Die „Insel des ewigen Frühlings“ gilt vielen noch immer als Mekka für Sonnenanbeter – als Abfolge von Stränden, Dünen und Hotelpools im Atlantikwind. Doch hinter den Badebuchten beginnt ein anderes Fuerteventura: eine archaische Landschaft aus weiten Vulkanebenen, zerklüfteten Steilküsten und stillen Bergtälern. Alte Pilgerwege und Hirtenpfade durchziehen das zentrale Hochland, führen durch Palmentäler und über aussichtsreiche Grate. Für Wanderer ist die scheinbar karge Insel ein Geheimtipp – ursprünglich und von stiller Schönheit.
Wenn in Nordeuropa der Winter graue Tage bringt, beginnt hier die vielleicht schönste Jahreszeit. Aus ockergelbem Vulkanboden sprießen gelbe Blüten, zwischen Basalt und Sand erscheinen zarte Orchideen, und selbst die sonst so kargen Hänge im Inselinneren können nach nächtlichem Regen überraschend grün schimmern. Fuerteventura zeigt sich dann mild, lichtdurchflutet und offen – ein ideales Terrain für Naturerlebnisse zu Fuß. Während Teile der Ostküste vom Massentourismus geprägt sind, blieben die Westküsten, die Halbinsel Jandía und das zentrale Bergland weitgehend ursprünglich. Restaurierte Altwege, behutsam angelegte Aussichtspunkte und kleine Besucherzentren erschließen die Landschaft, ohne ihren Charakter zu verändern.
Eine der eindrucksvollsten und zugleich geschichtsträchtigsten Wanderungen beginnt im Dorf Vega de Río Palmas, südlich des Ortes Betancuria. Am Kirchplatz lohnt ein Blick auf den Altar der Iglesia de Nuestra Señora de la Peña. Dort wird die nur zwanzig Zentimeter kleine Alabasterfigur der Virgen de la Peña verehrt – „die Jungfrau aus dem Fels“. Sie gilt seit Jahrhunderten als Schutzpatronin Fuerteventuras und ist eines der ältesten christlichen Symbole des Archipels. Der Überlieferung nach brachte der Eroberer Jean de Bethencourt die Figur im 15. Jahrhundert auf die Insel.
Vom Dorf führt der Weg sanft talabwärts in eine von Palmen gesäumte Schlucht, einen „Barranco“. Nach wenigen hundert Metern öffnet sich ein Postkartenblick wie ein Set in einer biblischen Landschaft: Unter einer Felswand steht eine winzige strahlend weiße Kapelle, die Ermita de la Virgen de la Peña. Eine Legende erzählt, dass hier im 15. Jahrhundert ein Mönch die kleine Marienfigur in einer Felsspalte fand. Genau an dieser Stelle entstand dann das Heiligtum, bis heute Ziel der größten Wallfahrt der Insel. Einmal im Jahr ziehen Pilger aus ganz Fuerteventura zu Fuß in das Tal, bringen in der Kapelle Gaben dar und feiern anschließend Messe, Prozession und Volksfest im nahen Dorf.
Hinter der Kapelle folgt der Weg in Richtung Westen. Basaltwände rücken näher, Geröllfelder wechseln mit grünen Inseln aus Schilf und Palmen. Kaum ein anderer Ort zeigt so eindrucksvoll, wie Wasser, Wind und Zeit die vulkanische Landschaft geformt haben. Schließlich öffnet sich die Schlucht zur Küste bei Ajuy. Über den Klippen erhebt sich dort eines der spektakulärsten Naturdenkmäler Fuerteventuras: die Peña Horadada, ein rund zwanzig Meter hoher Felsbogen, geformt aus Millionen Jahren Brandung, Salz und Erosion.
Der Ort trägt auch historische Spuren. Der Überlieferung zufolge landeten 1402 Eroberer im Auftrag der spanischen Krone an dieser Küste und zogen von dort durch den Barranco hinauf ins Inselinnere – entlang derselben Route, die Wanderer heute meist in umgekehrter Richtung gehen. So verbindet diese Durchquerung Naturerlebnis und Geschichte: ein Weg der Hirten, Pilger und frühen Siedler.
Zeugnisse von Kolonialzeit und Christianisierung
Die Landschaften beiderseits des Pfades gehören zum geschützten Naturraum des Betancuria-Massivs. 2009 wurde Fuerteventura als letzte der Kanarischen Inseln in das UNESCO-Netz der Biosphärenreservate aufgenommen – ein entscheidender Impuls für nachhaltigen Tourismus. Im Herzen dieser Region liegt die einstige Inselhauptstadt Betancuria, von Jean de Bethencourt kurz nach der Eroberung gegründet. Weiß getünchte Häuser, Palmenhöfe und die Kirche Santa María erzählen von Kolonialzeit und Christianisierung. Nach Jahrzehnten der Abwanderung erlebt der charmante Ort heute eine behutsame Wiederbelebung durch Kultur- und Naturtourismus.
Ein gelungenes Beispiel ist die Casa Santa María im historischen Ortskern. Das Landhaus aus dem 17. Jahrhundert wurde in jahrelanger Arbeit restauriert und ist heute Handwerkszentrum, gastronomischer und kultureller Treffpunkt. Im schattigen Patio genießen Einheimische und Besucher eine Küche, die Tradition und Moderne verbindet – ein sinnliches Echo der Landschaft.
Rund um Betancuria verlaufen mehrere Höhenwege mit weiten Blicken über Täler und Berge. Wer in der historischen Hauptstadt länger verweilt, findet dort ansprechende neue Unterkünfte und ein modernes Museum zur Geschichte der Ureinwohner Fuerteventuras, das für Forscher wie Besucher zentrale Anlaufstelle zum archäologischen Erbe der Insel ist.
1000 Jahre lebten die Ureinwohner in Abgeschiedenheit
Die Majoreros – auch Majos genannt – waren die Ureinwohner Fuerteventuras und gehörten zu den Guanchen, der indigenen Bevölkerung der Kanarischen Inseln. Fast tausend Jahre lebten sie in nahezu völliger Abgeschiedenheit. Sie sprachen eine eigene, berberische Sprache, die nur auf der Insel verstanden wurde. Seefahrt beherrschten sie nicht, geeignete Werkzeuge für den Schiffbau fehlten. Kontakte zu anderen Inseln oder gar nach Europa gab es nicht. Erst mit der kastilischen Eroberung im 15. Jahrhundert endete diese Isolation – und mit ihr eine eigenständige Kultur.
Was wir heute über die Ureinwohner wissen, stammt vor allem aus der Chronik „Le Canarien“ der Eroberer. Demnach lebten die Inselbewohner von Viehzucht; zur Zeit der Conquista soll es rund 60 000 Ziegen und Schafe gegeben haben. Die meisten Majoreros waren Hirten, wohnten in natürlichen Höhlen oder einfachen Steinhäusern und kleideten sich in Tierfelle. Technologisch befanden sie sich auf der Stufe der Jungsteinzeit. Noch heute begegnet man ihren Spuren: Felsgravuren, Siedlungsreste, stille Zeugnisse einer versunkenen Welt.
Über ihr Aussehen ist wenig überliefert. Europäische Chronisten beschrieben sie jedoch als auffallend groß. Wer heute auf der kurvenreichen Straße durch die vulkanische Bergwelt nach Betancuria fährt, trifft unvermittelt auf zwei monumentale Gestalten: Am Mirador de Guise y Ayose stehen die viereinhalb Meter hohen Bronzestatuen der legendären Könige Guise und Ayose. Sie erinnern an die letzten Herrscher der Insel vor der kastilischen Eroberung.
1405 kapitulierten beide Könige
Nur mit einem Lendenschurz bekleidet, blicken die Figuren über eine Landschaft von archaischer Wucht: erloschene Feuerberge in Pyramidenform, vom Wind geschliffene Lavazüge, deren Falten im Abendlicht wie Elefantenhaut wirken. Wenn die Sonne sinkt, leuchten die Berge in Goldgelb und Orangerot – eine Naturkulisse wie ein Bühnenbild.
Zur Zeit der Eroberung war Fuerteventura in zwei Reiche geteilt: Guise herrschte im Norden, Ayose im Süden. Zunächst leisteten die Majoreros Widerstand. Doch 1405 kapitulierten beide Könige. Mit ihrer Unterwerfung begann das Ende der Majos als eigenständige Ethnie. Die Christianisierung wurde im Laufe des 15. Jahrhunderts mit der Taufe der einheimischen Bevölkerung und der Einrichtung kirchlicher Strukturen formal abgeschlossen.
Ein Relikt aus vorchristlicher Zeit ist die Pared de Jandía. Die rund sechs Kilometer lange Mauer quer über die schmale Landenge gilt als historische Grenze zwischen den beiden Herrschaftsgebieten – möglicherweise aber eher als Trennung von Weide- und Ackerland. Von der einst etwa anderthalb Meter hohen Trockensteinmauer sind nur noch wenige geschützte Reste erhalten.
Heute folgt ein markierter Wanderweg ihrem Verlauf. Er führt von der zersiedelten Costa Calma im Osten durch eine karge, beinahe wüstenhafte Landschaft bis an die raue Westküste. Der etwa zweistündige Marsch endet in der kleinen Ferienhaussiedlung La Pared, in der sich Individualisten aus aller Welt niedergelassen haben. Von dort lockt eine Klippenwanderung entlang zerklüfteter Steilküsten, vorbei an weißen Kalksteinwänden und bizarren Felsformationen, an denen unaufhörlich die Atlantikwellen brechen.
Fuerteventura gibt seine Tiefe nicht auf den ersten Blick preis. Doch wer sich auf den Weg macht, entdeckt mehr als Strände und Wind: eine Insel voller Geschichten – und die leisen Spuren eines fast vergessenen Volkes.
Die Autorin ist Kunsthistorikerin und Journalistin.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









