Wo Kunst und Kirche zur Symbiose fanden

Die Toskana ist das Land der Etrusker und der Medici, Dantes und Michelangelos, kunstsinniger Mönche und frommer Kaufleute. Von Stephan Baier
Traditionsreichstes Pferderennen der Welt - Palio von Siena
Foto: dpa | Der Palio, das berühmteste Pferderennen Italiens, findet in Siena zweimal jährlich zu Ehren der Gottesmutter statt.

Die Toskana ist Touristen aus aller Welt bekannt als Land gehaltvoller Rotweine und delikater Weißweine, der Etrusker-Kultur wie der Renaissance-Kunst. Rund um den Torre Pendente, den schiefen Turm von Pisa, um den Dom zu Florenz oder die Piazza del Campo von Siena drängen sich Menschen aus aller Herren Länder. Wer den Touristenmengen ausweichen möchte oder einfach keine Lust hat, Stunden in der Schlange vor dem Duomo von Firenze oder Siena zu verbringen, findet in diesem von christlicher Kunst und Kultur getränkten Landstrich so manches Kleinod, das in Stille und ohne Gedränge zu genießen ist.

Selbst im August verirren sich nur wenige Touristen in Florenz in die gotische Kirche Santa Croce, wo man fast einsam vor dem Grabmal Michelangelos und, gleich gegenüber, Galileo Galileis über die Großen der Geschichte meditieren kann. Warum nur wollte das in Rom verstorbene künstlerische Multitalent der Renaissance, der Maler, Architekt und Bildhauer Michelangelo Buonarroti, der für fünf Päpste – zwei davon aus dem Hause Medici – tätig war, gerade hier bestattet werden?

Wer mehr als Klischees über die berühmteste Familie der Toskana erfahren will, öffne seine Augen in der Cappella dei Principi von San Lorenzo, der Hauskirche der Medici. San Lorenzo, im Jahr 393 geweiht von Ambrosius von Mailand, zählt zu den ältesten Kirchen der Stadt. Zusammen mit der von Michelangelos imposanten Medici-Grabmälern dominierten Neuen Sakristei ist die Fürstenkapelle das bleibende Vermächtnis der Medici: ein Zeugnis ihres Macht- und Sendungsbewusstseins wie ihrer Liebe zur Kunst und zum Katholischen. Michelangelo schuf auch die Darstellungen von Lorenzo il Magnifico und von dessen Neffen. Giovanni de Medici, der Bruder des Erstgenannten und Onkel des Zweiteren, saß als Papst Leo X. von 1513 bis 1521 auf dem Stuhl Petri – solche Familienbande entziehen sich allen Vergleichen. Herzog Cosimo de Medici ließ seinen Landsmann Michelangelo nach dessen Tod feierlich nach Florenz überführen.

Nur ein paar Straßen weiter findet sich das Dominikanerkloster San Marco aus dem 13. Jahrhundert: Auch hier stolpert man über die Medici, denn zwei Klosterzellen waren für Cosimo il Vecchio reserviert. Offenbar brauchten erfolgreiche Machtmenschen damals noch Zeiten des Rückzugs in Gebet und Besinnung. Vor allem aber sollte man sich den Fresken von Fra Angelico widmen. Dieser ebenso fromme wie künstlerisch hochbegabte Dominikaner wurde von Papst Johannes Paul II. 1982 seliggesprochen und gilt mit Recht als Patron der christlichen Künstler. In San Marco malten Fra Angelico und seine Schüler nicht nur im Kreuzgang und im Kapitelsaal, sondern auch in den vielen Klosterzellen Szenen aus dem Leben Christi. Ebenso in dominikanischer Tradition steht die gotische Kirche Santa Maria Novella, und auch sie beheimatet Meisterwerke der christlichen Malerei, etwa Masaccios Trinitätsfresko und die Fresken Ghirlandaios zum Leben Mariens und Johannes des Täufers.

Wer von Florenz rasch nach Pisa eilt, um dort auf dem Campo dei Miracoli den weltberühmten Turm zu fotografieren, hat das Beste verpasst. Etwa Prato, Pistoia und Lucca. Prato war der bedeutendste Standort der italienischen Textilindustrie, ist heute jedoch überschwemmt von chinesischer Billigware. Etwa 40 000 Chinesen prägen das Stadtbild, durchaus zum Missfallen vieler Italiener, die von mafiosen Strukturen munkeln. Ganz italienisch ist der Dom – und die Geschichte rund um seine wertvollste Reliquie. Als wäre der Duomo mit seiner von Donatello verzierten Außenkanzel nicht Sehenswürdigkeit genug, beanspruchen die Prateser, den Gürtel Mariens zu verwahren. Die Legende geht so: Der Apostel Thomas, der offenbar die Zuschreibung des Ungläubigen nie mehr los wird, habe die Himmelfahrt der Gottesmutter verpasst und darum angezweifelt. Also erschien sie ihm im Traum, um ihm ein stoffliches Geschenk zu überreichen: ihren Gürtel. Obgleich bekannt ist, dass Thomas zunächst im Zweistromland, später in Indien missionierte und im heutigen Chennai starb, sagt die Legende, Thomas habe den Gürtel Mariens im Heiligen Land einem Priester vermacht. Als ein Kaufmann aus Prato im Jahr 1141 in Jerusalem eine Palästinenserin namens Maria heiratete, erhielt er den Gürtel als Mitgift. Der fromme Kaufmann soll ihn in einem Schilfkorb verborgen und nachts darauf geschlafen haben, was höheren Orts nicht gut ankam: Engel sollen ihn aus dem Bett geschubst haben, um ihm beizubringen, dass er auf der Reliquie nicht zu ruhen hat. Jedenfalls vermachte er ihn der Kirche und der Kommune. Seither wird er im Dom zu Prato sorgsam gehütet. An fünf kirchlichen Feiertagen wird der „Sacro Cingolo“ zur Verehrung präsentiert, selbstverständlich auch am Hochfest Mariae Himmelfahrt.

In Lucca, der Geburtsstadt des Komponisten Giaccomo Puccini, ist nicht nur die Piazza del Mercato, die ihre Form dem einstigen römischen Amphitheater verdankt, sehenswert. Neben der prachtvollen Michaelskirche sollte man den aus dem 11. Jahrhundert stammenden Dom San Martino besuchen. Er birgt – hinter Gittern in einem oktogonalen Tempietto aus dem 15. Jahrhundert – eine hölzerne Darstellung des Gekreuzigten, die fromme Menschen als „Volto Santo“ verehren. Der Legende zufolge soll diese Darstellung zur Zeit der Kreuzigung Jesu von Nikodemus aus libanesischem Zedernholz geschnitzt worden sein. Ein Boot ohne Besatzung soll den Corpus 782 an die toskanische Küste bei Luni gebracht haben, von wo er auf einem herrenlosen Ochsenkarren nach Lucca gezogen wurde. Wissenschaftler datieren die Darstellung auf das 11. Jahrhundert, doch wurde Nikodemus wegen des „Volto Santo“ zu einem Patron christlicher Bildhauer. Kein Geringerer als Michelangelo fertigte ein Selbstbildnis in der Rolle des Nikodemus an. Auf mittelalterlichen toskanischen Münzen findet sich der „Volto Santo“, und der 1087 gekrönte englische König Wilhelm II. soll einen Eid „per vultum de Lucca“ abgelegt haben. Dante, Italiens größter Dichter, erwähnt den „Volto Santo“ im 21. Gesang der Hölle seiner Göttlichen Komödie. Einmal im Jahr, am 13. September, dem Vorabend des Festes Kreuzerhöhung, wird eine Kopie des Holzkreuzes in feierlicher Prozession durch die Straßen von Lucca getragen, wobei viele Bürger mit Fackeln und in historischen Kostümen erscheinen und die Palazzi mit Kerzen geschmückt sind.

Nicht erst seit der Eröffnungsszene des James Bond-Films „Ein Quantum Trost“ ist der Palio von Siena weltberühmt. Jeder Besucher weiß, dass das Pferderennen auf der mittelalterlichen Piazza del Campo von Siena ein traditionsreicher Wettkampf der 17 Contrade, der Stadtviertel Sienas, ist. Aber nicht jeder weiß, dass das berühmteste Schauspiel der Toskana, das jedes Jahr am 2. Juli und am 16. August stattfindet, mit der Gottesmutter in enger Verbindung steht: In der Auseinandersetzung mit Florenz wähnte sich Siena im Jahr 1260 verloren. Die Florentiner belagerten Siena und forderten die Übergabe der Stadt. Die Sienesen jedoch legten die Schlüssel ihrer Stadt nicht den Feinden, sondern dem Altarbild der Gottesmutter im Dom zu Füßen. Daraufhin errangen sie ihren größten Sieg – und nannten ihre Stadt fortan „Civitas Virginis“, Stadt der Jungfrau. Ungeachtet der späteren, wechselvollen Stadtgeschichte geht es beim Palio darum: der Wettkampf findet zu Ehren der Gottesmutter statt, die Contraden flehen Maria um den Sieg an, und der Siegespreis ist eben der Palio – eine Standarte mit dem Bild der Gottesmutter.

Abseits der Autobahn führen kleine Straßen durch malerische Hügellandschaften nach Volterra, die Heimatstadt des zweiten Papstes: San Lino ist hier noch eine kleine Kirche gewidmet, in der Johannes Paul II. einst des ersten aus Italien stammenden Papstes gedachte. Die Deckengemälde zeigen Linus thronend und mit Tiara. Ein Anachronismus, denn der Vikar und spätere Nachfolger Petri trug nichts dergleichen und erlitt im Jahr 79 – zwölf Jahre nach Petrus – in Rom das Martyrium. Wer Volterra besucht, wird am Etruskischen Museum und am römischen Theater nicht achtlos vorbeigehen. Er sollte aber auch Papst Linus einen Abstecher widmen, nicht bloß aus kunst-, sondern aus kirchengeschichtlichen Gründen. Beides ist in der Toskana jedenfalls untrennbar verwoben: Kirche und Kunst, Glaube und Kultur.

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