Arbeitsmarkt

Der Jobwechsel als Normalfall

In einer Zeit zahlreicher unbesetzter Stellen müssen Arbeitgeber umdenken.
Nur mit Exit-Strategie: Die Zeit nach der Kündigung überstehen
Foto: dpa/Christin Klose | Die Bereitschaft, sich mit einem neuen Arbeitgeber zu einigen, ist unter Arbeitnehmern so hoch wie noch nie.

Ein junger Mensch auf Arbeitssuche schaut heute nicht mehr allein darauf, was er am Monatsende Netto in der Lohntüte hat: Er will auch wissen, was das Unternehmen ihm an Zugewinn an Lebensqualität mitgibt. Deshalb wird es für große Industrieunternehmen wie für kleine Handwerksbetriebe immer wichtiger, sich als perfekter Arbeitgeber aufzustellen. Das gilt aber auch die die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die sich einfach mal verändern wollen. In einer Zeit, in der 500 000 Facharbeiterstellen in Deutschland unbesetzt sind, haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oft die Auswahl, wo sie einen Arbeitsvertrag unterschreiben wollen.

„Im Bindungsverhältnis zwischen Arbeitgebern und ihren Angestellten knirscht es gewaltig – mit drastischen Folgen“, weiß der Psychologe Stephan Grünewald. Er ist der Gründer des Markt- und Medienforschungsinstituts Rheingold. Gemeinsam mit Pawlik Consultants hat das Institut jetzt eine Studie veröffentlicht, die sich mit den Bindungskräften auf dem Arbeitsmarkt befasst. Das Ergebnis: Die Unternehmen müssen liefern: 60 Prozent der Mitarbeitenden sind laut der repräsentativen Umfrage mit den Bindungsangeboten unzufrieden. Die Folge davon: 39 Prozent sind offen für einen Wechsel oder haben sich bereits dazu entschlossen.

Bindungsdefizite beheben

„Sensibilität und Empathie der Führungskräfte gewinnen noch mehr an Bedeutung“, erläutert Stephan Grünewald. Dabei führt auch das Homeoffice in der Praxis zu Problemen: Diese Mitarbeitenden halten sich nicht mehr automatisch im Gesichtskreis ihrer Vorgesetzten auf. Es sei aber wichtig, den Kontakt mit ihnen zu halten. Um Bindungsdefizite zu beheben, müsse der Arbeitgeber wissen, wie es seinen Mitarbeitern gehe und was sie bräuchten. Das Ergebnis der Studie offenbare, dass die festgestellten Bindungsdefizite vielen Arbeitnehmern nicht bewusst seien und daher auch kaum artikuliert würden.

Wo aber können die Unternehmen ansetzen, um die früher übliche enge Bindung an die Betriebe auch für die Zukunft sicherzustellen. Die tiefenpsychologischen Interviews der Studie haben sechs Kohäsionsfaktoren zum Vorschein gebracht. Sie könnten Führungskräften dabei helfen, den Zusammenhalt im Unternehmen und damit auch die Neigung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zum Verbleib zu optimieren. Für zwei Drittel der Befragten ist es wichtig, dass ihr eigener Beitrag zum großen Ganzen des Unternehmens erkennbar wird. Von gleich großer Bedeutung ist es, dass ihnen der Arbeitgeber die Vereinbarkeit von privater und beruflicher Entwicklung ermöglicht. Ähnlich oft werden genannt: der Teambezug, die Wertschätzung durch einen festen Platz im Unternehmen, eine klare Unternehmensmission und Angebote individueller Weiterbildung.

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Flexibilisisrung und Vereinbarkeit

Tina Weber, vom Forschungs- und Beratungsinstitut EAF Berlin weiß, wie die Unternehmen den erforderlichen Kulturwandel in der Arbeitswelt einleiten können. Das Thema Flexibilisierung der Arbeitswelt und die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind ihr Herzensthema. 80 Prozent der Frauen wünschten sich eine Verbesserung in diesem Bereich, aber auch Männer würden immer häufiger flexiblere Arbeitsangebote nachfragen. Die Umsetzung solcher Maßnahmen sei nicht nur in großen Unternehmenseinheiten möglich. „Auch kleine mittelständische Unternehmen können das leisten“, ergänzte Weber. Individuelle Lösungen seien oft ohne Zusatzkosten umsetzbar.

Weber kennt die zentralen Instrumente, die den Kulturwandel fördern. Die geforderte zeitliche und räumliche Flexibilität kann durch Gleitzeitangebote, Jobsharing, oder Arbeitszeitkonten sichergestellt und durch Home-Office, mobiles Arbeiten oder Desk Sharing ergänzt werden kann. Der erforderliche informelle Austausch mit remote beschäftigten Mitarbeitern könne zum Beispiel in digitalen Kaffeepausen ermöglicht werden. Auch Teilzeitmodelle, die in Deutschland von 48 Prozent der Frauen, aber nur von 11,5 Prozent der Männer genutzt werden, sind ein Weg, die Arbeitgeberattraktivität zu erhöhen.

Gute Unternehmenskultur

Unternehmen in der heutigen Zeit geht es schon lange nicht allein mehr darum, neue Mitarbeiter zu gewinnen, sie wollen ihren Mitarbeiterbestand auch halten. Die meistgenannten Wünsche der Arbeitnehmer, die in unterschiedlichen Studien zum Ausdruck kommen, sind ein leistungsgerechtes Gehalt und flexible Arbeitszeiten. Aber eben auch erfolgsabhängige Boni, betriebliche Gesundheitsvorsorge, Kinderbetreuung. Eine gute Unternehmenskultur im Verhältnis von Führungskräften und Mitarbeitern, denen es nicht um „menschliche Ressourcen“ sondern um Personenwürde im Sinne der Christlichen Soziallehre geht, sollte dabei ein zeitlos gutes Instrument bleiben.

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Heinrich Wullhorst Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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