Angriffskrieg

Der weltweite Hungerkrieg

Um im Ukraine-Krieg zu punkten, ist Russlands Diktator Wladimir Putin jedes Mittel recht.
Ukraine-Krieg - Afrika
Foto: dpa | Auf dem Hamar-Weyne-Markt in der somalischen Hauptstadt Mogadischu sind die Preise für Weizenmehl um knapp 50 Prozent gestiegen.

Bei Kiew, auf den Höhenzügen über dem Fluss Dnjepr, befindet sich einer der zentralen Erinnerungsorte der Ukraine – die Holodomor-Gedenkstätte. Sie erinnert an die verheerende, von Stalin herbeigeführte Hungersnot in der Sowjetukraine. Zwischen 1931 und 1933 verhungerten rund vier Millionen Ukrainer. Das ukrainische Wort Holodomor bedeutet „Mord durch Hunger“. Nun greift Putin zur gleichen Waffe wie die Sowjets damals. Dabei leiden die Menschen insbesondere in den umkämpften Regionen der Ukraine schon jetzt Hunger. Bereits 2021 benötigten 1,5 Millionen Menschen in der Ostukraine Unterstützung mit Lebensmitteln und bei der Sicherung ihres Lebensunterhalts. Wenige Wochen nach Beginn des russischen Angriffskriegs ist diese Zahl rapide gestiegen.

Die Welt als Putins Hungergeisel

Doch die Krise trifft nicht nur die Menschen in der Ukraine, der Krieg hat auch katastrophale Auswirkungen auf viele andere Regionen der Welt: Die Ukraine und Russland gelten als Kornkammern für Länder, die auf den Import von Getreide angewiesen sind. Sie produzieren zusammen ein Drittel des weltweiten Weizens. Fehlt diese Nahrungsquelle, werden viele Millionen Menschen darunter leiden. Für mehr als 35 Prozent der Menschen auf der Erde hat sich Weizen als Grundnahrungsmittel durchgesetzt. Da es vergleichsweise günstig ist, machen Weizen, Mais und Reis mittlerweile 40 Prozent der global verzehrten Kalorien aus, sagt der Deutschland-Chef des UN-Welternährungsprogramms WFP, Martin Frick. Zu einer zusätzlichen Verknappung auf dem Weltmarkt kommt es, weil Indien, das ursprünglich in Aussicht gestellt hatte, die Versorgungsengpässe durch eine Steigerung seiner Weizen-Exporte zu lindern, überraschend einen Ausfuhrstopp verhängt hat. Der zweitgrößte Weizenproduzent der Welt leidet unter einer Hitzewelle und rechnet mit Ernteausfällen. Der Exportstopp solle die Versorgungssicherheit im Land gewährleisten.

Der Export von ukrainischem Getreide ist wegen des russischen Angriffskriegs allerdings zum Erliegen gekommen. Russland blockiert auch das Schwarze Meer und hindert ukrainische Handelsschiffe daran, den Hafen von Odessa zu verlassen und Waren auszuliefern. In der ukrainischen Hafenstadt sind gut 25 Millionen Tonnen Getreide blockiert. Die Speicher sind übervoll mit Weizen, Gerste und Mais für den Nahen Osten, den Maghreb und Afrika. Weil die Lieferungen ausbleiben, explodieren weltweit die Preise.

Russland verhindert Getreideexporte

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen kritisierte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Russlands Vorgehen stark: Russland bombardiere bewusst Getreidesilos in der Ukraine und blockiere Häfen wie Odessa, damit das Getreide dort nicht exportiert werden könne. UN-Generalsekretär Guterres warnte inzwischen, dass die Nahrungsmittelknappheit sich weltweit zuspitzt, wenn Russland das in den ukrainischen Häfen gelagerte Getreide nicht für den Export freigibt. Das sieht das perfide Drehbuch des russischen Präsidenten auch nicht vor. Denn nach Ansicht des ehemaligen deutschen Botschafters in Russland will Putin gezielt Hungerkrisen im Nahen Osten und Afrika auslösen. Ziel sei es, Europa durch massive Flüchtlingsbewegungen zu destabilisieren, sagte der Diplomat Rüdiger von Fritsch dem „Tagesspiegel“. Putins Kalkül bestehe darin, dass nach dem Zusammenbruch der Getreidelieferungen die hungernden Menschen versuchen werden, nach Europa zu kommen. Deshalb hindere Russland die Ukraine daran, Getreide zu exportieren und bombardiere Getreidesilos. Bundeskanzler Olaf Scholz warf Putin vor, die durch seinen Angriff auf die Ukraine ausgelöste Hungerkrise dem Westen anlasten zu wollen. Dieses „Putinsche Narrativ“ müsse unbedingt widerlegt werden, sagte Scholz beim Katholikentag in Stuttgart.

Starke Abhängigkeiten von ukrainischen und auch russischen Getreideimporten bestehen besonders in einigen afrikanischen Ländern, die sich bereits vor dem Konflikt durch Armut oder politische Instabilität in einer schwierigen Lage befanden. Ost-Afrika etwa deckt 84 Prozent seines Weizenbedarfs durch Importe ab. Schon 2021 waren die Nahrungsmittelpreise in vielen afrikanischen Ländern explodiert, als Folge der Covid-Pandemie und extremer Trockenheit. Im Vorjahr war der Kontinent aus der heutigen Krisenregion mit Weizen, Mais, Speiseöl und anderen Grundnahrungsmitteln im Wert von 2,6 Milliarden Euro aus der Ukraine und 3,6 Milliarden Euro aus Russland versorgt worden. Das dürfte vorbei sein. Die steigenden Preise betreffen aber nicht nur ärmere Länder. Auch in Europa bemerken Verbraucherinnen und Verbraucher bereits die steigenden Kosten für Lebensmittel.

Die Weltgemeinschaft muss handeln

Angesichts der ausbleibenden Nahrungsmittellieferungen infolge des Krieges in der Ukraine hat der Verwaltungsrat der Afrikanischen Entwicklungsbank eine Finanzhilfe in Höhe von 1,5 Milliarden US-Dollar bewilligt, um die afrikanischen Länder bei der Abwendung einer drohenden Nahrungsmittelkrise auf dem Kontinent zu unterstützen. 20 Millionen afrikanische Kleinbauern werden im Rahmen dieser Initiative mit zertifiziertem Saatgut versorgt und erhalten besseren Zugang zu Düngemitteln. Der nigerianische Politiker Akinwumi Ayodeji Adesina erklärte als Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank: „Nahrungsmittelhilfe kann Afrika nicht ernähren. Afrika braucht keine Schüssel in der Hand. Afrika braucht Saatgut in der Erde und mechanische Erntemaschinen, um die vor Ort produzierten Lebensmittel in Hülle und Fülle zu ernten. Afrika wird sich selbst mit Stolz ernähren, denn es ist unwürdig, um Nahrung zu betteln.“ Die Afrikanische Entwicklungsbank mit Sitz in Abidjan (Elfenbeinküste) wurde 1964 gegründet und hat heute 81 Mitgliedsstaaten. Davon sind 54 afrikanische Staaten, die die Mehrheit der Anteile an der Bank halten.

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Um die drohende Hungersnot wegen ausfallender Getreideimporte aus der Ukraine ging es auch Bundeskanzler Olaf Scholz bei seiner ersten Afrika-Reise. Statt wie lautstark gefordert nach Kiew zu reisen, besuchte der Kanzler in drei Tagen Senegal, Niger und Südafrika. Neben der Frage, was Deutschland und Europa tun können, um Afrika aus Putins Hunger-Würgegriff zu lösen, wurde jedoch auch vonseiten des Bundeskanzlers mit seinen afrikanischen Gesprächspartnern darüber diskutiert, dass nicht jede afrikanische Regierung bereit dazu war, den russischen Angriff auf die Ukraine zu verurteilen: Dies zeigt ein Blick auf das Abstimmungsergebnis, mit dem die UNO-Vollversammlung eine Resolution gegen Russlands Krieg verabschiedete. Es gab nur fünf Nein-Stimmen: Neben Russland waren das Belarus, Nordkorea, Eritrea und Syrien. 35 Staaten konnten sich nicht zu einem „Nein“ entschließen und wählten die Stimmenthaltung. Von diesen 35 Nationen liegen immerhin 17 in Afrika – wie beispielsweise den Senegal oder Südafrika. Nicht ohne Grund, denn Moskau ist in den vergangenen Jahren zu einem wichtigen Verbündeten vieler afrikanischer Staaten geworden, was Waffen oder sogenannte Militärberater betrifft.

Die Menschen haben große Angst

Gleichzeitig spürt in vielen Ländern auch die einfache Bevölkerung seit Kriegsbeginn große Veränderungen. „Generell herrscht große Angst unter den Menschen“, erklärt nach Angaben von Missio München Charles Indraku, Direktor des katholischen Senders „Radio Pacis“ in Uganda. „Wir spüren auch direkte Auswirkungen auf unser Land, da sich allmählich die Preise ändern, insbesondere Kraftstoffpreise. Das wird letztlich auch andere Rohstoffpreise beeinflussen, Preise von wichtigen Gütern. Und da Uganda ein Land ohne Zugang zum Meer ist, bedeutet das nichts Gutes.“ Uganda ist angewiesen auf Warentransporte über den Landweg – hohe Benzinpreise machen den Verkehr mit Lastkraftwagen teurer und erzeugen hohe Kosten. Ähnliches gilt für Malawi, wie Henry Saindi, Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz betont: Die Wirtschaft von Malawi sei „in hohem Maße von Importen abhängig, die entweder direkt aus einem der beiden kriegführenden Länder oder über andere Länder, die ebenfalls stark vom Krieg betroffen sein dürften, bezogen werden“. Für die Landwirtschaft von Malawi ist der Import von Düngemitteln aus Russland wichtig. Henry Saidi erklärt: „Dünger ist für einen normalen malawischen Landwirt bereits teuer, und jede Preiserhöhung wird sich katastrophal auf die Ernte auswirken und zu Ernährungsunsicherheit und Hunger im Land führen.“

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