Kolumne

Der „gerechte Krieg“ kehrt zurück

„Nur Minderung, nicht Ausrottung des Bösen ist möglich“, beschreibt der Moraltheologe Peter Schallenberg in seiner Kolumne.
Ukraine-Konflikt
Foto: Emilio Morenatti (AP) | Ukrainische Soldaten verteidigen sich mit den ihnen zur Verfügung stehenden Waffen gegen den Angriffskrieg Putins.

Ja, es gibt ihn tatsächlich noch: den fast schon totgesagten „gerechten Krieg“. Fast wäre er entschlafen, zumindest in Europa, seit dem 1995 beendeten Bosnienkrieg und den damit verbundenen Friedenshoffnungen. Seitdem schien es, als gelänge sowohl ein „ewiger Friede“, von dem schon einst Immanuel Kant träumte, als auch nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Europa und der Wiedervereinigung Deutschlands ein wiedervereinigtes Europa durch die Ausweitung der NATO und der EU als Friedensprojekt. Nach dem brutalen und menschenverachtenden Überfall Putins auf die Ukraine wird klar: Der Untergang des Kommunismus löste bestenfalls nur zum Teil die wirtschaftlichen Probleme des geteilten Europa, denn immer noch warten weitere Balkanstaaten bis hin zu Georgien auf die Aufnahme in die EU. Was der Untergang des Kommunismus leider ebenso ungelöst ließ, war die seit 1990 nicht beachtete Konkursmasse der Sowjetunion: Der verschwundene Kommunismus ließ keineswegs die verschiedenen Nationen freudig ins rasch umgetaufte Zarenreich Großrusslands strömen. Dies aber ist offenkundig der offizielle und sehnlichste Wunsch Putins und so erklärt sich großenteils der brutale Angriffskrieg gegen die Ukraine, angeblich ein „heiliger Krieg“.

Verteidigung mit Waffengewalt

Daher – und leider auch wegen des offenkundigen Wahnsinns von Diktatoren wie Putin – gibt es als letzte Möglichkeit und Reaktion auf alle „heiligen Kriege“ nach katholischer Soziallehre eben den „gerechten Krieg“: Die Kapitulation der Friedenspredigt Jesu vor der bitteren Erkenntnis, anders als mit Waffen der Verteidigung sei dem Angreifer Kain von Seiten des Abel nicht beizukommen. Das Problem ist nur: Kain und Abel waren zwei, in heutigen Kriegen sind viele Tausende unschuldiger Zivilopfer betroffen – das macht die unlösbare Tragik der politischen Ethik aus. Das „Kompendium der Soziallehre der Kirche“ bemerkt in Nr. 500 deutlich: „Ein Angriffskrieg ist in sich unmoralisch. In dem tragischen Fall seines Ausbruchs haben die Verantwortlichen des angegriffenen Staates das Recht und die Pflicht, die Verteidigung auch mit Waffengewalt zu organisieren.“

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Kluges Ermessen

Nicht erwähnt aber wird die aktuelle Frage von Waffenlieferungen, etwa der NATO an die angegriffene Ukraine, nur das „kluge Ermessen derer, die mit der Wahrung des Gemeinwohls vertraut sind“. Genauso tragisch erscheint der bange Blick über den aktuellen Tellerrand: Wird Europa auf ewig zweigeteilt bleiben? Ganz sicher gehört die Ukraine zu Europa, aber was ist mit Russland – irgendwann hoffentlich ohne Putin-Diktatur und auf dem Weg zur rechtsstaatlichen Demokratie? Welche Nationen soll ein demokratisches Russland umfassen und gelingt die Helvetisierung dieses Riesenreichs? Und schließlich: Was geschieht mit der Welt, wenn der westliche Block einem russisch-chinesischen Block gegenüberstehen sollte, wahlweise befeuert von Pakistan oder Indien? „Der Krieg ist definitiv der Niedergang jedes wahren Humanismus“ konstatiert bitter die Nr. 497 des Kompendiums. Diese Bitterkeit bleibt der Sozialethik nach Kain und vor dem Jüngsten Tag wohl dauerhaft erhalten: Nur Minderung, nicht Ausrottung des Bösen ist möglich. Eine wirklich bittere, aber auch realistische Aussicht.

Der Autor ist Direktor der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle in Mönchengladbach. Die Kolumne erscheint in Kooperation mit der KSZ.

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