Inflation

Die Deutschen kaufen nun anders

Wegen der Inflation ändert sich hierzulande das Konsumverhalten.
Konsum
Foto: dpa | Unbeschwertes Shoppen in der Innenstadt war gestern: Die Inflation wirbelt die Einkaufsgewohnheiten der Deutschen gehörig durcheinander.

Die Inflation wirkt sich immer stärker auf die Verbraucher und ihr Konsumverhalten aus. Dabei ist die Belastung der Einkommensschwächsten ist etwa fünfmal so hoch wie die der Einkommensstärksten. Das hat das Deutsche Institut für Wirtschaftsförderung im Auftrag der Diakonie herausgefunden. Die ärmsten 20 Prozent verwenden demnach zwei Drittel ihrer Ausgaben allein für Wohnen, Energie und Lebensmittel. Diakonie-Präsident Ulrich Lilie fordert daher im Deutschlandfunk einen Inflationsschutzschirm für einkommensschwache Haushalte. Ansonsten müssten diese sich im kommenden Winter entscheiden, ob sie essen oder frieren wollten.

Die Inflationsrate errechnet sich aus dem Preisanstieg bestimmter Waren und Dienstleistungen, für die ein durchschnittlicher Endverbraucher in Deutschland im Jahresverlauf Geld ausgibt. Bereits seit Juli 2021 befindet sich die Inflation in Deutschland auf Rekordniveau. Im Frühjahr dieses Jahres erfolgte erneut ein erheblicher Sprung auf mehr als sieben Prozent. Das leichte Absinken in den letzten beiden Monaten brachte nur wenig Entlastung. Noch im Juli mussten die Verbraucher 7,5 Prozent mehr zahlen als im Vorjahr.

Finanzielle Lücken schließen

Klaus Ballas ist Leiter des Sektors Konsumgüter und Handel beim Beratungsunternehmen EY Deutschland. Das Unternehmen erstellt den EY Future Consumer Index, eine vierteljährliche, weltweite Umfrage unter 18 000 Verbrauchern, an der 1 000 Befragte aus Deutschland teilnehmen. Dort wurde schon im Februar 2022 deutlich, dass die Deutschen vor allem bei Bekleidung, Lieferdiensten, Mitgliedschaften in Fitnessstudios und Unterhaltungselektronik sparen wollen. So hoffen sie, die Lücken zu schließen, die durch die Steigerungen bei Benzin, Lebensmitteln und Wohnkosten entstehen. „Die Pandemie wird zur Endemie und gerade jetzt, wo die Menschen aufatmen wollen, kommt die nächste Krise, die uns alle betrifft. In Deutschland vor allem durch Preissteigerungen, viele Produkte werden teurer und auch die Inflation trifft die Verbraucher mit voller Wucht“, erläutert Ballas. Das Ende der Fahnenstange sei noch nicht erreicht. Dies wirke sich auf alle Kaufentscheidungen aus – von alltäglichen Produkten bis hin zu Luxusgütern. „Die Verbraucher passen ihr Kaufverhalten an die Krise und die Inflation an.“ Gekauft wird vielfach nur noch das Nötigste. Die Eigenmarken der Discounter erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Das geht auch zu Lasten der Bio-Produkte: Während die Verbraucher in der Pandemie gerne bei höherpreisigen Bio-Lebensmitteln zugriffen, sanken die Umsätze im Bio-Fachhandel im ersten Quartal 2022 um 13,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, berichtet der Bundesverband Naturkost Naturwaren.

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Auch die Mittelschicht ist zunehmend besorgt

Der Index zeigt auch, dass nicht nur einkommensschwache Verbraucher besorgt sind, sondern auch die Mittelschicht. Insgesamt geben mehr als Prozent der Verbraucher an, dass es aufgrund der steigenden Kosten für Waren und Dienstleistungen immer schwieriger wird, sich etwas zu leisten. Die Folge: Nicht nur in Deutschland wollen die Menschen ihren Konsum den aktuellen Verhältnissen anpassen. 53 Prozent der Deutschen planen, mehr Ausgaben einzusparen, um so mehr Rücklagen aufbauen zu können.

Das veränderte Verhalten hat natürlich auch massive Folgen für die Unternehmen: Für sie wird es schwerer, vor allem die Produkte zu verkaufen, die von den Kunden als nicht zwingend nötig angesehen werden. „Verbraucher werden sich eher zweimal überlegen, welche Anschaffungen für sie aktuell Sinn ergeben. Und sie werden noch mehr als bisher Preise vergleichen und nach günstigen Angeboten suchen. Die Discounter könnten daher als Gewinner aus der Krise hervorgehen“, erläutert Ballas. Das „Nice to have“ komme beim Verbraucher aus der Mode. Jetzt müssten die Firmen auch in der Kundenansprache Wege finden, wie sie bei potenziellen Abnehmern trotzdem punkten können.

Die düstere Prognose wird von den aktuellen Erhebungen des Konsumbarometers des Handelsverbandes Deutschland bestätigt. Danach gibt es auch im kommenden Vierteljahr nur wenig Hoffnung auf Verbesserung bei der Verbraucherstimmung. Zu groß seiendie mit dem weiteren Verlauf der Corona-Pandemie und den Auswirkungen des russischen Krieges in der Ukraine verbundenen Unsicherheiten. Nach der EY-Umfrage gehen zwar 25 Prozent der befragten Deutschen, davon aus, dass sich ihre finanzielle Lage in den nächsten Monaten verbessern werde. Im weltweiten Durchschnitt erwarten das aber 48 Prozent.

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