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„Das ist das Gegenteil von dem ‚Hustle‘-Modus“

Hilft Gott beim Geschäft? Nein, sagt der evangelische Theologe Tobias Siebel. Warum er trotzdem eine Konferenz für Führungskräfte und Interessierte aus der Wirtschaft organisiert
Traubenrebe am Weinstock
Foto: IMAGO/vasilis asvestopoulos (www.imago-images.de) | Ein Hausbesitzer in Pissonas hat statt einer Hecke Weinreben an seinen Zaun gepflanzt. So kombiniert er Angenehmes mit Nuetzlichem. In Pissonas am 29. Juni 2026. GREECE - EUBOEA - DIRFYS - PISSONAS

Herr Siebel, Sie veranstalten als Theologe mit der „Taler&Talar“-Konferenz ein Event, das Wirtschaft, Sinn und Ethik verbinden will. Wieso?

Wo verbringt der Mensch mehr Zeit als auf der Arbeit? Wirtschaft ist ein großer Faktor im Leben. Aber kommerzieller Erfolg und ökonomische Logik sind nicht alles. „Und bringt viel Frucht“, ist unser Motto dieses Jahr. Die Früchte, auf die es am meisten ankommt, sind vielleicht gar nicht die wirtschaftlichen Erträge, sondern Beziehungsdimensionen wie Frieden und Sanftmut. Sich damit zu beschäftigen, lohnt auch im beruflichen Kontext, denn dort sind wir mitten in Beziehungen. Das biblische Fruchtbild zeigt vieles an, was wir lernen können: Frucht entsteht durch Verbindung, Frucht ist in erster Linie für die anderen da, Frucht kann man nicht machen, nur empfangen.

Was erwartet die Teilnehmer?

Drei Tage im Kloster Volkenroda, wo sich Tradition und Aufbruch treffen. Morgens Meditation in der Klosterkirche, tagsüber Impulse und Gespräche über Unternehmertum und Führung: Wie gestaltet man in Organisationen eine beziehungsorientierte, kreative Kultur? Wie gehen wir um mit Künstlicher Intelligenz? Wie mit Geld? Wozu ist unser Unternehmertum da? Gerade die Sinnfragen werden immer relevanter. Und abends sitzen dann eine Vorständin, ein Familienunternehmer und ein Mönch am selben Tisch und reden über das, was trägt. In klösterlicher Umgebung schöpfen Menschen Kraft, die sonst wenige Orte dafür haben.

Jetzt haben wir ja gerade eher Wirtschaftskrise, da stelle ich mir vor, so ein mittelständischer Geschäftsführer hat vielleicht andere Sorgen als ethische Führung. Was können Sie denn den Leuten in dieser Situation mitgeben? Macht Glaube wirtschaftlich erfolgreich?

Wir erzählen den Leuten sicher nicht, so funktioniert ethisches Wirtschaften nach Schema F und damit werdet ihr finanziell super erfolgreich. Daran glaube ich nicht. Es geht eher in die Richtung „nicht nur vom Brot allein lebt der Mensch“. Alles, was wir hier tun und betreiben, ist immer das Vorletzte. Aus dieser im Glauben verwurzelten Haltung kann man Ruhe gewinnen und in der liegt bekanntlich die Kraft. Aus ihr können wieder Freude, Güte, auch Innovation fließen. Dynamiken, die sich auch wirtschaftlich irgendwann niederschlagen, aber es ist keine Formel für schnellen Erfolg. Die ethische Frage nach Erfolg und Segen verdient ohnehin eine Neubestimmung. Christlich ist, sich aus Glauben auf den Weg zu machen, dem Guten und Frieden nachzujagen. Gerade im Unternehmertum lässt sich vieles gestalten. Der christliche Weg in die Nachfolge hat keine Zusage für materiellen Erfolg und doch ist er über die Maßen verheißungsvoll.

Also keine Finanztipps aus der Bibel?

Naja, es ist nicht so, dass sich mit der Bibel nicht über das Wirtschaften nachdenken ließe. Denken wir an das Gleichnis vom Sämann. Der streut geradezu verschwenderisch, vieles fällt nicht auf den fruchtbaren Boden und trotzdem entsteht hundertfacher Ertrag. Der Sämann kontrolliert die Ernte nicht, aber er sät großzügig. Das steht für mich für den Mut, auch mal einen Kontrollverlust hinzunehmen. Mutig und hoffnungsvoll zu sein. Zu investieren, auch wenn ich nicht weiß, hier bekomme ich jetzt diesen und jenen „ROI“ heraus. Die großen Innovationen sind ja oft durch Zufälle entstanden, dadurch, dass Menschen sich nicht in ein Effizienzkorsett haben pressen lassen. Oder denken wir an das Frucht-Gleichnis aus dem Johannes-Evangelium. Im Grunde genommen muss die Rebe ja nur im Weinstock abhängen, um zu wachsen. Das ist das Gegenteil von dem „Hustle“-Modus, der mittlerweile oft auch christlich gefärbt verkauft wird, nach dem Motto: Wenn ihr jetzt hier richtig Gas gebt, alles für die Vision investiert, dann kommt der Himmel zu euch auf Erden, dann werdet ihr mit Geld gesegnet. Aber es ist eben gerade nicht das menschliche Tun, das alles hervorbringt, sondern es ist diese Verbundenheit und dieses Beziehungsgeschehen, das dann auf eine geheimnisvolle Art und Weise Frucht hervorbringt. Das steckt in dem Satz „denn ohne mich könnt ihr nichts tun“.

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Das klingt tatsächlich nicht so nach dem Weg zum schnellen Erfolg.

Ehrlicherweise kommen zu uns ja auch viele, die es finanziell bereits längst geschafft haben. Die sehr erfolgreich sind in dem, was sie tun. Die überlegen sich, was mache ich denn jetzt eigentlich damit? Wie verbinde ich meine Profession mit meiner Berufung, wie verbinde ich Wirtschaft, Sinn und Ethik? Wie diene ich dem Guten? Und die Unternehmen selbst kommen doch oft gerade dann erst zum Erfolg, indem sie nicht alles auf das schnelle Geld fokussieren, sondern auf die sinnvolle Wirkung.

Kann man zu viel Geld haben?

Die Bibel ist voller Kritik am Mammon. Wenn man so will, ist das der einzige Götze, der es aus dem Alten Testament ins Neue geschafft hat. „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne und nähme doch Schaden an seiner Seele?“ Also es lohnt sich schon zu überlegen, was der seelische Grenznutzen des Kapitals ist, das man da akkumuliert. Ich würde sagen, nicht nur christlich gesprochen, sinkt der ja doch sehr schnell.

Und was folgt daraus?

Man darf sich überlegen, was dem Guten dient, den Fokus darauf setzen, wie man ein fruchtreicher Baum für die anderen wird, denn darauf ruht ein Segen, wie es in Psalm eins so schön heißt. Ein interessantes Beispiel: Voelkel, die Biosafterei. Die Eigentümerfamilie hat das Unternehmen in Stiftungshände überführt, sich also bewusst vom Privatbesitz gelöst, und versucht, andere Wege zu gehen, auch in der Art und Weise, wie sie mit Lieferanten, Herstellern und Mitarbeitenden umgeht. Und sie wachsen seit Jahren kräftig, bei einem Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Es kann durchaus eine Form von gemeinsamem Wirtschaften geben, die nicht dem Prinzip „mein Geld habe ich und du nicht“ folgt, sondern die Leistung belohnt und dem Gemeinwohl dient.

 

Tobias Siebel
Foto: Ludwig Schöpfer | Evangelischer Theologe, Germanist, Berater und Unternehmer: Tobias Siebel. Die Taler&Talar-Konferenz steigt von 2. bis 4. September im Kloster Volkenroda in Thüringen.

In der katholischen Kirche haben wir die Soziallehre, die in diesem Kontext explizit über gerechte Strukturen nachdenkt. Wie sehen Sie das als protestantischer Theologe, sorgt sich Jesus um das korrekte Wirtschaftssystem?

Die katholische Soziallehre hat hier Großes vorgedacht. Personalität, Solidarität, Subsidiarität, das sind Prinzipien, von denen wir Protestanten lernen. Mein eigener Zugang beginnt beim Einzelnen: Ich verstehe das Evangelium zuerst als Ruf in die persönliche Nachfolge. Wenn sich Einzelne verändern, verändern sich auch die Strukturen, die sie verantworten. Deswegen sind Entscheiderinnen und Entscheider in der Wirtschaft so spannend, weil sie große Gestaltungsmacht haben. Beides gehört zusammen: der verwandelte Mensch und die gerechte Struktur. Und in vielen Texten der Bibel offenbaren sich Prinzipien und Weisheiten, die uns helfen, ein gutes Wirtschaftssystem zu gestalten.

Und was wollen Sie den Entscheidern mitgeben?

Hoffnung und Mut. Reflexion und Aktivierung. Eine Frage, die viele beschäftigt, weil sie auch gesellschaftlich so relevant wird: wie man denn als Führungskraft Salz der Erde, wie man Licht sein kann. Im Marketing heißt es, Menschen folgen Menschen, also habe man fleißig an der eigenen Personenmarke zu arbeiten. Wenn man dann aber auf Johannes den Täufer schaut, der ja die unverwechselbare „Personal Brand“ schlechthin war mit seinem ganzen Auftritt und Tun, liest man seinen Purpose: Er muss zunehmen, ich aber muss abnehmen. Das ist die christliche Pointe im Vergleich zu den weltlichen Personenmarken, die der Logik folgen: mehr Ansehen, mehr Ego, mehr Reichweite. Christlich wäre es zu sagen, du kannst vielleicht eine Stimme sein, aber die Stimme verweist auf jemand anderen und nicht auf dich selbst. Wir sind schließlich in die Nachfolge gerufen.

Dazu vielleicht noch etwas anderes: Gerade die Berufung geschieht biblisch oft im Berufskontext. Jesus beruft Fischer, während sie fischen. Und eines der ersten Bekenntnisse zu Christus spricht ausgerechnet ein römischer Hauptmann im Dienst unter dem Kreuz: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen.“ Er ist derjenige, der mitten in seinem Job nicht wegschaut, sondern erkennt, was da passiert. Auch das können wir lernen: im Beruf die Augen nicht zu verschließen. Es gibt viele, die mit der Haltung leben, von Montagmorgen bis Freitagabend bin ich mit meinem Job beschäftigt, da geht es um Business, da bin ich emotional und spirituell in der neutralen Zone. Und dann wundern sie sich, warum das Herz abstumpft. Aber es gibt keine Schweiz für das Herz.

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