Demografische Entwicklung

Auf dem Weg in die "Silver Society"

Eine alternde Gesellschaft ist herausfordernd, bietet aber auch Chancen.
Seniorengruppe
Foto: Matthias Hiekel (dpa-Zentralbild) | Nicht wenigen Menschen läuft bei der Vorstellung einer nicht nur alternden, sondern möglicherweise gar überalterten Gesellschaft der ein oder andere Schauer über den Rücken - und das aus vielerlei Gründen.

Wir alle werden immer älter - und das ist auch gut so. Das "Zukunftsinstitut" mit Sitz in Frankfurt am Main und dessen Leiter Matthias Horx umschreiben eine Gesellschaft, in der aufgrund des demografischen Wandels immer weniger junge, dafür aber immer mehr ältere Menschen leben, gar wohlklingend als "Silver Society": Horx und seine Mitarbeiter, zu denen einst auch der Zukunftsforscher Erik Händeler gehörte, widmen sich bereits seit längerem den vielfältigen Auswirkungen des demografischen Wandels und der sich im Entstehen befindlichen Silver Society. "Um die demografische Transformation erfolgreich zu meistern, braucht es", so ist Horx überzeugt, "neue soziale und ökonomische Rahmenbedingungen und auch mental einen neuen Zugang zum Altern" - wodurch große Chancen für eine neue soziokulturelle Vitalität eröffnet und so manche Ängste vor dem demografischen Wandel genommen werden könnten.

Der demografische Wandel ist bereits jetzt auf dem Arbeitsmarkt sichtbar

Denn nicht wenigen Menschen läuft bei der Vorstellung einer nicht nur alternden, sondern möglicherweise gar überalterten Gesellschaft der ein oder andere Schauer über den Rücken - und das aus vielerlei Gründen. Neben einer steigenden Anzahl derjenigen Älteren, die mit gesundheitlichen Einschränkungen oder gar Pflegebedürftigkeit zu kämpfen haben und einem starken Missverhältnis zwischen Einzahlern und Empfängern im Rentensystem sei nur ein Beispiel genannt: der bereits jetzt offen zutage tretende Arbeitnehmermangel in vielen Branchen, der Deutschland gegenwärtig für alle sichtbar in Atem hält.

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Denn dieser lässt sich nur zum Teil durch die Auswirkungen der Corona-Pandemie erklären, aufgrund dessen zahlreiche Branchen auf dem Höhepunkt der Pandemie mit erzwungenem Stellenabbau und freiwilligen Kündigungen (auch als "The Big Quit"-Phänomen bekannt) gerade im Pflege- und Dienstleistungsbereich leben mussten und die verloren gegangenen Stellen bislang nicht adäquat neu besetzen konnten.

Der eigentliche Grund, warum Deutschland zwar nicht die Arbeit, jedoch die Arbeitnehmer ausgehen, ist nämlich einer anderen Tatsache geschuldet: Bis zum Jahr 2030 wird die gesamte Generation der "Babyboomer" in den (wohlverdienten) Ruhestand gegangen sein und bereits heute werden dem Arbeitsmarkt Monat für Monat durch regulären Renteneintritt oder Frühverrentung rund 30.000 Arbeitskräfte entzogen. Gar erst zum Jahr 2035 wird mit einem wirklichen Ende der Talfahrt auf dem Arbeitsmarkt gerechnet - wenigstens bis dahin muss die bundesrepublikanische Gesellschaft lernen durchzuhalten.

Robotisierung und Automatisierung vorantreiben

Doch wie kann auf diesen Arbeitskräftemangel mit Ansage, der selbstverständlich potenziell auch nicht mehr abschöpfbares Know-how für zahlreiche Branchen und Unternehmen sowie weniger Beitragszahler für die Sozialsysteme verheißt, reagiert werden? Ein Lösungsansatz besteht zumindest für die Industrie im stetigen Vorantreiben der Robotisierung und Automatisierung. Laut dem "Automatica-Trendindex 2022" setzen bereits jetzt 80 Prozent der deutschen Unternehmen auf Roboter: Gerade monotone und gefährliche Tätigkeiten, aber auch solche Arbeitsplätze, die auf absehbare Zeit nicht mit nachrückenden Arbeitskräften besetzt werden können, sollen in Zukunft am besten gleich von Maschinen erledigt werden. So kann in Branchen, die ansonsten aufgrund fehlenden Personals in die Bredouille geraten könnten, effizienter, nachhaltiger und produktiver gearbeitet werden, da Roboter und Maschinen bekanntlich weder Feierabende, Wochenenden noch Urlaube kennen. 

Doch da Roboter und Maschinen ebenfalls nicht dafür bekannt sind, Steuern, Renten- und Sozialabgaben zu bezahlen, wird der Gesetzgeber nicht darum herumkommen, hier eines Tages in Gesetzesform tätig zu werden und hochautomatisierte Unternehmen eine den Sozialsystemen dienliche "Roboter- und Maschinenabgabe" zahlen zu lassen.

In der Gesundheits- und Pflegebranche, in den sogenannten MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaft, Technik), aber auch im Handwerk ist wiederum neben dem Rühren der Werbetrommel für diese Berufsfelder im Inland das verstärkte Anwerben von ausländischen Fachkräften und eine koordinierte Arbeitsmigration erforderlich. Gerade für Deutschland, so sind sich Experten einig, ist es unabdingbar, dass es attraktiver für ausländische Fachkräfte wird und diese möglichst unbürokratisch und ohne zahlreiche Hürden anlockt.

Lebenslanges Lernen notwendig

Neben der Politik liegt es auch an den Unternehmen selbst, Fachkräfte erfolgreich und möglichst unbürokratisch anzuwerben und zu halten. Das Stichwort hierfür ist "New Work": Attraktive Arbeitsbedingungen, agile Arbeitsstrukturen, umfangreiche Weiterbildungsmöglichkeiten und zudem die Schaffung eines guten privaten Umfeldes für die anzuwerbenden Arbeiter und deren Familien. Die Digitalisierung der Arbeitswelt macht außerdem lebenslanges Lernen notwendig: Lebenslanges Lernen muss für Arbeitskräfte aller Qualifikationsniveaus wie für Arbeitgeber zu einer selbstverständlichen Daueraufgabe werden, weswegen die Möglichkeiten zur Weiterbildung, Höherqualifizierung und Umschulung ausgebaut werden müssen.

Ob innerhalb des eigenen Unternehmens oder bedingt durch Berufs- und Branchenwechsel: Die Wahrscheinlichkeit, von der Lehre bis zur Rente ein und dieselbe berufliche Tätigkeit auszuüben, wird in den kommenden Jahren äußerst gering sein. "Der altersbedingte Rückgang der Erwerbspersonenzahl kann zumindest teilweise durch ein steigendes Bildungsniveau ausgeglichen werden, da mit einem höheren Bildungsniveau tendenziell eine höhere Pro-Kopf-Produktivität einhergeht", ist sich zudem Elke Loichinger, Forschungsgruppenleiterin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB), sicher. Dies ist nur eines der Ergebnisse einer aktuellen Studie, die das BiB unter dem Titel "Demografischen Wandel neu entdecken" Mitte Juli veröffentlichte und in der bislang unbekannte Perspektiven auf den demografischen Wandel zwischen 1991 und 2021 präsentiert werden.

Resilienz und technische Innovationen steigern die Lebensqualität im Alter

Ein weiteres BiB-Projekt trägt den Titel "Resilient Life Courses and Vulnerabilities in Old Age (REVEAL)" und beschäftigt sich mit der Frage, wie es älteren Menschen mit unterschiedlichen gesundheitlichen, finanziellen und sozialen Ressourcen gelingen kann, zufrieden zu altern. "Unser Forschungsprojekt soll letztendlich das Wissen darüber erweitern, welche Ressourcen und Strategien nötig sind, um den Lebensrisiken im höheren Alter zu begegnen und so die Lebensqualität, Kompetenz und gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen zu bewahren oder zu steigern", sagt Volker Cihlar. Dabei spiele der Gedanke der Prävention eine große Rolle, insbesondere was die Förderung der individuellen und sozialen Schutzfaktoren angeht. "Hier kann unsere Forschung wertvolle Beiträge für die Praxis liefern", ist sich der Wissenschaftler sicher - und plädiert unter anderem für die soziale Unterstützung älterer Menschen, etwa durch Mitmenschen oder staatliche Leistungen sowie dafür, Mechanismen und Strategien für Lebensrisiken und Grenzerfahrungen wie Einsamkeit, Krankheiten, Leid und Tod zu entwickeln, um diesen gegenüber Resilienz aufzubauen. Cihlar ist sich zudem sicher, "dass wir sehr individuelle und aktive Ruheständlerinnen und Ruheständler erleben werden" - denn in einer immer individueller ausgerichteten Gesellschaft wird es immer selbstverständlicher sein, dass jeder eine eigene Definition von glücklichem und zufriedenem Altern hat und auf dieses auch nachdrücklich hinwirken sollte.

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Neben der eigenen geistigen und körperlichen Resilienz dürften der technologische und medizinische Fortschritt für eine gute Lebensqualität innerhalb einer immer älter werdenden Gesellschaft sorgen: So ermöglicht die Nanotechnologie neue Forschungsansätze im Kampf gegen bislang als unheilbar geltende Krankheiten und gentechnisch konstruierte, personalisierte Arzneien werden in einigen Jahren den Heilmittelmarkt beherrschen. Künstliche Intelligenz und Robotik wiederum dürften beispielsweise in Form von Pflegerobotern oder technischen Assistenzsystemen, ausgestattet mit Tools für eine vereinfachte Bild-Sprach-Kommunikation mit den Angehörigen, stärker als bisher alten und kranken Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden ermöglichen.

Die "Silver Society" ist schon längst angebrochen

Und sobald die Technik ausgereift genug ist, sollte es durch das hierzulande allzu oft belächelte Autonome Fahren oder durch Flugtaxis und Hyperloops einfacher werden, unfallfrei und entspannt von A nach B zu gelangen und älteren Menschen die Entscheidung ersparen, ob sie ihren Führerschein abgeben oder behalten sollten. Und warum nicht zum Beispiel auf gedankengesteuerte Arm- und Bein-Prothesen für Amputierte und Querschnittsgelähmte sowie aus dem 3D-Drucker gedruckte Ersatzorgane und Kunstherzen hoffen, die Spenderorgane überflüssig machen?

Der Blick auf die Zukunft wird oftmals durch ein zu starkes Festhalten an einer vermeintlich "guten, alten" Vergangenheit erschwert. Doch gerade in Zeiten des demografischen Wandels ist es an der Zeit, Bertolt Brecht vom Kopf auf die Füße zu stellen: "Das Bewusstsein bestimmt das Sein." Denn die "Silver Society" ist schon längst angebrochen - und die Senioren sind in nahezu allen Bereichen deren Taktgeber.

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