Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Arbeitszeit

Faule Deutsche?

Vom Dachdecker zur Frauenerwerbsquote: Einige Fakten zur deutschen Reformdebatte.
Dachdecker
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Arme Dachdecker: bis 70 arbeiten ist für sie kaum möglich. Das heißt aber nicht, dass die Rente mit 70 generell eine schlechte Idee wäre.

Was hilft der deutschen Wirtschaft auf die Beine? Seit Monaten thematisiert Friedrich Merz immer wieder die Arbeitszeit der Deutschen, die aus seiner Sicht nicht ausreicht. Eine Steilvorlage. Klar, dass seine Bemerkungen als Vorwurf der „Faulheit“ ausgelegt werden. Aber es würde zu kurz greifen, die Eigentore des Kanzlers als Problem der politischen Kommunikation zu betrachten. Das Problem liegt in den Fakten, die nicht zum Narrativ der angeblich arbeitsscheu gewordenen Deutschen passen.

Lesen Sie auch:

Zwar sind die Wochenarbeitszeiten in Deutschland im europäischen Vergleich unterdurchschnittlich, wenn man die Arbeitszeiten der Vollzeit- wie der Teilzeiterwerbstätigen zusammenrechnet. Es gibt aber Länder mit noch kürzeren Wochenarbeitszeiten, zum Beispiel Dänemark oder die Niederlande. Die längsten Wochenarbeitszeiten finden sich in Griechenland.

Schon hier müsste jedem auffallen, dass lange Arbeitszeiten offensichtlich noch kein hinreichendes Rezept für Wohlstand sind. Diesen Eindruck bestätigt der Vergleich der Erwerbsquoten in Europa: Die sind in den Niederlanden am höchsten. Auch Deutschland gehört zur Spitzengruppe. Die Niederlande liegt, ebenso wie Dänemark, auch beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf auf einem Spitzenplatz, während Deutschland eher im (oberen) Mittelfeld rangiert. Ganz an der Spitze liegt (nach dem Finanzplatz Luxemburg) Irland, das bei den Arbeitszeiten und Erwerbsquoten nur im Mittelfeld liegt. Entscheidend für den Wohlstand ist offensichtlich weniger die Quantität der Arbeit als ihre Produktivität.

Längere Lebensarbeitszeiten sind sinnvoll

Seit Langem wird die Teilzeiterwerbstätigkeit von Müttern in Deutschland kritisiert: Tatsächlich ist hierzulande fast die Hälfte der Arbeitnehmerinnen in Teilzeit erwerbstätig. In den Niederlanden (60 Prozent) und der Schweiz (63 Prozent) sind die Teilzeitquoten allerdings noch höher. Die gleichen Länder sind es, die auch bei der Frauenerwerbsquote an der Spitze liegen. Hohe Frauenerwerbsquoten und hohe Teilzeitquoten sind in Europa eng miteinander verbunden. Hohe Frauenerwerbsquoten und hohe Vollzeitquoten sind völlig untypisch. Am ehesten passt noch Schweden zu dieser gleichstellungspolitischen Idealvorstellung. Trotz des viel gerühmten Betreuungssystems ging in Schweden mit der Ausweitung der Frauenerwerbstätigkeit in der letzten Dekade allerdings ein drastischer Rückgang der Geburten einher.

Bedeutsamer als wohlfeile Fleißapelle ist die Debatte um das Renteneintrittsalter. Längere Lebensarbeitszeiten sind nicht nur sinnvoll, sondern ein Gebot der Generationengerechtigkeit: Nichts entlastet die jüngeren Rentenbeitragszahler mittelfristig stärker als ein späterer Renteneintritt der Älteren. Umso ärgerlicher ist es, wenn diese vernünftige Forderung falsch begründet wird. So wird immer wieder gefordert, den Renteneintritt an die (verlängerte) Lebenserwartung anzupassen. Die Lebenserwartung ist aber seit vielen Jahren kaum gestiegen. In der Coronakrise ging sie sogar vorübergehend zurück. Die Rentenversicherung wurde damit aber nicht saniert. Denn das Problem ist nicht in erster Linie die (im Vergleich zu Adenauers Zeiten tatsächlich stark gestiegene) Lebenserwartung, sondern viel wesentlicher ist der Nachwuchsschwund, durch den sich das Verhältnis von Einzahlern und Rentenbeziehern verschlechtert. Ein späteres Renteneintrittsalter mildert diese Belastung deutlich, wie alle Berechnungen zum sogenannten Belastungsquotienten seit Jahrzehnten zeigen. Aus gutem Grund wurde die „Rente mit 67“ eingeführt. Diese Reform führte dazu, dass das Renteneintrittsalter in der letzten Dekade stärker gestiegen ist als die Lebenserwartung. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Nach Berechnungen der Bundesregierung wird die Regelaltersgrenze sogar bis in die 2060er-Jahre stärker steigen als die Lebenserwartung. Die Rentenbezugsdauer wird so faktisch verkürzt. Eine weitere Anhebung der Altersgrenze („Rente mit 70“) wäre eine weitere (indirekte) Rentenkürzung, mit der die Beitragszahler entlastet würden.

Akademiker arbeiten weniger? Falsch.

Freilich gibt es auch berechtigte Einwände gegen den späteren Renteneintritt: Wie soll ein Handwerker oder eine Altenpflegerin mit Bandscheibenschäden bis zum Alter von 70 Jahren arbeiten? Eine Antwort darauf könnte eine Arbeitsunfähigkeitsversicherung sein, die solidarisch von denen getragen wird, die länger arbeiten können. In der Praxis dürften das oft Akademiker sein, die tendenziell in körperlich weniger belastenden Berufen arbeiten. Aber auch hier widerlegen die Fakten populistische Parolen, die ein Zerrbild von Akademikern, die lange studieren und früh in Rente gehen, zeichnen. So forderte Jens Südekum, ein Ökonom, der Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) berät, einen späteren Renteneintritt von Akademikern, weil diese auf weniger Beitragsjahre kämen. Auswertungen des Mikrozensus zeigen etwas anderes: Die Lebensarbeitszeit von Männern mit hoher Bildung lag 2025 (mit 40,6 Jahren) um mehr als neun Jahre über der von Männern mit niedriger Bildung (31,3 Jahre). Die Lebensarbeitszeit von Männern mit mittlerer Bildung lag allerdings nicht in der Mitte dazwischen, sondern (mit 39,3 Jahren) fast auf dem Niveau der Hochgebildeten.

Die Zahlen werden verständlich, wenn man die Definition der Bildungsniveaus betrachtet: Zu der Gruppe mit „hohem Bildungsniveau“ gehören Akademiker und Absolventen von Fachschulen, die eine Meister- oder Technikerqualifikation erworben haben. Ein „mittleres Bildungsniveau“ hat, wer eine zwei- oder dreijährige Berufsausbildung abgeschlossen oder ein Abitur oder Fachabitur gemacht hat. Die Problemgruppe mit zu wenig Beitragsjahren sind die „niedrig“ Qualifizierten. Dem „niedrigen Bildungsniveau“ wird zugeordnet, wer keinen Schulabschluss oder „nur“ einen Haupt- oder Realschulabschluss hat. Die Chancen dieser Menschen ohne (abgeschlossene) Berufsausbildung auf dem Arbeitsmarkt haben sich in den letzten Jahrzehnten verschlechtert. Das erklärt, warum die (durchschnittliche) Lebensarbeitszeit dieser heute stark von Zuwanderern geprägten Gruppe nicht gestiegen, sondern gegen den Trend zurückgegangen ist, von rund 36 Jahren (1991) auf nur noch 31,3 Jahre (2025). Im selben Zeitraum ist die Lebensarbeitszeit der Männer mit mittlerer Bildung annähernd konstant geblieben und die der Männer mit höherer Bildung leicht angestiegen. Deutlich gestiegen ist die Lebensarbeitszeit der Frauen mit hohem und besonders die der Frauen mit mittlerem Bildungsniveau. Ganz anders sieht es bei den Frauen mit niedriger Bildung aus: Ihre Lebensarbeitszeit ist von rund 20 Jahren (1991) auf unter 18 Jahre (2025) gesunken.

Der Autor ist promovierter Politikwissenschaftler.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Stefan Fuchs Friedrich Merz SPD

Weitere Artikel

Die DBK veröffentlicht ein bemerkenswert klares Dokument zur Rentendiskussion – bewusst, nachdem die Entscheidung im Bundestag gefallen ist.
13.12.2025, 11 Uhr
Jakob Ranke
Die geplanten Tankrabatte sind eine sozialpolitische Bankrotterklärung. Der Sozialstaat soll den Schwachen helfen. Angezeigt wären passgenaue Maßnahmen.
15.04.2026, 09 Uhr
Peter Schallenberg

Kirche

In Madrid trifft Leo XIV. auf tausende Helfer und würdigt ihren Einsatz. In Barcelona ruft er die Gläubigen dazu auf, zu „Baumeistern der Einheit“ zu werden.
09.06.2026, 16 Uhr
Meldung
Bohrmaschinen auf der Esplanade: Nach Medienberichten begannen ausgerechnet während der historischen Papstrede die Vorarbeiten für die geplante „Neudeutung“ des Denkmalensembles.
09.06.2026, 14 Uhr
José García
Bewährte Spitze: Salzburgs Erzbischof Franz Lackner bleibt Vorsitzender der österreichischen Bischöfe, der Linzer Bischof Manfred Scheuer bleibt sein Stellvertreter.
09.06.2026, 13 Uhr
Meldung
Der säkulare Staat gestand in Madrid seine Grenzen ein: Leos Rede unterstreicht, dass die Kirche nicht schweigen wird, wenn Politiker Lebensschutz und Menschenwürde beschneiden.
09.06.2026, 11 Uhr
Regina Einig
Vor 70.000 Menschen im Bernabéu-Stadion ruft Leo XIV. dazu auf, dorthin zu gelangen, „wo die neuen Narrative und Paradigmen entstehen“.
09.06.2026, 06 Uhr
José García