um eine vielleicht enorme Einnahmequelle: So prognostizierten zuletzt Analysten in einem Bericht der Citibank, dass der Markt für die Metaverse-Wirtschaft theoretisch bis 2030 mit etwa bis zu fünf Milliarden Nutzern knapp 13 Billionen US-Dollar schwer werden könnte – unter der Bedingung, dass bis dahin genügend Investitionen in die grundlegende Infrastruktur fließen.

Zwischen den Zeilen lässt sich herauslesen, dass das Metaverse langfristig manche Aktivitäten, Dienstleistungen und Waren in der physischen Welt verdrängen könnte. Ganz zu schweigen von den Auswirkungen auf das internationale Währungs- und Finanzsystem: Die Analysten gehen von einer künftigen Koexistenz von klassischen Zentralbankwährungen und Kryptowährungen im Metaverse aus. Den Mitgründer der US-Wagniskapitalfirma „Race Capital“, Phil Chen, zitiert der Bericht mit einer denkwürdigen Einschätzung: „Genauso wie die [technologische] Singularität der Zeitpunkt ist, an dem die künstliche Intelligenz die menschliche Intelligenz übertrifft, markiert das Metaverse den Zeitpunkt, an dem die Menschen digitale Werte mehr schätzen als physische Werte.“

Potenziale des Metaverse prüfen

Bislang scheint das Metaverse neben den Big-Tech-Unternehmen vor allem die Krypto-Branche sowie Videospielproduzenten und Finanzinvestoren zu interessieren. In Zukunft könnte die wirtschaftliche Bedeutung des Metaverse jedoch weit darüber hinausgehen. Jan Büchel, Ökonom für Datenwirtschaft am IW Köln, betont gegenüber der „Tagespost“, dass Unternehmen individuell überprüfen sollten, welche Potenziale des Metaverse für ihr Geschäftsmodell vorteilhaft sein können. Das müsse nicht zwangsläufig den Einsatz von Virtual Reality (VR) betreffen, sondern könne beispielsweise auch Ergänzungen der angebotenen Produkte und Dienstleistungen durch Augmented Reality (AR), also erweiterte Realität, beinhalten. „Ähnliches galt auch schon für frühere Möglichkeiten, die die Digitalisierung und insbesondere das Internet hervorgebracht haben wie beispielsweise digitale Absatzkanäle. Jedoch gibt es auch physische Produkte und Dienstleistungen, die nicht oder nur schwer digitalisiert werden können.“

Das bedeute allerdings nicht, dass diese in Zukunft in ihrer physischen Form von Konsumenten auch nicht mehr nachgefragt würden. Dennoch: „Disruptive Technologen“ bringen es per definitionem mit sich, dass sie althergebrachte Technologien, aber auch Produkte oder Dienstleistungen ersetzen – das ist vorerst aber überwiegend Stoff für Spekulationen.

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EU: Monopolbildung muss verhindert werden

Die Erwartungen an das Metaverse sowie das Interesse daran sind dennoch jetzt schon sehr hoch. Das gilt auch für die Europäische Union, die derzeit noch an einer eigenen Strategie für das Metaverse arbeitet. Eckpunkte einer solchen Strategie skizzierte EU-Binnenmarktkommissar Thierry Breton zuletzt auf dem Karrierenetzwerk LinkedIn. Die neue virtuelle Umgebung des Metaverse soll laut Breton von Anfang an auf europäischen Werten fußen. Anstatt einer unregulierten Welt des Chaos, so Breton weiter, sollten Metaverses zu „Safe Spaces“ werden.

In einem Blogbeitrag warnten Friedrich Wenzel Bulst und Sophie De Vinck von der Generaldirektion für Wettbewerbspolitik der EU-Kommission zudem vor durch Netzwerkeffekte noch verstärkte Monopolisierungstendenzen des Metaverse-Markts. Weil Unternehmen und Nutzer ab einem bestimmten Punkt von einer möglichst großen Anzahl an Mitnutzern profitieren, könne es – für neue Wettbewerber – sehr schwierig werden, in den Markt eindringen, oder aber – für bestehende Wettbewerber – weiter expandieren zu können. In einem solchen Szenario würden die Marktmacht innehabende Unternehmen Verbraucher, Geschäftspartner und Konkurrenten laut Bulst und De Vinck auf vielfältige Weise einschränken können: Neben hohen Zugangspreisen könnten solche „Gatekeeper“-Unternehmen aufgrund ihrer Vormachtstellung auch verlangen, dass Nutzer bestimmte Dienste oder Produkte annehmen.

Schließlich könnten sie, so Bulst und De Vinck, auch „ihre einzigartigen Einblicke in das Nutzerverhalten nutzen, um ihre Marktmacht innerhalb und außerhalb des/der Metaverse(s) zu verstärken“. Kurzum: Das Metaverse könnte die bereits bestehende Tendenz zur Konzentration der Marktmacht weniger großer Tech-Konzerne noch verstärken. Eine Marktmacht, die zunehmend auch mit politischer Macht einhergeht, wie nicht zuletzt die lebhafte Diskussion um die jüngste Übernahme Twitters durch Elon Musk zeigte.

Auch Büchel merkt an, dass es wichtig sei, dass sich das Metaverse in der EU nicht in einem vollständig unreguliertem Feld entwickle. Im Gegenteil habe die EU in den vergangenen Jahren jedoch bereits Regulierungsinstrumente eingeführt oder auf den Weg gebracht, die einen direkten Bezug zum Metaverse aufwiesen.

Umbrüche durch Metaverse

So seien beispielsweise derzeitige Probleme in den Sozialen Medien wie die Verbreitung von Falschnachrichten, Hassrede, Polarisierung oder toxisches Verhalten von Nutzern, in ähnlichem oder sogar noch stärkerem Umfang auch im Metaverse vorstellbar. Statt neue Regulierungsinstrumente anzustoßen sollten daher die derzeit geplanten zunächst umgesetzt und gegebenenfalls angepasst werden, so Büchel: „Es darf jedoch nicht überreguliert werden: Entwickler in der EU sollten Freiräume haben, um innovative Metaverse-Anwendungen zu entwickeln und generell an der Entwicklung des Metaverse mitzuwirken.“

Damit die EU im Rennen mit den USA und China mithalten könne, bedürfe es vor allem Geschwindigkeit und finanzieller Unterstützung. Genauso wie Wulst und De Vinck warnt Büchel vor einer schnellen Monopolisierung des Metaverse: „Die Zeit ist knapp, denn große digitale Plattformunternehmen aus den USA und China investieren bereits Milliardenbeträge in das Metaverse. Werden von ihnen erst Standards gesetzt, sind diese meist unumkehrbar und das Metaverse wird von diesen Unternehmen bestimmt.“ Auf wirtschaftlicher Ebene könnte das Metaverse also große Umbrüche bedeuten – umso mehr gilt das auf seelischer, sozialer und politischer Ebene.

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